Das plant Tennet 250 neue Arbeitsplätze für Bayreuth

Tennet-Deutschlandchef Tim Meyerjürgens will straffere Strukturen, um schneller entscheiden zu können. Foto: Otto Lapp

BAYREUTH. Zuletzt gab es unter den Mitarbeitern des Stromnetzbetreibers Tennet Sorgen wegen eines bei dem Konzern gestarteten Umstrukturierungsprozesses. Deutschlandchef Tim Meyerjürgens nimmt im Kurier-Interview dazu Stellung und spricht außerdem über Ausbaupläne am Standort Bayreuth und über manchmal fehlende Unterstützung aus der Politik.

Müssen sich die Mitarbeiter Sorgen machen?

Tim Meyerjürgens: Nein. Natürlich ist der Transformationsprozess für das Unternehmen sehr groß. Die Sorgen der Mitarbeiter kann ich verstehen. Aber wir wachsen weiter, viele Aufgaben kommen auf uns zu. Insofern müssen wir keinen Arbeitsplatz-Abbau befürchten. Gleiches gilt für die Gehälter, wir stehen wirtschaftlich gut da.

Und es werden mehr Mitarbeiter?

Meyerjürgens: In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl vervierfacht. Und wir wachsen weiter. 2500 sind es in Deutschland, die Hälfte davon in Bayreuth.

Schlankere Strukturen – trotzdem ein Reizwort.

Meyerjürgens: In der obersten Ebene haben wir die Anzahl der Bereiche zurückgefahren und Schnittstellen abgebaut, um schnellere Entscheidungen treffen zu können.

Die Mitarbeiter sollen selbst möglichst viele Entscheidungen treffen?

Meyerjürgens: Ja, das ist das Ziel. Bei der Energiewende kommen immer mehr Projekte dazu. Wir wollen schneller entscheiden können, um diese voran zu bringen. Das ist auch wichtig, damit wir in den nächsten Jahren noch mehr neue Mitarbeiter integrieren können.

Aber die wichtigsten vier sitzen in den Niederlanden.

Meyerjürgens: Das deutsche Geschäft wird auch zukünftig aus Deutschland gemacht. Wir streben an, das Management paritätisch zu besetzen, halb deutsch, halb niederländisch. Das führen wir konsequent weiter. Noch sind nicht alle Top-Positionen besetzt, wir suchen noch. Wir streben auch 30 Prozent an weiblichen Führungskräften an. Da sind die Niederländer schon weiter als wir hier.

Aber unter den vier im Vorstand sind Sie der einzige Deutsche.

Meyerjürgens: Ja, und es gibt eine Frau, was die Frauenquote auf 25 Prozent bringt. Doch wir haben den Aufsichtsrat erweitert. Drei neue sind dazugekommen, die haben alle einen deutschen Hintergrund. Zwei davon sind Frauen.

Sie verstehen aber, dass nur ein Deutscher im Vorstand Ängste schürt?

Meyerjürgens: Es ist ein Wandel in einer Größenordnung, wie man ihn in einem Unternehmen nur alle paar Jahre hat. Wir wollen ihn konsequent umsetzen und leben – auch den Prozess schon in dieser Art gestalten. Die neuen Manager sollen ihren Bereich mitgestalten. Vieles wird mit den Mitarbeitern erarbeitet. Es gibt Dialog-Veranstaltungen, auch in Bayreuth. Das Interesse ist sehr rege, wir haben gute Gespräche mit den Mitarbeitern.

Was genau ist geplant und welche Auswirkungen gibt es auf Bayreuth?

Meyerjürgens: In Bayreuth ist die deutsche Unternehmens-Leitung, und hier wird sie auch bleiben. Wir haben 60 Millionen Euro in den vergangenen Jahren am Standort investiert. Es ist ein weiterer Neubau geplant, dort werden 250 neue Arbeitsplätze geschaffen. Wir investieren bewusst weiter hier, nicht woanders.

Wie hoch ist die Investition?

Meyerjürgens: Im Herbst findet der Vergabe-Prozess statt, die Bauwirtschaft ist angespannt. Zahlen nennen wir deshalb noch nicht.

Welche Jobs kommen dort unter?

Meyerjürgens: Wir haben viele Projekte und betreiben ein großes Netz. Ingenieure, Projektmanager, Elektrotechniker – da wachsen wir weiter.

Um welche Projekte geht es?

