Thema Nachtleben: Wir brauchen mehr Geheimnis

Von Florian Zinnecker

Natürlich kann man versuchen, über das Nachtleben der Stadt, in der man aufgewachsen ist, ein paar objektive Wahrheiten zu finden. Aber das wäre nicht ehrlich.

Um zu begreifen, wo das Problem liegt, muss dieser Text vor zwanzig Jahren beginnen. Damals – ungefähr – begann ich zu verstehen, was ein Nachtleben ist, ich ahnte, dass am anderen Ende der Nacht geheimnisvolle Dinge liegen mussten, ich hatte von den Orten gehört, an denen sich das alles abspielt (Halifax! A9!), selbst kannte ich die Orte bestenfalls bei Tag und von außen, denn ich war noch keine zehn Jahre alt, das alles war unerreichbar, aber es interessierte mich sehr. 

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In dem Jahrzehnt, das dann folgte, passierten ein paar entscheidende Dinge. Ich lernte ein paar der verheißungsvollen Orte auch nach Einbruch der Dunkelheit kennen, ich hörte wilde Geschichten über die Partys in der damals noch nicht stubenreinen Schokofabrik, irgendwann trat ich zum ersten Mal über die Schwelle der berühmten, großen, tollen Rosenau, ich kapierte, was die richtige Kombination aus Musik, Freunde, Alkohol und der Magie des Moments anstellt – und ich hörte zum ersten Mal, dass das alles hier ja ganz schön lahm sei.

Alles, was ich nach Einbruch der Dunkelheit mit Eintrittsstempel auf der Hand in Bayreuth erlebte, war begleitet vom Grundrauschen, das Bayreuther Nachtleben sei lahm und öde und lächerlich. Aber anderswo, ja, da gehe richtig was. Dieses Begleitbrummen nervte, es nervte vor allem deshalb, weil es gerade beim Feiern darum geht, auch mal zu vergessen, wo genau nun oben und wo unten ist.

Und es war ohnehin schwer genug zu vergessen, dass das hier Bayreuth ist, denn die Frage „Wohin heute?“ stellte sich nicht, weil die Antwort immer gleich lautete; anschließendes Weiterziehen war nicht möglich oder hätte gute Organisation erfordert. Und so kam’s: Das, was früher wild und aufregend roch, schmeckte bald nach einem schalen Kompromiss.

Eine ganz normale Entwicklung. Aber in ihr liegt vielleicht die Lösung des Problems.

Bayreuth ist kein verhexter Ort, in dem Nachtleben nicht möglich ist, das zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass hier so etwas wie die „Suite“ möglich war. Aber das Nachtleben, auch das kommerzielle, braucht dringend mehr Geheimnis. Mehr Überraschung, mehr neue Orte, mehr Mut (auch bei den Behörden). Es gab schon Partys in der Tiefgarage des Rotmaincenters – da muss doch noch mehr drin sein. Und wenn dann eines Tages mehr drin ist, wird sich das Problem des Nachtlebens irgendwann von selbst erledigt haben: das Gerücht, dass es hier gar keins gibt.