Seltene Häufung Unfallbilanz 2013: 24 Tote bei Verkehrsunfällen in der Region

Von

Von 59 Verkehrsunfällen in Oberfranken, die 2013 tödlich enden, ereignen sich 21 in der Bayreuther Gegend. 24 Menschen sterben dabei. Und immer wieder in einer bestimmten Dienstschicht der Polizei.

Alexandra Krannich und Tobias Dietzel waren immer wieder mit tödlichen Verkehrsunfällen beschäftigt., Foto: Andreas Harbach Foto: red

Am 5. Mai stirbt ein 21-Jähriger bei einem Verkehrsunfall bei Weidenberg. Am 18. Mai stirbt ein 79-Jähriger bei einem Verkehrsunfall bei Kirchenpingarten. Am 31. Mai sterben ein 40-Jähriger, ein 22-Jähriger, ein 18-Jähriger und eine 19-Jährige bei einem Verkehrsunfall bei Obernsees. Am 4. Juni stirbt ein 43-Jähriger bei einem Verkehrsunfall bei Bischofsgrün. Am 5. Juni stirbt ein 32-Jähriger bei einem Verkehrsunfall bei Weidenberg. Am 9. Juni stirbt ein 24-Jähriger bei einem Verkehrsunfall in Fichtelberg. Am 17. Juni stirbt eine 44-Jährige bei einem Verkehrsunfall bei Kauerndorf. Am 19. Juni stirbt ein 44-Jähriger bei einem Verkehrsunfall bei Pegnitz. Am 20. Juni stirbt ein Mann bei einem Verkehrsunfall bei Bad Berneck. Am 23. Juni stirbt eine 64-Jährige bei einem Verkehrsunfall in Weidenberg. Am 14. August stirbt ein 75-Jähriger bei einem Verkehrsunfall bei Marktleugast. Am 19. September stirbt eine 76-Jährige bei einem Verkehrsunfall bei Lösau. Am 19. September stirbt ein Mann bei einem Verkehrsunfall in Pegnitz. Am 14. Oktober stirbt ein 52-Jähriger bei einem Verkehrsunfall bei Bayreuth. Am 15. Oktober stirbt ein 46-Jähriger bei einem Verkehrsunfall bei Pegnitz. Am 21. Oktober stirbt ein Mann bei einem Verkehrsunfall bei Pegnitz. Am 26. Oktober stirbt ein 19-Jähriger bei einem Verkehrsunfall bei Eckersdorf. Am 31. Oktober stirbt ein 73-Jähriger bei einem Verkehrsunfall in Bindlach. Am 3. November stirbt eine 32-Jährige bei einem Verkehrsunfall bei Bischofsgrün. Am 21. November stirbt ein 25-Jähriger bei einem Verkehrsunfall bei Pegnitz.

Nach der Werbung weiterlesen

***

Auf dem Tisch steht ein Teller mit Plätzchen und es gibt frischen Kaffee. Sonst ist das Dienstzimmer von Alexandra Krannich (38) so, wie man sich eine Polizeiwache vorstellt: ein wenig kahl, nüchtern, reiner Zweck. „So etwas hab‘ ich noch nicht erlebt“, sagt die Polizeihauptmeisterin. In ganz Oberfranken gab es 59 tödliche Unfälle. 21 davon in der Region um Bayreuth. Und fünf davon fielen in ihre Dienstgruppe der Polizei-Inspektion Bayreuth Land.

Wie steckt man so viel Tod weg?

Wie steckt man so viel Tod weg? Sie hebt ihre Hand bis an die Stirn und seufzt sanft. Nach dem dritten tödlichen Unfall, da sei ein „Level erreicht“. Wenn sie abends zur Ruhe kommt, spule sich das ein bisschen ab. Das verliere sich dann. Nur nicht zu nah ranlassen, dieses „blanke Elend“.

Sie war in Fichtelberg am 9. Juni. Eine 18-jährige Frau, wahrscheinlich viel zu schnell, prallt mit ihrem kleinen Auto gegen einen Baum. Für den Beifahrer, gerade 24 Jahre jung, kommt jede Hilfe zu spät. Als Krannich zum Unfall kommt, ist der Arzt schon da. Die junge Frau ist nicht ansprechbar, liegt mit Knochenbrüchen im Krankenwagen, steht unter Beruhigungsmitteln. Der Tote liegt nicht weit weg, abgedeckt mit einer Plane. Zeugen sind da, Schaulustige, Sanitäter. Hektik.

