Thema: Festspiele Ins Moderne, Alberne und Abstruse gezerrt

Zum Leserbrief „Nur Peinlichkeiten und Überflüssiges“ von Heribert A. Bludau, Kurier vom 1. August.

Im Prinzip hat Herr Bludau recht, wenn er die seit Jahren beobachtete Tendenz der Verfälschung der Werke Richard Wagners bei den Bayreuther Festspielen ankreidet. Zwar ist das Ändern und Verfremden von Originalhandlungen nicht nur hier, sondern auch an anderen Opernbühnen inzwischen ein allseits gängiger Trend (ich verweise hier auf die „Café Opéra II” von Carl Reisinger), doch ist es hier in seinem ureigensten Haus, das nur für seine Opern gebaut wurde, besonders schlimm.

Es ist wirklich abwegig, wenn bei einem klassischen Handlungsstoff oder einem, der wie bei Wagner auf Sagen beruht, der Text teilweise oder zur Gänze nicht mehr zu den Personen oder dem Geschehen auf der Bühne passt. Derartige ins Moderne, Alberne oder gar Abstruse gezerrte Inszenierungen mit entsprechenden Entgleisungen der Regisseure – Biogasanlage, Rhein(gold)öl-Tankstelle, Laborratten und so weiter, um nur einige besonders gelungene zu nennen – gab es inzwischen zuhauf.

Wenn ich auch nicht so weit gehen will wie Herr Bludau, das entsprechende Premierenpublikum als Berufsjubler zu bezeichnen, so bleibt doch festzuhalten, dass neben kritischen Stimmen vieler, auch nicht unbedarfter Besucher leider die meisten Kritiker solche, am Original vorbei inszenierte Aufführungen noch als geniale Deutung hochloben, obwohl sie wissen, dass eigentlich jeder, der eine Oper besucht, das Werk so sehen will, wie der Komponist es geschaffen hat, und nicht irgend etwas völlig Verfremdetes.

Zum Glück fehlt dieser Tannhäuser-Inszenierung dieses totale Abdriften. Wenn man mal von der Schnapsidee des alten Kastenwagens als Lustzentrum statt Venusberg absieht, die zu einem unlogischen Stilbruch zwischen Moderne und der werkgetreuen, altertümlichen Handlung im zweiten Akt führt, ist das Ganze durchaus sehenswert. Dabei ist auch das Auftauchen der Venus mit ihrer Crew beim Sängerwettstreit ein guter Einfall und durchaus von ihrer Motivation her stimmig.

Überflüssig jedoch – und hier muss ich Herrn Bludau recht geben – sind die ständigen Video-Einspielungen.

Entweder Theater oder Kino. Es ist allemal besser, einen Film über eine Sagengestalt zu machen und mit Wagnermusik zu unterlegen – so wie ja auch im Vorspiel geschehen – als die Opernbühne insgesamt artfremd zu missbrauchen. Hier gibt es ein positives Beispiel, nämlich den Film „Wälsungenblut“ von Rolf Thiele nach einer Erzählung von Thomas Mann, der einen Geschwister-Inzest thematisiert und die passende Musik aus der Walküre verwendet, an dem sich durch unpassende Filmeinspielungen auf Opernbühnen fehlgeleitete Regisseure durchaus orientieren könnten.

 

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