Rettungsdienstgesetz: Rotes Kreuz bangt um Ehrenamtliche Ärger um den Notfallsanitäter

Von Katharina Wojczenko

Der Notfallsanitäter soll manches dürfen, was bislang nur ein Notarzt durfte. Zum Beispiel starke Schmerzmittel und Mittel gegen Drogenüberdosen verabreichen. Beim rechtlichen Rahmen für den neuen Beruf schlägt das BRK Alarm. "Wenn das so kommt, kollabiert unser Führungsdienst", warnt Markus Ruckdeschel, Leiter der Integrierten Leitstelle Bayreuth/Kulmbach. Das sind die Knackpunkte:

Neue Aufgaben für die Retter: Die neuen Notfallsanitäter sollen manches tun dürfen, was bislang nur der Notarzt darf. Symbolfoto: BRK Foto: red

Hintergrund: Mit dem bundesweiten Gesetz wurde 2014 der Ausbildungsberuf des Notfallsanitäters geschaffen. Er ersetzt den Rettungsassistenten, bislang der höchstqualifizierte Nicht-Arzt im Rettungwagen. Der Notfallsanitäter lernt zwei statt drei Jahren und hat umfangreichere Kompetenzen. Wie diese in der Praxis ausschauen sollen, regelt jedes Bundesland einzeln. Das Bayerische Rettungsdienstgesetz soll 2016 geändert werden.

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Ziel des neuen Berufs: Der Notfallsanitäter soll den Notarzt in manchen Fällen überflüssig machen. Zum Beispiel, wenn sich beim Fußball jemand ein Bein bricht, sagt Frank Hansen, Leiter der Bayreuther Berufsfachschule des BRK für Notfallsanitäter. Dann muss er ins Krankenhaus. Aber ein starkes Schmerzmittel könnte ihm schon der Notfallsanitäter geben. Das darf bislang nur der Notarzt. "Das wird die rettungsdienstliche Landschaft verändern", ist Frank Hansen überzeugt. Hansens Erfahrungen mit den ersten beiden Jahrgängen, die noch in der Ausbildung stecken, sind gut. Sie drücken nicht nur die Schulbank, sondern packen im Krankenhaus mit an. Noch unter Aufsicht eines Arztes. "Wir haben deutlich mehr Bewerber als Ausbildungsplätze."

Problem Nachschulung: Das BRK muss nun seine Leute nachschulen. Viel Zeit bleibt nicht. Nur bis Dezember 2020 dürfen die Rettungsassistenten Ergänzungsprüfungen machen. Das Rote Kreuz hat in Bayern rund 3000 Rettungsassistenten im Einsatz. Wenn sie alle qualifiziert werden, würde das etwa zehn Millionen Euro kosten, schätzt Hansen. Wer die Kosten übernimmt, steht noch nicht fest. Laut BRK und anderen Anbietern sollen das die Krankenkassen tun.

Problem Ehrenamtliche: Fürs BRK sind nicht nur Hauptamtliche, sondern vor allem Ehrenamtliche im Einsatz. "Die Ehrenamtlichen sind unser sehendes Auge vor Ort", sagt Markus Ruckdeschel, Leiter der Integrierten Leitstelle Bayreuth/Kulmbach. Ehrenamtliche zu Notfallsanitätern umzuschulen, sei unmöglich, der Zeitaufwand für Berufstätige zu hoch. Ruckdeschel: "In verantwortlicher Rolle im Rettungswagen wird man Ehrenamtliche nicht mehr sehen." Bleibt der Posten als dritter Mann im Wagen oder als Sanitäter bei Großveranstaltungen. Ruckdeschel befürchtet, dass das Ehrenamt dadurch unattraktiver wird.

Problem Kommando: Geplant ist, dass nur noch Notfallsanitäter Einsätze leiten dürfen. "Dann geht uns ein Riesenerfahrungsschatz verloren", sagt Ruckdeschel. Noch schlimmer: "In Bayreuth sind von unseren zehn Einsatzleitern nur zwei hauptamlich. Dann kollabiert unser Führungsdienst." Die Ehrenamtlichen seien teils über 20 Jahre im Dienst. Dass sie einen Einsatz managen können, hätten sie beim F16-Absturz oder zuletzt beim Brand im Seniorenheim bewiesen. Sie haben mit dem Patienten nicht zu tun, sondern organisieren.

Folgt Nachwuchsmangel bei Notärzten?

Das sagen die Notärzte: Die Arbeitsgemeinschaft der in Bayern tätigen Notärzte hat im Herbst in einem Brief an die Abgeordneten den Entwurf des Rettungsdienstgesetzes kritisiert. Auch, weil der Notfallsanitäter künftig in bestimmten Situationen eigenständig entscheiden und handeln darf - ohne Notarzt. Dr. Christian Birnmeyer, Obmann für den Notarztdienst in Bayreuth, teilt die Sorgen der AG nur bedingt. "Hauptsache, die Patienten bekommen frühestmöglich Hilfe. Wichtig ist, dass man seine Medikamente kennt. Dafür braucht man nicht immer ein Medizinstudium." Seiner Erfahrung hätte in 80 Prozent der Einsätze, zu denen derzeit ein Notarzt mitalarmiert wird, ein gut ausgebildeter Notfallsanitäter gereicht, weil es keine Schwerstverletzten und Erkrankte gibt. "Anders als in Bayreuth gibt es in vielen Gebieten keinen flächendeckenden Notarztdienst mehr. Der Notfallsanitäter ist die Reaktion der Politik darauf."

Das Problem ist: "Die Leitstelle muss dann künftig genau die Fälle herausfiltern, wo ein Arzt unbedingt erforderlich ist." Der BRK wittert hinterm Widerstand der Notärzte finanzielle Gründe, weil sie nicht nur für den Bereitschaftsdienst, sondern auch pro Einsatz Geld bekommen. Der Notarztdienst sei in den vergangenen Jahren immer unlukrativer geworden, stimmt Birnmeyer zu. Sein Hauptproblem mit dem Gesetzentwurf hängt indirekt damit zusammen: "Wir Notärzte werden immer schwerer Nachwuchs finden  - und der wird weniger Routine bekommen." Speziell für die Luftrettung, für die Notärzte erst am Boden Erfahrungen sammeln müssen.