Sparen für den frühen Jobausstieg Was sind Frugalisten?

/Markus Brauer
Frugalisten sind Super-Sparer, die während ihres Berufslebens so viel wie möglich zurücklegen und minimalistisch leben, um frühzeitig aus Job und Stress auszusteigen. Foto: Imago/Zoonar

Raus aus dem Arbeitsleben und nur noch tun, wonach einem der Sinn steht. Das wünschen sich viele Menschen. Frugalisten wollen das mit Extremsparen schaffen.

 
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Sparen, sparen, sparen. Das ist der Kern des FIRE-Prinzips. Die vier Buchstaben stehen für Financial Independence, Retire Early. Übersetzt bedeutet das: Finanzielle Unabhängigkeit gewinnen, um früh aus dem Job auszusteigen. Der Trend kommt aus den USA. In Deutschland heißt er: Frugalismus.

Was ist das Lebensziel von Frugalisten?

Wer ihm folgt, hat ein ehrgeiziges Ziel: Möglichst schon mit Anfang, Mitte 40 so hohe Rücklagen zu besitzen, dass es auch ohne Gehalt für den Rest des Lebens reicht. Damit das klappt, wird vorher möglichst viel Geld angesammelt.

„Die Ausgaben werden zugunsten einer hohen Sparrate auf ein Minimum beschränkt“, erläutert Finanzexperte Ralf Scherfling von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Glücklicher mit wenig Hab und Gut? Frugalisten investieren lieber in die eigene finanzielle Freiheit als in dingliche Besitztümer. Foto: dpa/Christin Klose

Worauf verzichten Frugalisten?

Super-Sparer verzichten zum Beispiel auf Dinge, die sie für nicht unbedingt notwendig halten. Etwa Urlaubsreisen und Restaurantbesuche. Spontan- und Spaßkäufe von Kleidung, Mobiltelefonen oder Büchern passen ebenfalls nicht zum genügsamen Ansatz sämtliche Ausgaben zugunsten der Sparquote zu drosseln.

Diese Rate bestimmt jeder individuell. In Blogs berichten Frugalisten von bis zu 70 Prozent ihres Monatseinkommens. Zum Vergleich: Die Sparquote der Haushalte in Deutschland beziffert das Statistische Bundesamt auf im Schnitt nur rund elf Prozent.

Minimalistisch eingerichtet? Frugalisten hinterfragen jede Ausgabe grundsätzlich kritisch. Foto: dpa/Bernd Diekjobst

Wer kann sich Frugalismus leisten?

Doch nicht jeder kann überhaupt so viel sparen wie manche Frugalisten. „Tendenziell ist das eher für Menschen mit höherem Einkommen denkbar“, erklärt Scherfling. Denn wer mehr verdient, verfügt nach Abzug von Steuern und Kosten auch über mehr Liquidität, um in die finanzielle Unabhängigkeit zu investieren.

Für Geringverdiener ist das in der Regel nicht möglich. Zudem sind junge Menschen im Vorteil. Bei gutem Einstiegsgehalt bleibt ihnen länger Zeit zum Sparen als älteren Arbeitnehmern.

Was machen Frugalisten nach dem Jobausstieg?

Frugalisten wollen ihr Vermögen so mehren, dass sie beim Einstieg in den Ausstieg ausschließlich vom Ertrag leben können. Und zwar bis zum Tod. „Als Faustregel gelten vier Prozent Ausschüttung pro Jahr“, erläutert Arthur Wilm. Er arbeitet als vom bayerischen Verbraucherministerium anerkannter Trainer für Verbraucherbildung für verschiedene Bildungseinrichtungen.

Konsequentes Weglegen genügt für das Vorhaben nicht. Vielmehr muss das überschüssige Geld angelegt werden und wachsen – bis der Kapitalstock die entsprechende Größe erreicht. Die Rede ist vom 25-fachen dessen, was jährlich ausgegeben wird.

Wie lange noch bis zum Berufsausstieg? Für Frugalisten ist das eine der zentralen Fragen Foto: dpa/Alexander Heinl

Von welcher angesparten Summe reden wir?

Arthur Wilm verdeutlicht das an einem Beispiel: Braucht jemand 25 000 Euro im Jahr zum Leben, müsste er oder sie bis zum Ausstieg 625 000 Euro anhäufen. Dafür müssten 20 Jahre lang gut 2000 Euro monatlich beiseite- und zu durchschnittlich vier Prozent Rendite pro Jahr angelegt werden.

Um den Lebensunterhalt langfristig aus dem Gewinn zu bestreiten, muss das Kapital nicht nur unangetastet bleiben, sondern auch die entsprechende Rendite abwerfen.

Welche Unbekannten stehen einem Frugalisten-Dasein im Wege?

Nach Ansicht von Wilms enthält das Rechenmodell der Frugalisten einen gravierenden Fehler. „Es ist aus heutiger Sicht gedacht. In 20, 25 Jahren funktioniert es aber wahrscheinlich nicht mehr“, kritisiert er. Warum? Weil sich bis dahin vieles wandelt. Faktoren wie Inflation blieben außen vor. Außerdem familiäre, berufliche und gesundheitliche Veränderungen, die Lebensstandard und Sparrate beeinflussen.

Vor allem aber lasse die Betrachtung die steigende Lebenserwartung außer Acht. Das sei ein Problem bei der Frage, wie lange das Vermögen reichen soll. „Wenn ich nicht ans Kapital will, wird der Spielraum eng.“

Wilm kommt zu dem Schluss, dass das FIRE-Konzept nur mit Startkapital funktioniert. Ohne zum Beispiel ein Erbe oder einer Immobilie als Basis würden die meisten Normalverdiener nicht ans Ziel kommen.

Frugalisten wollen ihr Vermögen so mehren, dass sie beim Einstieg in den Ausstieg ausschließlich vom Ertrag leben können. Foto: Imago//Chromorange

Wie verschaffen sich Frugalisten den nötigen finanziellen Spielraum?

Das angesammelte Vermögen bis zum Tag X unberührt zu lassen, schaffen wenige. „Die Versuchung, irgendwann ans Geld zu gehen, ist groß“, so Arthur Wilm. Trotz Skepsis dem Frugalismus gegenüber findet er aber die Disziplin gut, mit der Super-Sparer jede Ausgabe hinterfragen.

Fazit

Wer den Berufsausstieg entsprechend dem Frugalisten-Trend anstrebt, braucht ein ausreichend hohes Einkommen, um überhaupt bei den Ausgaben knapsen und genügend Geld zurücklegen zu können.

Das Rechenmodell enthält außerdem einige Unbekannte, während die Umsetzung viel Verzicht verlangt. Eventuell auf Kosten der Lebensfreude.

Bei Frust im Job ist das Modell nicht unbedingt die beste Lösung.

Wer den Schritt dennoch wagt, braucht Disziplin und einen Plan für das Leben nach dem Ausstieg.

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