Lieferketten-Ethik Die Menschenrechte auf dem Prüfstand

Textilfabrik in Bangladesch. Symbolfoto: Tim Brakemeier/dpa

BAMBERG. Wo werden Menschenrechte verletzt? Wo gibt es Kinderarbeit, ja sogar Sklaverei? Wo wird die Sicherheit der Arbeiter aufs Spiel gesetzt? Wo reichen die Löhne nicht aus für die bloße Existenz? Wo wird die globale Wertschöpfung zur lokalen Tragödie? Eine Fragenreihe, die fast kein Ende kennt – ebenso wie die oft intransparenten Lieferketten der weltumspannenden Wirtschaft.

In Bamberg befasst sich Nicole Wagner jeden Tag mit diesem Thema. Und dies nicht in einem wissenschaftlichen Elfenbeinturm, sondern ganz praktisch als Nachhaltigkeitsmanagerin der Firma Greiff.

Das mittelständische Unternehmen stellt Berufsbekleidung her und muss sich als Textilproduzent besonders der ethischen Debatte über die weltweiten Fertigungsketten stellen. Doch nicht nur Greiff als Akteur in der Textilbranche, sondern alle Firmen geraten zunehmend unter Druck: Die Zivilgesellschaft und die Kunden drängen auf Antworten, ob Unternehmen genug durch eigene Vorkehrungen gegen menschenrechtsverletzende Arbeitsbedingungen bei ihren Zulieferern tun. Sprich: Lassen sie die nötige Sorgfalt bei deren Auswahl und Kontrolle walten?

Transparenz durch digitales Tool

Greiff schafft Transparenz in seiner Lieferkette durch ein digitales Tool. Nicole Wagner verweist nicht ohne Stolz und den Hinweis, dass „diese Idee in der Branche noch recht einzigartig ist“, auf den von ihr entwickelten „myGreiff-Code“.

„Vielen Menschen ist bewusst, dass vor allem in der Bekleidungsindustrie die schlechten Arbeitsbedingungen ein großes Problem sind“, betont sie. Deshalb können die Kunden des Textilherstellers seit gut drei Jahren per App oder auf der Homepage des Textilherstellers abrufen, in welchen Ländern die einzelnen Bestandteile eines Kleidungsstückes gefertigt werden und aus welchen Regionen die Rohstoffe stammen. Einfach den im Wasch-Etikett aufgedruckten Code eingeben – und schon spukt die Software die Lieferketten-Informationen aus. 

Gekoppelt ist die IT-Lösung direkt an das Warenwirtschaftssystem, in dem die Daten über die Zulieferer hinterlegt sind. Nicole Wagner: „Unsere Kunden können so auf Länderebene den Ursprung unserer Waren nachvollziehen. Im Moment sind wir in einem zweiten Schritt dabei, diese Auskünfte noch um detaillierte Informationen über die Betriebe zu ergänzen.“

Das Bamberger Unternehmen mit seinen 135 Beschäftigten hat sich auf ein Handlungsfeld begeben, auf dem künftig viele weitere mittelständische und größere Unternehmen agieren müssen – auch in Oberfranken.

Denn die Bundesregierung macht Ernst mit ihrem „Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte“ (NAP). Bereits 2016 unter der Federführung des Auswärtigen Amtes verabschiedet, geht es um die Umsetzung der Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte der Vereinten Nationen (UN).

Deutschland muss seinen Teil beitragen

Konkret: Deutschland muss mit dem Aktionsplan nun seinen Teil beitragen, die Globalisierung mit Blick auf die Menschenrechte und eine nachhaltige Entwicklung sozial zu gestalten. Im Mittelpunkt steht die unternehmerische Sorgfaltspflicht. Auszug aus dem UN-Leitprinzip: „Die Verantwortung von Wirtschaftsunternehmen zur Achtung der Menschenrechte obliegt allen Unternehmen unabhängig von ihrer Größe, dem Sektor, ihrem operativen Umfeld, ihren Eigentumsverhältnissen und ihrer Struktur.“ Das heißt: Auch der Mittelstand wird reagieren müssen - nicht nur die Großunternehmen.

