Stadtkirchenpfarrer Bayer spricht von der Freude und den dunklen Momenten der Sanierung Stadtkirche: Acht Jahre voller Wunder und Schmerz

Von Frank Schmälzle

Er war der Mr. Stadtkirche, obwohl ihm diese Rolle nicht gefällt. Acht Jahre lang gab Pfarrer Hans-Helmut Bayer dem Projekt Stadtkirchensanierung sein Gesicht. Was erlebte, wie es ihm persönlich erging - das berichtet er dem Kurier.

Freut sich auf den Moment, da er zum ersten Mal alleine in der Stadtkirche sein wird. Dann kommt er zur Ruhe. Foto: Wittek Foto: red

Am Tag nach der großen Wiedereröffnung, nach dem Festgottesdienst mit mehr als 600 Gästen, ist noch längst keine Ruhe in der Stadtkirche eingekehrt. Es ist erst ein paar Stunden her, da hier Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe aufgeführt worden war. Der musikalische Schlusspunkt der Wiedereröffnung.

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Die Bühnenarbeiter bauen ab. Schnell muss es gehen, sie packen an, da kommt es auf Harmonie nicht an. Den ganzen Tag über kommen Bayreuther in die Kirche. Sie wollen mit eigenen Augen sehen, was hier geschehen ist.

Mittendrin: Hans-Helmut Bayer, der als geschäftsführender Pfarrer für die Stadtkirchengemeinde die Sanierung des einst einsturzgefährdeten Gotteshauses und Wahrzeichens der Stadt gemanagt hat. Bis jetzt, sagt Bayer, hat er noch keine Zeit gefunden, allein zu sein. Hier in der neuen, sanierten Stadtkirche, die ihm vor über acht Jahren als Aufgabe buchstäblich vor die Füße gefallen war. Das kommt noch. „Ich freue mich sehr auf diesen Moment.“ Auf den Moment der Ruhe.

24 Stunden zuvor. Pfarrer Bayer hält sich während des gesamten Festgottesdienstes im Hintergrund. Die Abkündigungen soll er verlesen, am Ende sagt er: „Gestatten Sie mir ein persönliches Wort. Ich danke dem gnädigen Gott und all den großartigen Menschen, die dazu beigetragen haben, dass die Stadtkirche jetzt wieder strahlt. Ich danke meiner Frau und meiner Familie.“ Dann versagt ihm die Stimme, dann kann er die Tränen nicht mehr zurückhalten. Es ist der eindringlichste  Moment dieses Festtages.

Ja, sagt Bayer. In diesem Augenblick ist aller Druck von ihm abgefallen. „Da hat mich die Emotion erwischt.“ Wie so viele Besucher des Festgottesdienstes. Diese Freude, diese Stimmung – das erfüllt ihn auch noch am Tag danach. „Man sagt ja, wir Evangelischen seien immer so verkopft, so nüchtern. Ich wollte mit diesem ersten Gottesdienst nach acht Jahren genau das Gegenteil erreichen. Ich glaube, die emotionale Reaktion der Gemeinde war nach dieser langen Zeit wichtig.“

Ein paarmal während des Gottesdienstes habe er mit den Tränen gekämpft, sagt Bayer. Als er seine Frau dankte, waren sie nicht mehr aufzuhalten. „Sie ist die Einzige, die weiß, wie es mir in den vergangenen Jahren ging.“ Kathrin Bayer ist auch Pfarrerin. „Sie versteht mich als Mensch und als Kollegin.“ Sie und seine drei Söhne nennt Hans-Helmut Bayer liebevoll „meine allergrößte Stütze“.

Wie es ihm ging, seit am 11. Mai 2006 ein Mörtelbrocken als Vorbote einer drohenden Katastrophe von der Decke der Stadtkirche fiel? Hans-Helmut Bayer mag nicht jammern. Dafür gibt es keinen Grund, dafür gab es viel zu viel Positives. Die tolle Arbeit des Fördervereins, der Spenden für die Sanierung sammelte. Die gute Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Bauamt. Die große Sympathie, die die Bayreuther dem Projekt Wiederaufbau entgegen brachten. Die wunderbare Arbeit der Handwerker. Die Fortschritte am Bau.

