Stadtbus: Jeder 70. fährt schwarz

Von Thorsten Gütling

Luise Beetz ist 85 Jahre alt. Den Stadtwerken Bayreuth soll sie 60 Euro bezahlen, weil sie beim Schwarzfahren im Bus erwischt wurde. Beetz weigert sich. Sie sagt, sie sei vor lauter Schülern im Bus nicht an den Stempelautomaten gekommen. Die Stadtwerke lenken ein. In 600 anderen Fällen jedes Jahr tun sie das nicht.

Weil der Bus mit Schülern überfüllt war, konnte eine 85-Jährige ihre Fahrkarte nicht stempeln. Dafür sollte sie jetzt 60 Euro Strafe bezahlen. Archivfoto: Ronald Wittek Foto: red

Es ist ein Donnerstagmittag, gegen 13 Uhr. Luise Beetz ist auf dem Weg zu einer Versammlung des Sozialverbands VdK im Schwenksaal. Sie will mit dem Bus fahren, wie sie das ungefähr zwei mal in der Woche macht. Dafür würde sich eine Monatskarte nicht lohnen. Luise Beetz kauft seit Jahren Mehrfahrtenkarten und immer, sagt sie, hält sie die schon beim Einsteigen in den Bus in der Hand. So auch diesmal.

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Beide Busse sind überfüllt

Als der Bus an der Haltestelle in der Bismarckstraße einfährt ist, er rappelvoll. Die Schüler der Altstadt- und der Johannes-Kepler-Realschule wollen nach Hause. Die Busfahrerin verweist auf einen zweiten Bus, der in wenigen Minuten komme, und fährt weiter. Zwei Minuten später quetscht sich Luise Beetz in den nächsten Bus. Auch der ist überfüllt. Sie steht vorne beim Fahrer, direkt an der Tür. An ein Durchkommen bis zum Stempelautomaten war nicht zu denken, sagt sie. Wenige Minuten später, an der Zentralen Omnibushaltestelle, gerät sie dann in die Fahrkartenkontrolle. Während vorne die Tür zubleibt, müssen die Fahrgäste hinten beim Verlassen des Busses ihre Tickets vorzeigen. Als Luise Beetz endlich an den Stempelautomaten kommt, sein dieser bereits abgeschaltet gewesen. Gemeinsam mit drei Schülern, wird die 85-Jährige des Schwarzfahrens überführt. Beetz sagt: „Das war das erste Mal. Ich stempel immer ab.“

Zwei Wochen später kommt ein Brief. Luise Beetz soll 60 Euro Strafe bezahlen. Sie sagt: „Wenn ich es selbst verbockt habe, dann zahle ich. Sonst aber nicht“, und stattet den Stadtwerken in der Eduard-Bayerlein-Straße einen Besuch ab. Dort, erzählt die 85-Jährige, habe man ihr gesagt, sie hätte einen Schüler zu Hilfe rufen, ihre Fahrkarte also bis zum Stempelautomaten durch den Bus geben sollen. Die Stadtwerke versprechen, sich beim Fahrer des Busses und dem Kontrolleur nach der Situation im Bus zu erkundigen und sich zu melden. Beetz wendet sich auch an den Nordbayerischen Kurier. Drei Tage später erfährt sie, dass sich die Stadtwerke kulant zeigen und von ihrer Forderung Abstand nehmen.

Abenteuerliche Ausreden

Jan Koch, der Pressesprecher der Stadtwerke, sagt, man stünde für solche Fälle immer für ein persönliches Gespräch bereit. Die Kontrolleure müssten aber in kurzer Zeit eine Entscheidung treffen und bekämen oft die abenteuerlichsten Ausreden zu hören. Anders als bei Luise Beetz bleiben die Stadtwerke daher bei 600 anderen Schwarzfahrern jedes Jahr hart. Dazu kommen 400 Personen, die zwar keine 60 Euro Strafe, aber sieben Euro Bearbeitungsgebühr bezahlen müssen. Weil sie zwar nachweislich einen gültigen Fahrschein besitzen, ihn aber nicht dabei haben. Dazu kommen 1000 sogenannte Graufahrer. Also Fahrgäste mit einem falschen Fahrschein. Koch sagt: „Hier müssen wir von Fall zu Fall entscheiden, ob uns jemand hinters Licht führen will.“

Was sich anhört, als gäbe es in Bayreuth jede Menge unehrliche Fahrgäste, relativiert sich schnell. Immerhin 145 000 Passagiere wurden im vergangenen Jahr kontrolliert. Jeder siebzigste Fahrgast ist also in Bayreuth ohne Fahrschein unterwegs. Es waren aber auch schon einmal doppelt so viele. Bis zum Jahr 2007 nämlich. Seitdem müssen alle Fahrgäste vorne beim Busfahrer einsteigen, das soll die Hemmschwelle heben, schwarz zu fahren.

250 Millionen Schaden jedes Jahr

Wie hoch der Schaden ist, der den Stadtwerken durch Schwarzfahrer jedes Jahr entsteht, lässt sich nicht sagen, sagt Koch. Schließlich lasse sich nie klären, ob und wie oft ein einmal erwischter Schwarzfahrer zuvor schon ohne Fahrscheingefahren ist. Der Verband Deutscher Verkehrsbetriebe schätzt den Wert bundesweit auf rund 250 Millionen Euro. Mit geringen Einkommen lasse sich eine Schwarzfahrt auf jeden Fall nicht immer erklären, sagt Koch. Unter den überführten Schwarzfahrern befänden sich schließlich genauso viele Gutverdiener, wie Hartz-IV-Empfänger.