Sparkassenpräsident „Die Sparkassen verdienen weniger“

Sparkassenpräsident Ulrich Netzer. Foto: Astrid Schmihuber

MÜNCHEN. Die Zeiten für die Bank werden noch schwieriger, sagt der bayerische Sparkassenpräsident Ulrich Netzer in unserem Interview. Die Kunden müssen sich auf höhere Kosten einstellen.

Herr Netzer, verdienen die bayerischen Sparkassen noch gut?
Ulrich Netzer: Sie verdienen noch. Durch die Niedrigst- und Negativzinsen aber mit jedem Jahr weniger. Die Hauptertragsquelle der Sparkassen ist der sogenannte Zinsüberschuss und der schrumpft mit jedem weiteren Monat der Nullzinsphase. Das ist besonders verrückt, weil die Sparkassen im Grunde erfolgreich arbeiten – das operative Kredit- und Einlagengeschäft wächst nämlich ordentlich.

Wie hat sich die Ertragslagein den letzten drei Jahren entwickelt?
Netzer: Der Zinsüberschuss ist stetig gesunken. Er wird mittlerweile fast von den Verwaltungskosten aufgefressen – und das, obwohl die Sparkassen in den letzten Jahren vielfältige Maßnahmen ergriffen und gegengesteuert haben. Der Instrumentenkasten leert sich langsam, deshalb wird es künftig noch schwieriger. Seit wir vor fünf Jahren erstmals mit einem negativen Einlagezins bei der EZB konfrontiert wurden, verengen sich unsere Spielräume ganz gewaltig.

Mit welchem Ergebnis wird für 2019 gerechnet?
Netzer: Wir rechnen damit, dass unser Ergebnis zum ersten Mal schlechter ausfallen wird als geplant. Wir haben 65 Sparkassen in Bayern und die Betriebsergebnisse dieser Häuser unterscheiden sich. Doch es gibt bereits Sparkassen, in denen der Verwaltungsaufwand den Zinsüberschuss übersteigt. Spätestens dann geht es nicht mehr anders, als mit unpopulären Mitteln gegenzusteuern.

Was tun die Sparkassen, um die schlechte Zinsmarge auszugleichen?
Netzer: Die Kompensationsmaßnahmen der bayerischen Sparkassen greifen auf verschiedenen Ebenen: Das lebhafte Wachstum im Kundengeschäft und Preisanpassungen haben geholfen, den sogenannten Provisionsüberschuss zu steigern. Solche Effekte kann man aber nicht ständig wiederholen. Das gilt auch für die Sachkosten – auch hier ist einmal das Ende des Einsparpotenzials erreicht.

Weniger Personal?
Netzer: Kontinuierlich, aber langsam, sinken auch die Personalkosten der Sparkassen, die die natürliche Fluktuation nutzen. Ein vollständiger Ausgleich für die schlechte Zinsmarge wird so aber nicht gelingen.

Die Gebühren werden weiter steigen?
Netzer: Man muss sehen, dass die Sparkassen Dienstleistungen erbringen und dafür auch einen Preis ansetzen müssen, wenn sie wirtschaftlich sinnvoll arbeiten wollen. Im Übrigen: In Italien oder Spanien bezahlt man doppelt so viel für sein Konto wie in Deutschland.

Es wird teurer für den Kunden?
Netzer: Im Moment haben viele bayerische Sparkassen Konditionen angepasst, weitere Preisanhebungen sind nicht auszuschließen. Dabei muss man wissen, dass jede dieser Sparkassen ihre eigene Preispolitik betreibt. Die Häuser sind selbstständig, Sparkassen sind kein Konzern. Als regionale Kreditinstitute müssen sie sich nicht nach Richtlinien aus einer weit entfernten Konzernzentrale richten.

Strafzinsen für Sparer?
Netzer: Es geht nicht darum, mit Zinsen zu bestrafen. Es geht um die größeren und großen Summen auf den Girokonten, die uns Sparkassen empfindlich belasten, denn die EZB erhebt einen Einlagezins von 0,4 Prozent. Deshalb verlangen die Sparkassen bereits heute in manchen Segmenten Verwahrentgelte. Wir bepreisen eine Leistung, die für die Kunden bisher kostenfrei war, weil wir anderweitig mit den Einlagen arbeiten konnten. Bislang gibt es solche Verwahrentgelte allerdings nur für Geschäftskunden sowie vereinzelt für vermögende Privatkunden.