Darüber, dass er einen Teil seiner Gesundheit in die Sanierung der Stadtkirche investiert hat, redet Bayer nicht gern. Und auch über die dunklen Momente in diesen acht Jahren spricht er erst, wenn man ihn explizit danach fragt. Die gab es. Vor allem im Jahr 2011. Der Innenraum der Kirche ist damals eine einzige Staubwüste. Es geht und geht nichts vorwärts. Der Disput über den Zugang zur Markgrafengruft schwelt. Die Zeit drängt.

Bayer fragt sich in diesen Tagen: Wie soll das alles am Ende noch gut werden? Woher nur soll das viele Geld kommen, das diese Kirche braucht. Damals steht Bayer oft oben auf der Empore, blickt hinab auf diese Baustelle. Und betet: „Herr, lass mich nicht allein. Es ist Dein Haus.“

Es ist nicht wie bei Don Camillo. Direkte Antworten aus dem Himmel gibt es nicht. Kleine Wunder allerdings schon. Manchmal gerade dann, wenn Hans-Helmut Bayer zweifelte, ob die Aufgabe nicht vielleicht doch zu groß, die Last vielleicht doch zu schwer sein könnte, ging mal wieder eine größere Spende auf dem Konto der Stadtkirche ein. Es konnte weiter gehen. Gott sei Dank.

Er hat Spenden gesammelt, mit den Bauexperten verhandelt, war jeden Tag auf der Baustelle. Dass Hans-Helmut Bayer dem Wiederaufbau der Stadtkirche in den vergangenen acht Jahren ein Gesicht gab, ist ihm bewusst. Gewollt hat er das nicht. „In der Rolle des Mr. Stadtkirche habe ich mich nie so recht wohlgefühlt“, sagt Bayer am Tag, nachdem das große Werk vollendet ist. „Ich will einer von allen sein.“

Und dann wird er theologisch: Jeder, der getauft ist, hat eine Verbindung zu Gott. Ein Pfarrer nicht mehr und nicht weniger als ein Gemeindemitglied. „Ich war nur von der Gemeinde beauftragt, die Aufgabe zu erfüllen, die mir zufiel.“ Er könne gut im zweiten Glied stehen, sagt Bayer. Denn: „Es geht nicht um mich. Es geht nicht um einen Personenkult.“ Dass er nun, da die Stadtkirche wieder strahlt, in ein dunkles Loch fällt? Nein, so ist Bayer nicht.

Jetzt ist die Stadtkirche saniert und renoviert. Sie ist so schön und steht so sicher, wie nie zuvor in ihrer über 800-jährigen Geschichte. Das sieht Bayer als den Höhepunkt eines erfüllten und schönen Berufslebens. Ein halbes Jahr hat er noch, bis er in den Ruhestand geht. „Ich möchte noch miterleben, wie das Leben in diese Kirche einzieht.“ Danach wird er ein Sabbatjahr einlegen. Wird mit seiner Frau in ein kleines Reihenhaus in Bayreuth ziehen, das sich die beiden gekauft haben. Wird vielleicht wieder öfter zum Angeln gehen, dazu hatte er in den vergangenen Jahren kaum Zeit. Wird weiter jeden Morgen die Tageslosung lesen, das gibt ihm Kraft.

Und vielleicht, sagt Bayer, kann er dann ja umsetzen, was ihm und seiner Frau schon so lange vorschwebt. Das Projekt heißt „Offene Kirche – offenes Ohr“. Ein Pfarrer in einer Kirche, der einfach da ist. Zudem man sich auf die Kirchenbank setzen, mit ihm reden kann. Über die Dinge, die es in dieser Kirche gibt und über die Bayer so spannend erzählen kann. Über das, was sie den Menschen zu sagen haben. Und über das, was einem auf der Seele liegt. „Ich bin von ganzem Herzen Gemeindepfarrer“, sagt Bayer. Aber aufdrängen mag er sich nicht. Bayer will nur dann reden und zuhören, wenn das auch die Gemeinde und sein Nachfolger wollen.

Der Stadtkirche wird er so oder so verbunden bleiben. Auf ewig.

Führungen durch die sanierte Stadtkirche:
Samstag, 6. Dezember: 11 Uhr (Pfarrer Bayer)
Sonntag, 7. Dezember: 11.15 Uhr (Pfarrer Bayer)
Samstag, 13. Dezember: 11 Uhr (Pfarrerin Kleineidam)
Sonntag, 14. Dezember: 16 Uhr (Pfarrer Kleineidam)
Samstag, 20. Dezember: 11 Uhr (Dekan Peetz)
Sonntag, 21. Dezember: 11 Uhr und 16 Uhr (Dekan Peetz)