Serie Selbsthilfegruppen Wie aus Süchtigem ein Suchthelfer wurde

Bier zum Frühstück? Nie wieder, sagte sich Klaus in einer Schicksalsstunde seines Lebens. Foto: dpa-Archiv/Arno Burgi

Gemeinsam sind sie stärker: In mehr als 50 Selbsthilfegruppen stehen sich Menschen im Raum Bayreuth gegenseitig in Krankheit oder Notlage bei. Der Kurier stellt einige der Gruppen in einer neuen Serie vor.

Der Wendepunkt kam beim Frühstücksbier. „Da dachte ich mir plötzlich: So kann mein Leben doch nicht weitergehen“, erzählt Klaus. Geschämt habe er sich vor sich selber. Mitte 40 war der Pegnitzer damals, Elektriker und voll im Vereinsleben seiner Heimatstadt integriert. Ein paar Jahre mit zu viel Alkohol hatte er da schon hinter sich. „Kurz aber heftig“ nennt er seine Suchtzeit im Rückblick. Unmerklich, schleichend habe es begonnen, dass er immer mehr trank. Wenn ihn was störte auf der Arbeit oder im privaten Umfeld griff er lieber zu Flasche, statt seinen Mund aufzumachen und darüber zu reden.

„Ich wollte das verdrängen“

„Ich wollte diese Dinge verdrängen.“ Er vermutet, dass er schon depressiv war, bevor das Trinken aus dem Ruder lief. Dass Alkohol für ihn ist ein Problem wurde, verdrängte er ebenso wie alles andere. Obwohl ihn seine Frau oft darauf hinwies, dass er zu viel trank. Ich doch nicht, dachte er sich lange – und machte sich noch ein Seidla auf.

Viel vertragen ist tückisch

Zu denken gab ihm irgendwann, dass er sich beim Umtrunk in Gesellschaft noch nüchtern fühlte, während die anderen schon deutliche Rausch-Anzeichen zeigten. „Manche bilden sich ja was drauf ein, wenn sie glauben, viel zu vertragen. Aber das ist tückisch“, sagt Klaus. 21 Jahre ist es her, dass er selber zu der Einsicht gelangte: Sein Leben muss sich ändern. Er muss sich ändern. Obwohl er sich in seinem Job nichts hatte anmerken lassen, sich zusammenriss, um nicht aufzufallen, und gute Arbeit leistete, bat er den Werksarzt um Hilfe. “Ich trinke zu viel“, sagte er zu ihm. Der Doktor riet zur Entgiftung und zur Therapie im Bezirkskrankenhaus.

Das Umfeld ist unheimlich wichtig

Dort musste er auf einen Termin erst mal warten. „Sie sagten mir: Es ist gerade Bierwoche in Kulmbach, wir müssen freie Plätze freihalten.“ Also schraubte er den Alkoholkonsum erst mal selber etwas zurück, bis er endlich zum Zug kam. Fünf Wochen blieb Klaus zur Entgiftung im BKH, direkt im Anschluss folgten 16 Wochen stationäre Langzeittherapie. Aus seiner Alkoholkrankheit machte und macht er kein Geheimnis, im Gegenteil: Sein Umfeld wusste und weiß Bescheid. „Ich steh dazu. In geselligen Runden wird ihm heute ganz selbstverständlich Wasser oder Spezi angeboten. „Unheimlich wichtig“ sei es für ihn gewesen, dass sein Umfeld seine Abstinenz so positiv begleitet hat.

Der Freundeskreis für Suchtprobleme

Klaus findet rasch Kontakt zum Freundeskreis für Suchtprobleme in Pegnitz. Hier kann er sich mit Menschen austauschen, denen es ähnlich geht wie ihm, die auch ihr Leben gegen die Sucht verteidigen wollen, die schon mehr Erfahrung haben. Bald hat er die Leitung dieses Freundeskreises übernommen, lässt sich zum ehrenamtlichen Suchtkrankenhelfer ausbilden und qualifiziert sich fortwährend weiter. Eine freie Gruppe ist der Freundeskreis, nicht irgendwelchen Verbänden angegliedert oder Zwängen des Vereinsrechts unterworfen, sagt Klaus. Regeln gibt es dennoch: Alles bleibt vertraulich, es darf immer nur einer sprechen und die wöchentliche Zusammenkunft beginnt mit einer Runde, in der jeder Teilnehmer schildert, wie es ihm seit dem letzten Treffen ergangen ist. Anschließend wird darüber gesprochen.

Infos aus erster Hand

Fünf bis zehn Betroffene sind sie, die sich jeden Dienstagabend um 19 Uhr im Jugendcafé Bartl treffen. Angehörige sind ausdrücklich mit eingeladen und offen ist der Freundeskreis auch gegenüber Kranken, die einem anderen Rauschmittel verfallen sind. Man geht auch mal Kegeln, Minigolfen oder Essen. Klaus bietet Gespräche mittlerweile auch Patienten auf der Suchtstation des Bezirkskrankenhauses in Bayreuth und in Hutschdorf an. Was passiert nach der Entgiftung, kommt für mich eine Therapie infrage, wie kann es überhaupt weitergehen? Diese und andere Fragen werden ihm gestellt. Klaus hat Informationen aus erster Hand zu bieten. „Jeder hat seine eigenen Probleme, denen er sich stellen muss“, sagt er. Ihm selber geht es heute mit seinen 67 Jahren körperlich und mental sehr gut. „Es gibt natürlich immer Höhen und Tiefen, aber jetzt gehe ich anders damit um als früher. Ich fühle mich wohl und ein bisschen stolz bin ich auch.“ Denn Alkohol hat er seit 21 Jahren keinen mehr getrunken.

Kontakt: Telefon 0176/54416207; klaus.luttenberger@gmx.de

Selbsthilfegruppen: mehr als nur ein Stuhlkreis

 

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