Die Strafzinsen werden flächendeckend kommen?
Netzer: Sie meinen, ob auch diejenigen, die wenige Tausend Euro auf dem Girokonto haben, für die Verwahrung bezahlen müssen? Die Sparkassen haben gezeigt, dass sie sehr verantwortungsvoll mit diesem Thema umgehen. Sie unternehmen seit vielen Jahren erhebliche Anstrengungen, um die Kunden nicht mit den EZB-Negativzinsen zu belasten.

Das heißt konkret?
Netzer: Jede einzelne Sparkasse entscheidet eigenständig, ob und ab welcher Höhe sie Verwahrentgelte verlangen muss. Aber die Kunden können natürlich auch selbst etwas unternehmen und gemeinsam mit ihren Sparkassen-Beratern überlegen, ob eine andere Anlage sinnvoller ist als auf dem Girokonto.

Was halten Sie von einem staatlichen Strafzins-Verbot bis 100 000 Euro?
Netzer: In einer Marktwirtschaft kalkulieren Kreditinstitute – wie alle anderen Kaufleute – ihre Preise auf der Grundlage des Marktumfelds in eigener Verantwortung. Dies gilt auch in Zeiten negativer Leitzinsen. Gesetzliche Verbote sind systemfremd, helfen den Kunden nicht weiter und können letztlich zu einer gefährlichen Instabilität der Finanzmärkte führen. Solche Vorschläge zeigen, wie weit die unerwünschten Nebenwirkungen der Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank schon reichen.

Strafzinsen, höhere Gebühren und Personalabbau als Geschäftsmodell?
Netzer: Unser Geschäftsmodell heißt: Einlagen aus der Region annehmen und sie als Kredit wieder an die mittelständische Wirtschaft im Geschäftsgebiet vergeben. Und das ist, wie gesagt, operativ erfolgreich. Alles andere sind Maßnahmen, die den wegfallenden Ertrag stabilisieren sollen. Entscheidend ist, dass die Rahmenbedingungen wieder ins Lot gebracht werden. Das hilft den Sparern, der mittelständischen Wirtschaft und der Sparkasse.

Warum keine neuen Ideen? Sparkassen könnten zum Beispiel Regionalfonds zur Kundenbindung auflegen.
Netzer: Natürlich geht es auch darum, den Kunden neue Produkte anzubieten. Das tun die Sparkassen. Ihr Beispiel würde etwa bedeuten, dass die Sparkasse einen Private-Equity-Fonds mit regionalen Beteiligungen auflegt, an dem sich nicht nur institutionelle, sondern auch private Anleger beteiligen können.

Genau. Das wäre doch attraktiv.
Netzer: Das nützt den Unternehmen, die Beteiligungskapital erhalten. Und es nützt den beteiligten Kunden, die im Erfolgsfall eine gute Rendite aus dem Projekt ziehen. Dabei muss aber auch klar sein, dass mit einer solchen Anlage immer auch ein größeres Risiko verbunden ist. Die Rendite ist nicht garantiert. Der Sparkasse allerdings hilft ein solches Modell erst mal wenig.

Wie viele Geschäftsstellen gibt es noch?
Netzer: Für unsere Kunden ist doch die entscheidende Frage, wie sie ihre Sparkasse erreichen, wenn sie sie brauchen. Die Wege haben sich sehr stark verändert. Immer mehr Menschen wickeln ihre Routine-Bankgeschäfte online oder mobil ab. Wir wollen aber auch in der Fläche präsent sein und mit rund 2830 Geschäftsstellen und 3679 Geldautomaten sind wir das auch. Damit decken die Sparkassen ihre Geschäftsgebiete bayernweit ordentlich ab.

Wie viele waren es vor fünf Jahren?
Netzer: Da gab es in ganz Bayern knapp 360 Geschäftsstellen mehr bei insgesamt 3870 Geldautomaten.

Wie viele Geschäftsstellen werden es in fünf Jahren noch sein?
Netzer: Das hängt insbesondere davon ab, in welcher Form unsere Kunden im digitalen Zeitalter Dienstleistungen von ihrer Sparkasse abrufen. Das Kundenverhalten verändert sich rasant.

Ein Ende der Null- und Negativzinsen ist nicht in Sicht. Wird es mehr Fusionen bei Bayerns Sparkassen geben?
Netzer: Fusionen sind kein Allheilmittel gegen die aktuelle Zinssituation. Bei Fusionen ist die entscheidende Frage, ob sich die beteiligten Sparkassen als Fusionsinstitut noch besser und effizienter aufstellen können für ihre Kunden.

Wann rechnen Sie wieder mit steigenden Zinsen?
Netzer: Am Horizont zeichnet sich da noch überhaupt nichts ab. Denn die EZB hat bereits angekündigt, die Politik der extrem niedrigen Zinsen fortzusetzen. Die Zeiten werden noch schwieriger.

 

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