Sozialpädagoge Claus Rieger von der psychologischen Beratungsstelle "Nehmt den Ausreißer in den Arm"

Von Katharina Wojczenko

Über eine Woche war das Mädchen verschwunden. Bayreuther Polizisten haben die vermisste 15-Jährige wieder zu ihren Eltern gebracht. Doch warum laufen Jugendliche von daheim weg und was können Eltern tun? Der Kurier hat den Sozialpädagogen Claus Rieger von der psychologischen Beratungsstelle des Diakonischen Werks gefragt.

Sozialpädagoge Claus Rieger (59) von der psycholohischen Beratungsstelle des Diakonischen Werks Bayreuth. Foto: red Foto: red

Der 59-jährige Sozialpädagoge und seine Psychologen-Kollegen unterstützen Familien, damit es nicht so weit kommt, dass Jugendliche ausreißen. Er weiß aus der Praxis von einer Handvoll Fällen pro Jahr, in denen das nicht klappt. Am Montag hatte die Polizei ein vermisstes Mädchen aus Bayreuth in Unterfranken aufgegriffen.

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Warum reißen Jugendliche aus?
Claus Rieger: Häufig sind Probleme mit den Eltern der Grund, die seit längerer Zeit schwelen. So ist ein Teufelskreis entstanden, in dem die Jugendlichen ständig Grenzen überschreiten. Die Eltern schwanken zwischen Hilflosigkeit und extremen Reaktionen wie Schlägen oder mehreren Wochen Hausarrest. In seltenen Fällen gibt es schwerwiegendere Gründe, zum Beispiel psychische Erkrankungen der Eltern, Gewalt oder Missbrauch. Der Konflikt kann aber auch außerhalb der Familie liegen. Typisch sind schlechte Schulleistungen, Liebeskummer oder wenn Gleichaltrige den Jugendlichen mobben.

Was sind die Warnzeichen für Eltern?
Rieger: Es gibt keine spezifischen. In der Regel ist das Weglaufen eine spontane Aktion, der aktuelle Konflikt war nur der Auslöser. Selbst wenn Jugendliche mehrfach damit gedroht haben, muss es nicht passieren. Studien darüber, ob sich das Verhalten kurz vorher ändert, sind mir nicht bekannt. Fest steht: Weglaufen ist immer ein Hilferuf.

Wie sollten Eltern reagieren, wenn ihr Kind wieder da ist?
Rieger: Erst einmal einfach in den Arm nehmen und sagen: Ich bin froh, dass du wieder da bist. Es ist besser, auf Strafpredigten und Vorwürfe zu verzichten und statt dessen zeigen, wie erleichtert man ist. Danach sollten die Eltern nach den Ursachen suchen. Wenn sie in der Familie liegen und die Eltern das Gefühl haben, dass sie ohnmächtig sind, sollten sie sich Hilfe von außen holen. Zum Beispiel bei uns.

Wie verändert sich das Zusammenleben in der Familie?
Rieger: Die Eltern haben häufig Schuldgefühle, fühlen sich hilflos, manchmal wütend. Die Jugendlichen glauben, dass sie etwas bewirkt haben: Dass die Eltern sie ernst nehmen. Wenn sich aber nichts ändert, ist die Gefahr groß, dass das Kind wieder wegläuft oder andere Probleme entwickelt, depressiv wird oder süchtig.

Info: Die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern ist Montag bis Donnerstag von 8 bis 11 Uhr und 14 bis 16 Uhr unter Tel. 0921/78517710 zu erreichen, freitags von 8 bis 11 Uhr - oder per E-Mail an psychologische-beratung@diakonie-bayreuth.de.