Meyerjürgens: Um Netzausbau, aber auch um Innovationen, etwa Innosys. Das Projekt beruht auf einer Tennet-Idee, heute sind alle deutschen Übertragungsnetzbetreiber beteiligt, auch Unis und Industriepartner. Dort schauen wir, mit welchen Maßnahmen wir das Netz besser auslasten können. Das machen wir auch mit Freileitungs-Monitoring. Tennet hat damit hier vor Jahren als erster begonnen.

Was heißt das genau?

Meyerjürgens: Im Grunde geht es darum, was wir tun können, um das Netz möglichst effizient zu nutzen und unnötigen Ausbau zu vermeiden. Es gibt Grenzwerte dafür, wie viel Strom man über eine Leitung führen darf, ohne das Material zu schädigen und um den Sicherheitsabstand zum Boden einzuhalten. Denn je mehr Strom fließt, desto wärmer werden die Leiterseile und desto mehr hängen sie durch. Heute messen wir direkt an den Leitungen Windgeschwindigkeit und -richtung sowie Temperatur und können den Unterschied zwischen Modell und Wirklichkeit ausgleichen. Das läuft alles online. Wenn wir zum Beispiel viel Wind haben, dann kühlt der auch die Leitung. Dann können wir mehr Strom über diese Leitung transportieren.

Kriegen Sie die Leute dafür noch?

Meyerjürgens: Der Arbeitsmarkt ist für alle Unternehmen eine Herausforderung, auch für uns. Bisher haben wir das gut hinbekommen.

Ist Bayreuth dabei ein Vor- oder Nachteil?

Meyerjürgens: Interessante Frage. Leute von woanders muss man überzeugen zu kommen. Auf der anderen Seite herrscht etwa in Hamburg eine große Fluktuation. Hier nur wenig.

Und die Bezahlung?

Meyerjürgens: Wir sind tarifgebunden und bieten ein gutes Paket an Sozialleistungen. Wir achten auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie, bieten in Bayreuth zum Beispiel Kinderbetreuung und Hortplätze, Hilfe bei der Pflege und im Haushalt an. Es gibt ein Sportprogramm und flexible Arbeitszeiten.

Tennet hat von allen vier Netzbetreibern das größte Netz. Was wird in Deutschland entschieden, wenn es ums deutsche Netz geht? Wer entscheidet, was zu finanzieren ist?

Meyerjürgens: Das kommt aus dem Auftrag heraus, und der kommt vom Gesetzgeber. Wir entscheiden nicht „machen oder nicht“. Mit den anderen Netzbetreibern berechnen wir, welche Leitungen nötig wären, dann entscheidet die Bundesnetz-Agentur. Das letzte Wort hat der Gesetzgeber. Das wird in Deutschland gemacht, da stellt sich keine Frage.

Und wo ist mehr Niederlande drin?

Meyerjürgens: Wo wir enger zusammenarbeiten mit den Niederlanden ist bei den technischen Entwicklungen, bei der Digitalisierung und den Innovationen. Wir lernen in zwei Ländern und tauschen uns permanent aus. Warum soll man Arbeit doppelt machen? Dadurch sind wir deutlich innovativer. Aber was den deutschen Netzausbau angeht, der wird hier entschieden, geplant und gebaut.

Apropos Netzausbau, ist es in Deutschland oder den Niederlanden schwieriger?

Meyerjürgens: Beide haben ähnliche Probleme. Die Niederlande sind auch dicht besiedelt. Deswegen haben wir dort viele neue Formate für die Bürgerbeteiligung entwickelt und nach Deutschland gebracht.

35 Milliarden Euro will Tennet in den nächsten zehn Jahren ausgeben. 23 Milliarden davon in Deutschland. Wo kommt das Geld her?

Meyerjürgens: Wir finanzieren uns an den Märkten. Zum Beispiel über sogenannte Grüne Anleihen, die wir ausgeben – als erster Netzbetreiber übrigens. Da sehen wir ein großes Interesse am Markt und können uns günstig finanzieren. Unser hervorragendes Kredit-Rating hilft dabei. Damit es so bleibt, brauchen wir von Zeit zu Zeit eine Aufstockung des Eigenkapitals.

Wie viel?

Meyerjürgens: In den nächsten fünf Jahren sind es zwei bis drei Milliarden Euro Eigenkapital, die wir zusätzlich brauchen. Das regeln wir mit unserem Eigner, dem niederländischen Staat.

Wünschen Sie sich mehr politische Unterstützung?