Dem allen begegnet die Polizistin mit Routine. „Man darf nicht hinstürmen“, sagt Krannich. Geschulter Blick, gelernte Abläufe, es könnte im Lehrbuch für Polizeischüler stehen: Überblick verschaffen, welche Autos sind beteiligt, wo sind die Fahrer, gibt es noch mehr Insassen, mit den Leuten reden, eine Unfallskizze machen, Fotos machen, eben alle Daten sammeln, die man für die Akten braucht. „Ich würd‘ das mit einem Uhrwerk vergleichen“, sagt Krannich. Namen, Geburtsdaten¸ Wohnort, Kfz-Daten, die Kennzeichen, die Zeugendaten, Telefonnummern.

Was nicht im Lehrbuch für Polizeischüler steht, ist der Umgang mit den Tod. Wie bringt man einer Frau mit zwei Kindern bei, dass ihr Mann gerade einen tödlichen Unfall hatte? Wie fühlt Krannich sich, wenn sie den Klingelknopf drücken muss? Wenn die beiden Kinder nebendran stehen? „Mama, Mama, was is‘ mit Papa?“ Wenn die Frau zusammenbricht? Krannich hat selbst zwei kleine Kinder im Alter von vier und acht. Aber sie zögert nicht, den Klingelknopf zu drücken, es hilft nichts. „Man muss.“ Manchmal ist der Ortsgeistliche dabei. „Wir müssen nach einer gewissen Zeit wieder weiter, können nicht lange dableiben.“ Zurück bleibt das Elend.

„Irgendwann, dann haut‘s einem den Vogel raus“

750 Quadratkilometer groß ist das Einsatzgebiet der Polizeiinspektion Bayreuth Land. Ob der Leiter, Günter Schönfelder, Erster Polizeihauptkommissar, noch zu schocken ist? „Ich weiß es nicht.“ Über Jahre sei er gewohnt, damit umzugehen, hat gelernt, es abzuhaken. „Aber wie oft hakt man es ab?“ 24 Tote gab es in diesem Jahr. „Irgendwann, dann haut‘s einem den Vogel raus.“

Und es kann noch schlimmer kommen: „Dem Getöteten in die Jacken- oder Hosentasche zu langen, zu sehen, wer ist das überhaupt.“ Dann muss Jürgen Schenkel, Hauptkommissar, Sachbearbeiter Verkehr bei der Polizei-Inspektion Bayreuth Land anhand der Autonummer den Namen des Fahrers rauskriegen. Oder beim Halter nachzufragen, wer der Tote sein könnte, „das ist dann noch ein wenig die Steigerung“.

Tobias Dietzel (29), Polizeihauptmeister, erst seit acht Jahren im Dienst. All die jungen Menschen, die bei Verkehrsunfällen sterben, noch jünger als er. „Es ist meine Arbeit, ausblenden, nachdenken, dann ist die Sache abgehakt. Ich lass das nicht so an mich ran. Ich rede mit der Frau drüber.“ Ausblenden, immer wieder ausblenden. Rückzug in die Routine. Das hilft. Auch die Aktenarbeit danach hilft, hat etwas Therapeutisches.

Nach dem Schock die Sachbearbeitung: Ein großer Pott Kaffee, nach und nach alles abarbeiten. Aus zwölf Stunden werden schnell 14; dann ruft Krannich ihren Mann an, der muss bei sich in der Arbeit anrufen, sagen, dass er später kommt, weil er sich um die Kinder kümmert. Mama füllt Akten aus, nachdem sie dem Tod begegnet ist.

Garstig bei Schaulustigen

Und sich um Schaulustige gekümmert hat. Wenn Leute da sind, die ihr Handy „drauf halten“, sagt Schönfelder, „da werden wir manchmal garstig“. Rechtlich hätte er die Möglichkeit, die Leute wegzuschicken. Aber meist haben die Polizisten etwas anderes zu tun.

Beim Unfall in Fichtelberg sind die Schaulustigen durch den Wald gekommen, zum Teil hatten sie sogar Kinder dabei. „Das ist unmöglich“, sagt Krannich, „Kinder mitzunehmen“ zu einem Brand oder Unfall. Das mag aufregend sein – „aber Kinder haben da nichts verloren.“

Die Zahl der Neugierigen sei sogar eher gesunken, sagt Schönfelder. Aber diejenigen, die kommen, gehen näher ran, die Hemmschwelle scheint gesunken zu sein. „Die wollen das Letzte sehen.“ Manche kommen extra, weil sie etwas gehört haben. „Unfalltouristen“, ein Fluch des Internets. „Das überholt uns nicht, das überrollt uns.“

Polizeihauptmeisterin Krannich hofft, dass das nächste Jahr ruhiger wird. „Aber wir müssen’s nehmen, wie’s kommt.“