Später Tigers-Sieg Die Schönheit dreckiger Siege

Siegmund Dunker

Es zählt zu den schwierigeren Aufgaben, aus dem Gesicht von Petri Kujala ablesen zu wollen, ob seine Mannschaft gewonnen oder verloren hat. Mit seiner stoischen Art mag der Trainer der Bayreuth Tigers so gar nicht zum Zeitgeist permanenter Erregungszustände passen. Das hält den Finnen aber nicht davon ab, Sätze zu formulieren, die im Gedächtnis bleiben. „Dreckige Siege“, sagte er am Sonntagabend nach dem 4:2 (1:1, 1:0, 2:1)-Arbeitssieg in der DEL2 gegen den EHC Freiburg, „sind manchmal die schönsten“.

Diesem Spiel haftete aber nicht nur Dreck, sondern auch Dramatik an. Beim Stand von 2:2 schien eine Verlängerung bereits unausweichlich, als Dani Bindels, dieser formidable Schlittschuhläufer, ein letztes Mal antrat. Der 22-Jährige flog regelrecht in die offensive Zone, zog hinters Tor und passte dann punktgenau in den Slot zu Kapitän Ivan Kolozvary, der die Scheibe über den starken Freiburger Schlussmann Patrik Cerveny hinweg ins Tor schaufelte. Neun Sekunden waren da noch zu spielen. Die Vorarbeit? Wunderbar. Der Abschluss? Dreckig. Direkt vom Bully weg räumte Frédérik Cabana mit einem Schuss ins leere Tor die letzten Zweifel am Bayreuther Sieg aus. „Es war ein Spiel, wie es typisch ist gegen Freiburg. Die Jungs haben sehr hart gearbeitet und sich diesen Sieg erkämpft“, fasste Kujala die 60 Minuten auf dem wärmebedingt ziemlich seifigen Eis zusammen.

Tatsächlich war es kein spielerischer Leckerbissen, den die 1206 Zuschauer erlebten. Sie sahen aber auch keinen Horrorstreifen an Halloween. Zumindest im temporeichen ersten Drittel boten die Tigers eine überzeugende Leistung und verdienten sich die 1:0-Führung nach knapp neun Minuten. Tobias Meier zündete auf links den Turbo und kreierte eine Zwei-gegen-Eins-Situation. Sein Querpass auf Bindels schaffte es dann zwar nicht ins Lehrbuch, doch der Adressat brachte die Scheibe dennoch unter Kontrolle und ließ mit seinem Schuss Cerveny keine Abwehrchance. Die Führung hielt allerdings nur 105 Sekunden, weil sich Garret Pruden an der blauen Linie einen kapitalen Stockfehler erlaubte. Tyson McLellan antizipierte das und ließ bei seinem Alleingang dem Bayreuther Torhüter Timo Herden keine Abwehrchance (11. Minute).

Ville Järveläinen seltsam gehemmt

Die Tigers blieben zwar tonangebend, offenbarten aber auch ihr fragiles Selbstbewusstsein. Das 0:6 zwei Tage zuvor in Weißwasser hatte das Vertrauen in den eigenen Abschluss nicht gerade gestärkt. „Die erste Reihe hätte das Spiel in Weißwasser schon im ersten Drittel klarmachen können“, erinnert sich Kujala. Sie tat es aber nicht, und das merkte man am Sonntag insbesondere Topscorer Ville Järveläinen an, der seltsam gehemmt agierte. „Ville weiß, dass er uns durch Tore helfen kann. Wenn es dann nicht klappt, denkt er natürlich viel darüber nach“, sagt Kujala über den Finnen, der nun schon seit vier Partien auf einen Treffer wartet.

Für Järveläinen sprangen andere in die Bresche. Bindels zeigte mehrfach, dass er Geschwindigkeit mit exzellenter Stocktechnik vermählen kann. Sein spektakulärer Alleingang im Schlussdrittel, als er mehrere Gegenspieler wie Slalomstangen austanzte, hätte nicht nur das Zeug zum Tor des Monats gehabt, sondern auch das Bayreuther Nervenkostüm beruhigen können. Cerveny hatte jedoch etwas dagegen und verhinderte das vermutlich vorentscheidende 3:1 für die Tigers (47.). Stattdessen erzwang der konsequent nachsetzende Nick Pageau nur wenig später den Ausgleich für Freiburg (51.). Zuvor waren die Bayreuther im Mitteldrittel durch Luke Pither erneut in Führung gegangen (27.). Der Kanadier veredelte mit einem perfekten Handgelenkschuss eine tollen Querpass von Cason Hohmann und hatte weitere auffällige Szenen. Für Kujala kommt das nicht überraschend. „Luke hatte ein Jahr lang nicht gespielt. Es war klar, dass er etwas Anlaufzeit brauchen würde. Nun kommt er immer besser in Fahrt.“

Nun bei den Täölzer Löwen zu Gast

Bereits am Dienstag (19.30 Uhr) sind die Tigers (11./12 Punkte) schon wieder gefordert, wenn sie bei den Tölzer Löwen (8./15) antreten. Die Oberbayern mussten im Sommer einen brutalen Aderlass hinnehmen, indem sie das Gros ihrer Leistungsträger verloren. DEL2-Toptorjäger Max French musste verletzungsbedingt seine Karriere beenden, Topscorer Marco Pfleger schloss sich dem EV Landshut an, und Maximilian Franzreb, Torhüter des Jahres in der DEL2, wechselte in die DEL zu den Pinguins Bremerhaven. Angesichts dessen mutet der Saisonstart der Löwen erstaunlich gut an. „Trainer Kevin Gaudet schafft es immer, gute Ausländer zu verpflichten. Ihre Identität ist auch unverändert. Die Konterattacken sind sehr gefährlich, deshalb wird es für uns wichtig sein, Fehler in der neutralen Zone zu vermeiden“, sagte Kujala. Vielleicht klappt es dann wieder mit einem dreckigen Sieg.

 

Bilder