Meyerjürgens: Akzeptanz ist eines der Top-Themen für uns. Nicht jeder, der eine Leitung in der Region hat, findet das gut. Auf der anderen Seite sind für die Energiewende auch neue Stromleitungen nötig. Da brauchen wir viel politischen Rückenwind. Kein Machtwort, aber wenn sich die Politik vor Ort hinter die neue Leitung stellt, dann hilft das. Es ist aber nicht hilfreich, wenn sich einer hinstellt und sagt, diese Leitung ist nicht nötig, auch wenn die Fakten etwas anderes sagen.

Oder in laufende Projekte eingreift?

Meyerjürgens: Das passiert öfter. Der Südost-Link war beschlossen, dann hat die Politik entschieden, wir machen Erdkabel. Und war dann überrascht, dass es drei Jahre länger dauert.

Gibt es eine Art Termin, an dem Sie sich vorstellen könnten, dass die Energiewende „vollendet“ sein wird?

Meyerjürgens: Wenn wir in Deutschland und Europa nahezu CO2-frei sind, können wir vielleicht sagen, wir haben es geschafft. Aber wenn das Stromnetz ausgebaut ist, ist das schon ein wichtiger Meilenstein.

Muss nicht wegen des Klimawandels alles schneller gehen?

Meyerjürgens: Ja, wir brauchen schnelle Verfahren, aber wir leben auch in einem Rechtsstaat mit seinen Abläufen, und das ist gut so.


Tim Meyerjürgens (43) ist als Lehrling bei Tennet gestartet – und im Vorstand von Tennet gelandet. Seit 1. März ist er in dieser Position, seine Lehre begann er 1995. Danach hat er in Wilhelmshaven studiert und 2003 in Bayreuth im Bereich Kunden und Märkte angefangen. Ab 2007 hat er das Offshore-Geschäft für Tennet aufgebaut, das er dann am Standort Lehrte geleitet hat.

Er stammt aus Oldenburg, wo er auch seinen Hauptwohnsitz hat und mit seiner Familie und drei Kindern lebt.

Meyerjürgens segelt gerne, fährt Fahrrad – kein E-Bike, sondern ein Tourenrad – und arbeitet gern in seinem Garten.

Beruflich bringt seine Tätigkeit mit sich, dass er viel unterwegs ist. Der Manager pendelt zwischen Arnheim, Lehrte, Berlin – und Bayreuth. Er „genießt“ es, die Standorte regelmäßig zu sehen.

Bayreuth und die Region kennt er gut, er hat elf Jahre hier gelebt. Was ihm besonders gefällt? Es sei „landschaftlich schön gelegen zwischen Fichtelgebirge und Fränkischer Schweiz“, dazu das „Essen und die Bier-Kultur“. Und er hat „sogar eine Kiste Bayreuther Bier zu Hause“ im Norden, sagt Meyerjürgens. Welches, verrät er nicht. Aber in Bayreuth, sagt er, „habe ich mich immer wohl gefühlt.“

Und jetzt will er Inseln bauen: künstliche Inseln in der Nordsee. „In Europa läuft alles auf Wind und Solar hinaus“, sagt er. Lege man das zugrunde und nehme man die Ziele des Pariser Klima-Abkommens ernst, 80 Prozent des CO2-Ausstoßes zu reduzieren, gehe es ohne die Inseln nicht. Nötig seien bis dahin etwa 250 Gigawatt aus erneuerbarer Energie europaweit. „In Deutschland bauen wir zurzeit aber nur 0,8 Gigawatt im Jahr dazu.“

Die einzigen Flächen, die geeignet seien, um die Windenergie in großem Umfang abzuschöpfen, lägen in der Nordsee. Dort sei es wegen der idealen Windverhältnissen und Wassertiefen möglich, etwa 180 Gigawatt zu erzeugen. Außerdem könne man von der Nordsee aus „die Länder vernetzen“.

Im Sommer sei die erste Projekt-Phase abgeschlossen. Jetzt werde ein Pilot vorbereitet. Ende der 2020er-Jahre könne die Leistung ausgeschrieben werden und Anfang der 2030er in den Pilotbetrieb gehen.

Dahinter stehe ein Konsortium mit einem dänischen Netzbetreiber, dem niederländischen Gasnetzbetreiber und dem Hafen von Rotterdam, „der viel Erfahrung hat mit künstlichen Inseln“. Außerdem gehe es um Lösungen, wie die Energie gespeichert werden kann – etwa durch Umwandlung in Wasserstoff.

 

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