Thema: Nazizeit Tagtäglich den Nationalsozialismus vor Augen

Zum Artikel „771 Prüfungsarbeiten aus der Nazizeit entdeckt“, Kurier vom 21. März. 

Eine kleine Sensation? Nicht wirklich. Denn der Bericht im Kurier legt nahe, dass der Historiker Albrecht Bald – der am Dienstag, 19. März, im Evangelischen Gemeindehaus im Rahmen der Veranstaltung: Drittes Reich – Hochschule für Lehrerbildung in Bayreuth 1936 bis 1942, über die Prüfungsarbeiten referierte – bereits 2007 mit der Universität über das Thema korrespondierte. Somit wurden diese Unterlagen aus der NS-Zeit bereits seinerzeit quasi öffentlich mit Albrecht Bald erörtert.

Irritierend für Leser des Berichts könnte auch die auf 2007 datierte Übernahme der Prüfungsunterlagen sein, die die Universitätsbibliothek von der Pädagogischen Hochschule erhielt. Dieser Vorgang war lediglich eine Verlagerung der Akten innerhalb der Universität, denn die Pädagogische Hochschule (1958 bis 1972) gehörte nach dem Verlust ihrer Eigenständigkeit ab 1972 als „Fachbereich Erziehungswissenschaften Bayreuth“ zur Universität Erlangen/Nürnberg, und im Oktober 1975 wurde sie dann durch Umgruppierung der Universität Bayreuth zugeordnet – und somit noch in einem Monat vor deren offiziellen Eröffnung im November 1975. 

Dass Dozenten einer Fachhochschule für Lehrerbildung während der Nazizeit im Geiste der Staatsführung „Vererbungslehre und Rassenkunde“ lehrten, sollte nicht überraschen. Wichtiger ist dagegen die Frage: Gab es in Bayreuth entsprechende Zeugnisse aus der NS-Zeit, die sich nach 1945 in dieser ehemaligen Gauhauptstadt behaupteten und jahrelang weiterhin durch ihre Existenz einen entsprechenden NS-Geist spiegelten?

Ein exemplarisches Beispiel dafür war das sogenannte Steno-Haus, das seinerzeit die Zentrale des Verbandes Nationalsozialistischer Stenografen und dann die Uni-Verwaltung beherbergte. Und wer mehr als 30 Jahre nach Kriegsende in diesem Haus die Treppen emporstieg – und es waren in der Aufbauphase der Universität Bayreuth sicher nicht wenige – stand unvermittelt vor einem der Treppenhausfenster mit einem stilisierten Emblem des NS-Verbandes: dem Hakenkreuz mit Bleistift. 

Zu dem historischen Kontext entsprechender Vorkommnisse passt auch das zuvor erörterte Thema Rassenkunde. Denn den Studenten wird in der Universität Bayreuth tagtäglich, mittels einer namhaften Würdigung und einer Wandtafel, ein Wissenschaftler als besonderes Vorbild gegenübergestellt.

Und dies, obwohl er als früher Nationalsozialist (1. Mai und 10. Juli 1933: NSDAP und SA) von der Fachschaft Naturwissenschaften der Friedrich-Wilhelms-Universität – der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin – für ganz besonders kompetent und politisch integer erachtet wurde, um unter anderem im Wintersemester 1933/34 eine Arbeitsgemeinschaft zum Thema „Rasse und Volkstum“ zu leiten.

Es war für diesen Wissenschaftler offenbar sehr wichtig, sich die Einschätzung seines NS-ideologischen Wirkens von Vertretern der Fachschaft wiederholt auch schriftlich bestätigen und diese „Zeugnisse“ gemeinsam am 16. April 1936 über einen Institutsdirektor (PG) in seiner Personalakte hinterlegen zu lassen.

Da die gegenwärtige Universität die Freigabe der Prüfungsarbeiten anhand der Personaldaten prüft, ist dieser Initiative – wie auch einer anstehenden Entscheidung zu den Kriterien eines Vorbildes – zumindest vorerst zuversichtlich entgegenzusehen.

 

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