„Die mittelständischen Unternehmen haben bei diesem Thema eine ganz zentrale Rolle“, unterstreicht Albert Baur vom Münchner Beratungsunternehmen Sustainable AG. Zunehmend würden auch diese von der Gesellschaft gefragt, welchen Beitrag sie leisten, um auf Nachhaltigkeitsprobleme zu reagieren. Zwar sei die Mentalität des Mittelstands vielfach noch vom Leitbild des „ehrbaren Kaufmanns“ geprägt, der Verantwortung für seine Mitarbeiter und die Gesellschaft übernimmt. „Doch jetzt rücken die Lieferketten in den Fokus, die weit über die deutschen Grenzen hinausreichen.“

Tatsächlich nimmt der Aktionsplan Fahrt auf: Seit Ende vergangenen Jahres läuft ein Evaluationsmechanismus bei rund 6300 Unternehmen in Deutschland mit mehr als 500 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. Mit diesem sogenannten NAP-Monitoring soll in Stichproben überprüft werden, ob die Unternehmen ihrer menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht in ihren Lieferketten nachkommen. Das weitere Szenario: Bleibt diese Quote bis Ende 2020 unter 50 Prozent, will der Gesetzgeber tätig werden. Dann wäre die Chance auf eine freiwillige Selbstverpflichtung der Wirtschaft vertan.

Wie weit unternehmerische Sorgfaltspflichten reichen könnten, zeigen die vier Nichtregierungsorganisationen Brot für die Welt, German Watch, Oxfam und Amnesty International. „Unternehmensverantwortung und Menschenrechte“ heißt ihr Vorschlag für ein Gesetz, das inländische Firmen zu Risikoanalysen sowie Präventions- und Abhilfemaßnahmen in ihren Lieferketten verpflichtet.

Ausbeuterische Kinderarbeit

Das bedeutet: Die Unternehmen müssen ermitteln, inwiefern es durch ihre Geschäftstätigkeit – auch die der ausländischen Tochterunternehmen – zu Menschenrechtsverletzungen kommen kann. Ausbeuterische Kinderarbeit in Natursteinsektor, Zwangsarbeit, Wasserverschmutzung, illegale Landnahme, mangelnde Gebäudesicherheit in Fabriken, Wasserverschmutzung, und vieles mehr - alle sozialen und ökologischen Faktoren sollen einbezogen werden.

„Wenn Menschenrechtsverletzungen bereits eingetreten sind oder unmittelbar bevorstehen, muss ein Unternehmen unverzüglich angemessene Maßnahmen ergreifen, um die Menschenrechtsverletzungen zu verhindern oder abzumildern“, heißt es im Entwurf. Ein Schwerpunkt liegt neben der Abhilfe auf der Prävention. Wenn ein Unternehmen im Ausland produziere, gehe es häufig um die Einhaltung grundlegender Arbeitsrechte. Hier setzen die NGOs auf die Schulung der Zulieferer und deren Mitarbeiter sowie die Zusammenarbeit mit lokalen Gewerkschaften und Initiativen wie der Fair Wear Foundation im Textilbereich.

Mit letztgenannter, weltumspannender Organisation hat die Bamberger Nachhaltigkeitsmanagerin Nicole Wagner bereits gute Erfahrungen gemacht. Denn die Greiff GmbH ist Mitglied dieser Initiative und richtet ihre Auditierungen bei den Zulieferern vor Ort direkt an den Fair-Wear-Richtlinien aus.

„Dadurch stehen wir in einem ständigen Austausch mit den Lohnbetrieben und können sehr gut nachvollziehen, ob die Arbeitsbedingungen in Ordnung sind.“ Auch wenn man schon einiges erreicht habe, dass existenzsicherende Löhne gezahlt und Arbeitsschutzbedingungen eingehalten werden, bleibt Wagner realistisch: „Wir sind noch lange nicht so weit, wo wir sein müssen. Das ist ein kontinuierlicher, lange andauernder Verbesserungsprozess.“

 

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