Serie Selbsthilfegruppen Trotz Drogen: Sag’ „Jes“ zum Leben

Gemeinsames Gedenken der Bayreuther „Jes“-Gruppe an verstorbene Drogenopfer in der Fußgängerzone am 21. Juli. Einer der Initiatoren war Michael Meier. Foto: Archiv/red

Ehemalige Junkies haben zurückgefunden in ein geordnetes Leben. Jetzt wollen sie anderen mit ähnlichem Schicksal helfen, es auch zu schaffen. Mit Hilfe der Bayreuther Gruppe des bundesweiten Netzwerks „Jes“.

Sie waren ganz unten. Michael Meyer und Bernhard Hacker waren drogensüchtig, eingesperrt, ohne jede positive Perspektive. Bis sie Ja sagten zum Leben: „Jes“ - abgeleitet vom englischen „Yes“. Der Name „Jes“ ist eine Antwort auf den von der früheren US-Präsidentengattin Nancy Reagan geprägten Anti-Drogen-Slogan „Just say no“. Jes ist ein bundesweites Netzwerk von Selbsthilfegruppen, eine davon gibt es in Bayreuth. Jes sagt Ja, nicht zu Drogen, aber zu den Menschen, die Drogen nehmen: zu Junkies, zu Ehemaligen und zu Substituierten.

Mit 16 schon Heroin

Michael Meyer ist heute 61 Jahre alt. Mit dem Drogenkonsum begann er, als er 16 war. Gleich mit Heroin. Anfangs nahm er den Stoff sporadisch, bald merkte er selber, dass er abhängig wurde. Trotz Drogen schaffte er seine Lehre und gründete eine Familie, die später allerdings zerbrechen sollte. Er nahm Opiate. Zweimal wäre er beinahe an einer Überdosis gestorben. „Ich war immer mit einem Bein im Knast“, sagt er.

Wahnsinnsangst vor dem Gefängnis

Einmal saß er tatsächlich für drei Monate ein. Weil er ohne Führerschein und mit sieben verbotenen Substanzen im Blut am Steuer saß und erwischt wurde. „Ich war fix und fertig, hatte eine Wahnsinnsangst vor dem Gefängnis.“ Gleichzeitig sei er aber auch dankbar gewesen für die Chance auf einen Neuanfang. Der sollte aber sehr mühsam werden. Fünf Therapien hat Meyer hinter sich, einmal hielt er es vier Jahre ohne Drogen aus – und wurde dann doch rückfällig.

Einer der ersten Bayreuther mit Substitution

Was ihn aus heutiger Sicht rettete: Mitte der neunziger Jahre hatte er ersten Kontakt mit einer Gruppe aus dem Jes-Netzwerk und kam so als einer der ersten Bayreuther an einen Arzt, der ihn mit einem Codeinpräparat substituierte. Es sollte aber immer noch Jahre dauern, bis er sein Leben ordnen konnte. Heute kann er sich dreimal die Woche Methadon im Bezirkskrankenhaus abholen und lebt in einer betreuten WG des Vereins Kontakte. „Jetzt geht es mir gut“, sagt Meyer.

Erst psychisch krank, dann auch noch Drogen

Auch Bernhard Hacker hat einen langen Weg mit Drogen und einen harten Kampf hinter sich. Mit Anfang 20 erkrankte der gebürtige Oberpfälzer an Schizophrenie und einer Psychose. Die Drogen kamen einige Jahre später dazu: Cannabis und Ecstasy. Ganz schlimm wurde es für ihn, als er während seiner Lehre in einem botanischen Garten Naturdrogen verfiel. „Die sind brandgefährlich und können Hirnschäden verursachen“, sagt er heute.

Ein Jahr eingesperrt

Er konnte seinem Beruf nicht mehr nachgehen, verlor die Konzentrationsfähigkeit, hatte Angst- und Panikattacken, war verwirrt, fand sich nicht mehr in seiner Umgebung zurecht. Ein Jahr verbrachte er eingesperrt in der geschlossenen Abteilung der Maximilianshöhe. „In dieser Zeit fiel bei mir der Groschen, dass sich etwas ändern muss. Sonst bin ich für den Rest meines Lebens eingesperrt und hänge mich irgendwann am Fensterkreuz auf“, dachte er sich.

Jahrelange harte Arbeit

Aus dem Loch herauszukommen, war jahrelange harte Arbeit, sagt der heute 52-Jährige. Und dass er Riesenglück hatte. Auch Hacker findet einen Platz in einer WG des Vereins Kontakte und wird seit sieben Jahren mit Polamidon substituiert. Vielleicht wird er wie Meyer ein Leben lang auf die Ersatzdroge angewiesen sein. In der Maximilianshöhe lernt er Michael Meyer kennen. Sie versuchen eine Jes-Selbsthilfegruppe zu gründen, die aber fällt nach einigen Monaten wieder auseinander.

Gemeinsamer Gedenktag an Verstorbene

Im Mai 2022 unternehmen sie einen erneuten Anlauf mit Hilfe von Susanne Freund, der Selbsthilfebeauftragten des Bezirkskrankenhauses Bayreuth. Jetzt trifft sich die Gruppe jeden zweiten Montag von 9 Uhr bis 10.30 Uhr. Bis zu zehn Teilnehmer gibt es, sechs gehören zum harten Kern. Sie tauschen sich aus über sich und ihre Situation, planen Projekte wie eine Aktion in der Bayreuther Fußgängerzone zum Gedenktag an die verstorbenen Drogenkonsumenten am 21. Juli.

Ein menschenwürdiges Leben

„Wir sind offen für weitere Mitglieder, auch wenn sie noch Drogen nehmen, sich aber ordentlich benehmen. Jeder kann kommen und gehen wie er will und keiner muss etwas sagen, wenn er nicht will“, sagt Meyer. Zentrales Anliegen von Jes ist es, für Menschen, die wie Hacker und Meyer auf Substitutionsmedikamente angewiesen sind, Bedingungen zu schaffen, die ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Was zum Beispiel passiert mit ihnen, wenn sie im Alter pflegebedürftig und gleichzeitig auf Substitution angewiesen sind? Meyer und Hacker kennen keine einzige Pflegeeinrichtung in der Region, die sie dann betreuen würde.

Info: Ansprechpartner für die Bayreuther Jes-Gruppe ist Michael Meyer, erreichbar per Mail unter jes.bayreuth@gmail.com.

In der Kurier-Serie Selbsthilfegruppen bereits erschienen:

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