Sind Kunstwerke jemals fertig? Dirk von Gehlen spricht in der Sübkültür über die Digitale Revolution Vortrag: Kultur wird zur Software

"Kultur wird zur Software, die in Versionen daherkommt": Dirk von Gehlen spricht am Dienstag in der Sübkültür über Kreativität im digitalen Wandel. Foto: red Foto: red

Mit Büchern wie "Mashup. Lob der Kopie" und "ENVIV - Eine neue Version ist verfügbar" gehört der Journalist Dirk von Gehlen zu den scharfsinnigsten Analytikern der digitalen Revolution. Am kommenden Dienstag ist er in der Sübkültür in Bayreuth zu Gast.

Man kann sagen: Die Idee ist modern, und Dirk von Gehlen gehörte zu den Ersten in Deutschland, die sie richtig durchgezogen haben. Es ist die Idee des Kunstwerks, das nicht an ein Material gebunden ist, das immer weiter entsteht und niemals fertig ist. Die Verflüssigung der Kultur, sozusagen.

Man kann aber auch sagen: Die Idee ist uralt, sie steht am Beginn der Geschichte. Homer hat sie gehabt, diese Idee, oder vielmehr die vielen Erzähler, die aus ihrem Gedächtnis ihren staunenden Zuhörern immer irgendwelche neuen Varianten der Legenden vom Krieg um Troja erzählten. Bis irgendwann irgendjemand diesen Strom von Erzählungen niederschrieb und damit einfror. Homer? Homer! Jedes Epos braucht einen Urheber.

Auch Dirk von Gehlen hat sich einen Namen gemacht. Als „mutiger Vordenker“ beispielsweise (Büchermagazin), als Verursacher eines „Urknalls des Verlagswesens“ (Westdeutscher Rundfunk). Das hört sich alles griffig an, ziemlich hip und angemessen gefährlich für konservative Denker: Ein Befürworter des bösen Internets, ein Bilderstürmer, der der gewachsenen Kulturlandschaft ihre „Verflüssigung“ durch die Digitalisierung vorhersagt. Die „Zeit“ sieht ihn gar viele Gewissheiten aus den Angeln heben, „die für Bücher bislang galten“. Kurz: sein Buch sei „eine manifest gewordene Kulturrevolution“.

Das ist griffig, wie gesagt. Ist es auch treffend?

Dirk von Gehlen, Journalist bei der Süddeutschen Zeitung, ist weniger der Theoretiker und Urheber einer Kulturrevolution als vielmehr ihr Beobachter und Analytiker. Sein Buchprojekt heißt „ENVIV – Eine neue Version ist verfügbar“. Und steht einerseits für einen neuartig klingenden Ansatz: Die Leute zahlen nicht fürs fertige Buch, sondern dafür, dass sie den Fortgang des Buchprojekts im Internet verfolgen können. Ein Kulturprojekt, das niemals „fertig“ sein wird, wie von Gehlen sagt: „Kultur wird zu Software, die nicht mehr als unveränderliches Werkstück daherkommt, sondern in Versionen.“

Macht Gehlen das zum Revolutionär? Auch Ernst Jünger hat sein Buch „In Stahlgewittern“ in mehreren Versionen herausgebracht. Einmal für die Kriegsmüden, ein späteres Mal für die schon wieder Kriegsbegeisterten. Gehlen selbst bevorzugt ein anderes Beispiel: „Ich vergleich’s gerne mit den Versionen der Bibel. Die Erzählung von Ostern gibt es in mindestens vier Fassungen.“ Kurz: „Unsere Idee vom singulären Kunstwerk war schon immer eine Fiktion.“

Walter Benjamin schrieb über das Kunstwerk in den Zeiten seiner Reproduzierbarkeit. Über 70 Jahre später scheint sich wenig verändert zu haben: Immer noch verändert die Techni-k verändert das Verständnis vom Kunstwerk. Es verliert seine Einmaligkeit, seine Aura, seinen Kultwert. Damals durch die Erfindung von Film und Foto, heute durch das Internet. „Wir müssen uns überlegen, worin der Wert unseres Produkts besteht“, sagt Dirk von Gehlen. Beispiel Bands: Bei der Musik geht es künftig noch stärker ums Erlebnis, sagt er, „die Musik ist dann eher ein Marketinginstrument“. Popmusik verlor ihre Vorstellung vom Original in dem Moment, da die erste Coverband aufdrehte. Und heute? Heute kann ein Musiker so viele Fassungen abspeichern, wie er will, immer neue Arrangements und Fassungen.

Beispiel Buch: Der Leser kann beim Schreiben zuschauen, kann sich über das Fortleben der Romanfiguren mit Gleichgesinnten austauschen, Sachbücher erhalten Updates. „Wenn ich in einen Buchladen gehe, frage ich mich, warum muss das Buch rumliegen?“, sagt der Journalist. „Und dann stelle ich fest: Das ist der Printdistribution geschuldet.“ Blöd, wenn das Sachbuch ein Pilzbuch ist, und das jüngst entdeckte tödliche Schwammerl taucht nicht im Register auf.

„Ich möchte die Tür öffnen für neue Kimabedingungen“, sagt Gehlen. „Wissen verschwindet nicht, es verändert sich.“ Von dieser Veränderung erzählt er, und von einem angstfreien Umgang mit ihr. Sein Buch ist ein hervorragender Beitrag dazu: Wie es entstanden ist, wie es finanziert wurde, sein Inhalt, das spricht auch Digital Natives an. Wie es unser aller Verhältnis zur Kunst analysiert - das könnte auch Museumsbesucher und klassische Konertbesucher interessieren. Der Austausch zwischen Digitalen und Analogen wirkt mitunter wie eingefroren. Von Gehlens Programm hört sich so an, als könnte am Dienstag etwas auftauen.


Info: Dirk von Gehlen, "Eine neue Version ist verfügbar", Sübkültür im Forum Phoinix, Dienstag, 22. April, 20 Uhr, multimedialer Vortrag, Moderation: Florian Zinnecker.
 

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