Moderator Friedrich Herrmann dankt am Freitagabend dafür, dass dies möglich wurde und gibt das Opferlamm. Vor dem Publikum breitet er seine Lebensfäden aus, lässt es teilhaben an der irren Schädelspalterbande, an verpassten amourösen Abenteuern und nie geküssten Zungenküssen.

Poetry-Slamer legen ihr Innerstes ihrem Publikum zu Füßen, das ihnen selbige gerne küsst, wenn sie sich darin wiederfinden. Doch damit war es nicht ganz so einfach an diesem Abend.

Lag es an der Distanz, an den weiten Abständen zwischen den paarweise aufgestellten Stühlen? Oder an der so oft beklagten Emotionslosigkeit der Franken? Oder einfach nur daran, dass sich die Zuhörer selten wiederfanden in den oft detailverliebten Reimen und Wortspielereien? Das Applaus-Training, das die Zuhörer zu Beginn absolvierten, half da auch nicht. Kein Johlen, kein Aufspringen von den Stühlen, keine wirbelnden Kleidungsstücke. Und so mussten sich die fünf Akteure des Abends – allesamt hochdekorierte Poetry-Slam-Meister – oft gegenseitig anfeuern.

Simple Alltagspeinlichkeiten, wie das Pupsen im Parkhaus, sind das Ding von Viktoria Wilhelmine Bergemann aus Kiel. Geschehnisse, die verbinden, Erinnerungen an Unsägliches wecken. Viktoria sagt es, doch sie weiß auch, warum aus manchen Typen nie Männer werden, und sie fordert: Weg mit den Bärten. Sie stinken. Natürlich muss man sie nicht wegwerfen. Man könnte sie beispielsweise als Ersatzaugenbrauen verwenden oder sich in die Ohren stopfen, wenn man versehentlich ein Mark Forster-Konzert besucht.

Sebastian 23, ein Urgestein der Slam-Szene, verbindet Lyrik mit Mathematik und erzählt numerische Geschichten, wie: „Einst, in der Zweigstelle einer dreisten Firma ...“ Auf die Suche nach dem wahren Ich begibt sich Jean-Philipp Kindler aus Bochum. „Der Mensch ist doch kein Cornetto-Eis“, bei dem man sich zunächst durch Industriezutaten aller Art zum wahren Kern, der Schokolade in der untersten Spitze der Waffel durcharbeitet. Und schon gar kein Bum-Bum mit einem Stiel aus Kaugummi.

Mit ein bisschen Anleihen bei Komiker Otto Waalkes streitet Sebastian 23 als eloquenter Veggie mit dem Fleischesser, der auf sein Recht auf 17 Zwiebel-Mettwurst-Brötchen die Woche pocht.

Fleischeslust liegt auch Fee Brembeck aus Berlin sehr nahe, der angehenden Opernsängerin, die kein Hehl aus ihrem Fetisch macht, dem Feeminismus. Sie wünscht sich: Wenn schlau das neue schön wäre, wie angesagt wären dann Poetry-Slams.

Lebensfäden aus ganz Deutschland, gesponnen, verwoben und unter die Leute gebracht auf der Seebühne. Da macht es nichts, wenn einer mal den Faden verliert. Die goldene Ente mit dem Bayreuth-Schild geht an Sebastian 23, den Gewinner des Poetry-Slams. Der Applaus hat entschieden, entscheidet Friedrich Herrmann.