"Siegfried"-Uraufführung Ein Psychodrama um Bayreuths Erben

Ein Theaterstück zum 150. Geburtstag von Siegfried Wagner: Die Schauspieler Felix Axel Preißler und Felix Römer als Siegfried und Winifred Wagner. Foto: Bayreuther Festspiele/Konrad Fersterer

BAYREUTH. Ein Theaterstück ist noch nie bei den Bayreuther Festspielen gezeigt worden. Zum 150. Geburtstag von Siegfried Wagner macht die Festspielleitung eine Ausnahme. Die Uraufführung des Auftragswerks "Siegfried" war am Dienstag im einstigen Reichshof-Kinosaal.

Stimmgeräusche aus dem Orchestergraben. Eine tiefe Frauenstimme aus dem Off. Zwei Gestalten geistern durch die Villa Wahnfried, betreten den Vorplatz - und aus dem Film auf die Bühne. Siegfried, mit geflügeltem Helm, in Brustpanzer und Unterhosen, und Winifred, in einem Kleid, das einem Kettenhemd gleicht. Stille. Das Spiel beginnt.

Der Monolog, vom erfahrenen Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel sprachgewaltig umgesetzt, verteilt sich auf zwei Siegfrieds, zwei Männer in mehreren Rollen. Regisseur Philipp Preuss und seine Dramaturgin Constanze Fröhlich betonen damit die ambivalente Persönlichkeit des einzigen Sohns von Richard Wagner.

Zu erleben ist Siegfried, der nach außen hin angepasste, bürgerliche Festspielleiter und zugleich der andere Siegfried, mit dem im Freud'schen Sinne wild-wabernden Unterbewusstein. Dieser unkontrollierte Siegfried schreit, lacht irre, wälzt sich am Boden und lässt der Lust freien Lauf. Winifred, Cosima und Richard Wagner tauchen in diesem Doppelspiel genauso auf wie Siegfrieds Freund Clement Harris und der Rassentheoretiker Houston Stewart Chamberlain.

Gespenstische Atmosphäre

Mit den Mitteln der zeitgenössischen Regie, Video-Sequenzen und Live-Video-Projektionen (Konny Keller) und gesampelten Ton-Collagen (Sounddesign) entsteht eine gespenstische Atmosphäre (Lichtdesign: Carsten Rüger), eine Szenerie, die von den Geistern der Vergangenheit beherrscht wird. Die Zwillingsnatur Siegfrieds ermöglicht ein facettenreiches Rollenspiel, das sich zu einem beklemmenden Psychodrama entwickelt, in dem sich die Darstellern Felix Axel Preißler und Felix Römer verausgaben.

Obwohl Feridun Zaimoglu Siegfried nicht als homosexuell, sondern als bisexuell ansieht, steht die gleichgeschlechtliche Liebe im Vordergrund. Ein wenig zu plakativ, wie mit den übergestülpten Nasen, die zum Penis werden. Oder simuliertem Oralsex. Oder dem Freddie-Mercury-Äußeren von Felix Axel Preißler.

Das Produktionsteam bekam freie Hand bei der Umsetzung der deutlich gekürzten Vorlage. Die einfallsreiche, wenig subtile Inszenierung bedient sich dessen, was über ihn bekannt ist - eine neue Sichtweise eröffnet sie nicht. Wagner Musik fehlt gänzlich. Lediglich "Das Märchen vom dicken, fetten Pfannekuchen" und das "Wahnfried-Idyll" als Parodie auf das "Siegfried-Idyll", das Richard Wagner zur Geburt des Sohnes komponierte, kommen vor.

Wenige Requisiten

Umrissen wird die Zeit Siegrieds als Junggeselle, auf dem der Druck lastet, die dynastischen Pflichten zu erfüllen. Die völkisch-nationale, aufgeheizte Stimmung um 1914, der Judenhass und das übersteigerte Deutschtum werden sichtbar. Ein labiler, kindlicher, politisch nicht unschuldiger Siegfried, der unter einem übermächtigen Vater und einer dominanten Mutter leidet und sich in Männerbeziehungen und Märchenwelten flüchtet.

Der zweite zeitliche Fixpunkt ist Siegfrieds Tod: Während der Proben zu "Tannhäuser" erleidet er einen Herzinfarkt und stirbt wenige Monate nach der Mutter. Nach der Heirat wollte er nicht als "tragische Gestalt" dastehen. Im Monolog sagt er gleichwohl: "Es zeugt doch von Wahnverstrickung, sein Ehrenwort zu verpfänden für ein Leben zu zweit."

Die Produktion kommt auf einer eher kargen Bühne (Ramallah Sara Aubrecht) mit wenigen Requisiten aus. Der Untergrund ist bedeckt mit brauner Erde, die gleichsam für Wagners Grab und den braunen Sumpf steht, auf dem die Bayreuther Festspiele unter Hitler-Freundin Winifred standen. Zwei Leuchtstoffröhren, ein Sessel in der Mitte, weiße und schwarze Laken.

Als Kostüme wählte Aubrecht weiße Hemden, Unterhosen, seidene Umhänge und Ballettröcke. Der hoch über dem Bund getragene Gürtel, ein Zeichen von Siegfrieds Extravaganz, wie er auf vielen Fotografien zu sehen ist, fehlt nicht.

Wenige sind es Objekte, mit denen die Schauspieler ein fesselndes Spiel entfachen. Trotz der fehlender Pause wird die zweistündige Aufführung niemals langweilig. Eher sehnt sich der Zuschauer nach einer Atempause nach diesem herausfordernden Theaterabend. Der im Übrigen die Bayreuther selbst nicht schont.

 

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