Sport macht glücklich. Oder?

Macht Sport glücklich? Und, falls das stimmt: Weshalb fesselt uns unser innerer Schweinehund so gerne ans Sofa? Die beiden Sportwissenschaftler Torben Hoffmeister und Helmut Strobl von der Universität Bayreuth erklären, warum wir unsere vermutlich evolutionär bedingte Trägheit überwinden sollten: "Grundsätzlich hat jede Sportart das Potential, glücklich zu machen."

Sport macht glücklich und Ausdauersport vielleicht noch ein bisschen glücklicher. Wer nicht laufen will, kann Schwimmen oder Radfahren - oder einfach alles, wie diese Teilnehmer des Mönchshof-Triathlon, die durch den Trebgaster Badesee kraulen. Jeden Tag eine halbe Stunde Spazierengehen ist aber auch schon recht gesund, sagt Helmut Strobl von der Universität Bayreuth. Foto: Peter Kolb/Archiv Foto: red

Ich muss erst Mal den Kopf wieder frei kriegen – ich geh jetzt ‘ne Runde laufen. Funktioniert das?
Torben Hoffmeister: Auf jeden Fall. Durch sportliche Aktivität lässt sich gezielt die Stimmung beeinflussen. Negative Stimmungsaspekte wie Ärger und Energielosigkeit werden abgeschwächt, positive Stimmungsaspekte wie gute Laune und Tatendrang werden gestärkt. Nach einer Runde laufen, kehrt man also erholt und tatkräftig an den Arbeitsplatz zurück und ist bereit für neue Aufgaben.

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Sport ist Mord. Sport macht glücklich. Was stimmt?
Helmut Strobl: Beides ist möglich. Sport kann definitiv glücklich machen. Eine falsche Ausübung kann aber auch zu körperlichen Schäden führen. Dabei gilt wie so oft: „Die Dosis macht das Gift.“ Ein dem eigenen Leistungsniveau angepasster Sport ist im Normalfall gesund und sorgt für die Ausschüttung von Glückshormonen wie Dopamin, Endorphine und Serotonin. Eine falsche Übungsausführung oder übertriebener Ehrgeiz können aber zu Verletzungen und zu Übertraining führen.

Generalisieren Sie bitte mal: Welche Sportarten sind ungesund. Welche Sportarten sind gesund. Und welche Sportarten machen glücklich?
Hoffmeister/Strobl: Grundsätzlich hat jede Sportart das Potential, glücklich zu machen. Sportarten wie Schwimmen und Fahrrad fahren haben zum Beispiel einen positiven Einfluss auf das Herz-Kreislauf-System ohne gleichzeitig den Bewegungs- und Stützapparat stark zu belasten. In Sportarten wie Fußball oder Eishockey sind aufgrund des Körperkontakts Verletzungen häufiger an der Tagesordnung. Dennoch führen das Beisammensein mit guten Freunden und der Ausgleich zum Alltag dazu, dass man sich glücklich fühlt.

Muss es Ausdauersport sein?
Hoffmeister: Für Ausdauersport spricht, dass bei korrekter Ausübung die Gefahr von Verletzungen relativ gering ist. Doch jeder Mensch hat individuelle Motive. Während die einen lieber alleine für sich unterwegs sind, brauchen andere das Gruppenerlebnis. Und während die einen lieber in einer Sporthalle oder einem Fitnessstudio aktiv sind, suchen anderen das Naturerlebnis. Die einen trainieren schließlich lieber die Ausdauer, die anderen ihre Kraft. Nur eine den eigenen Motiven angepasste Sportart verspricht regelmäßige Glücksmomente.

Wenn ich nicht Laufen möchte – welche Sportarten sind genauso gut?
Strobl: Ausdauersport ist sehr vielfältig. Im Sommer kann man im See schwimmen oder Fahrrad fahren und im Winter bietet sich das Langlaufen an. Aber auch das Nordic Walking oder Walken (ohne Stöcke) kommen in Frage. Dazu kommen Sportarten wie Inline Skaten, Eisschnelllauf und Rudern. Und wenn es gar kein Sport sein soll: Auch ein regelmäßiger Spaziergang von etwa 30 Minuten Länge oder die Fahrt mit dem Fahrrad zur Arbeitsstelle haben nachweislich gesundheitsfördernde Effekte. 

 

Wer kriegt mehr vom Glück: Profis oder Freizeitsportler?
Strobl: Der Profi kann sich voll auf den Sport konzentrieren, hat aber auch den Druck, Leistung für seine Mannschaft oder Sponsoren zu bringen. Der Freizeitsportler ist zeitlich mehr oder weniger limitiert, kann den Sport aber ganz für sich genießen. Eine klare Antwort gibt es daher nicht.

Mannschafts- oder Einzelsportler?
Hoffmeister: Auch hier gibt es nicht die „richtige“ Antwort. Mannschaftssportler haben durch das Gruppenerlebnis einen weiteren Aspekt, der viele zum Sport bringt und dort hält. Aber dadurch kann natürlich auch ein gewisser Druck von außen entstehen, den der Einzelsportler nicht hat. Ebenso ist man als Einzelsportler nicht von Mannschaftskollegen bei der Ausführung des Sports abhängig.

Wenn Sport gesund ist – woher rührt unser natürliches Bedürfnis nach Trägheit? Warum suchen viele von uns das Glück lieber auf der Couch?
Strobl/Hoffmeister: Es gibt Hinweise, dass dieses Bedürfnis nach Trägheit evolutionär bedingt ist. Früher musste der Mensch jede Möglichkeit zur Ruhe nutzen, um für die anstrengende Arbeit oder bei Gefahr im Verzug ausgeruht zu sein. Die Mehrheit der Menschen in einem Industrieland wie Deutschland ist solchen körperlichen Belastungen heute nicht mehr ausgesetzt. Evolutionär bedingt hat der innere Schweinehund aber auch heute noch einen starke Auswirkung auf unser Verhalten.

Und wenn wir jetzt davon ausgehen, dass Sport doch auch ein bisschen Mord ist: Worauf sollte ich achten, um nicht zu übertreiben – woran erkenne ich, dass ich mir zu viel zumute?
Strobl/Hoffmeister: Dafür muss man eigentlich nur auf die natürlichen Signale des Körpers hören. Wenn ich mir zu viel Sport zumute, fühle ich mich schlapp und müde und sollte dem Körper dann auch seine Pause gönnen. Ein leistungsorientierter Sportler kann hierbei auch seinen Ruhepuls oder seine Herzfrequenzvariabilität im Auge behalten, die beide als objektive Marker einsetzbar sind. Um die Belastung zum Beispiel während einer Laufeinheit zu kontrollieren, gibt es ein ganz einfaches Hilfsmittel: Belasten Sie sich so, dass Sie sich noch unterhalten können. Dann besteht keine Gefahr, dass Sie sich überlasten.

Die Fragen stellte Renate Allwicher