Regionalliga-Topspiel Gipfeltreffen auf Giesings Höhen

Der Druck vor dem Gipfeltreffen lastet zwar vornehmlich auf dem zweitplatzierten FC Bayern II, so entspannt wie auf dem Bild nehmen die Altstädter um Trainer Timo Rost (links) und Geschäftsführer Wolfgang Gruber die Fahrt in die Landeshauptstadt aber auch nicht in Angriff. Foto: Peter Kolb

Es ist das Spiel der Spiele in der Regionalliga Bayern. Am Dienstag um 19 Uhr versucht die SpVgg Bayreuth ihre Tabellenführung beim Hauptverfolger FC Bayern München II zu behaupten. Ihr reicht ein Remis, sie will aber mehr.

Fußball - Das Stadion an der Grünwalder Straße in München hat seit seiner offiziellen Einweihung am 21. Mai 1911 schon einiges mitmachen müssen. Aber weder Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg noch Eigentümerwechsel und Namensänderungen oder gar finanzielle Schieflagen der Hausherren vom TSV 1860 München haben der Arena auf Giesings Höhen nachhaltigen Schaden zufügen können.

Im Gegenteil: Ellenlang ist die Liste hochkarätiger Gäste und spektakulärer Spiele. Der FC Santos mit Weltstar Pelé fühlte sich 1960 vor weit über 50.000 Zuschauern im restlos ausverkauften Grünwalder anscheinend so wohl, dass er sich gegen die blau-weißen Gastgeber in einen wahren Rausch spielte – 9:1 wurden die Löwen damals abgefertigt. Das aber ist nur ein Kapitel in der 110-jährigen Vita des Stadions, das in Fankreisen seit ewigen Zeiten Kultstatus genießt.

Und so ist die Adresse Grünwalder Stadion 2-4 in 81547 München ein durchaus standesgemäßer Veranstaltungsort für das Spiel der Spiele in der Regionalliga Bayern. Das steigt am Dienstagabend um 19 Uhr. Die Protagonisten heißen: FC Bayern München II, seit dem vergangenen Wochenende nur noch Tabellenzweiter, und SpVgg Bayreuth, neuer Spitzenreiter der höchsten bayerischen Amateurklasse.

Die Vorgeschichte: Negativtendenz sofort durchbrochen

Dass die Altstädter mit einem Zwei-Punkte-Vorsprung in die Landeshauptstadt reisen, war vor einer Woche noch gar nicht abzusehen gewesen. Da hatten die Gelb-Schwarzen gerade ihre 0:3-Niederlage gegen Schweinfurt verarbeitet – das aber überaus erfolgreich. „Wir haben uns am Montag nach dem Schweinfurt-Spiel zusammengesetzt und uns gesagt, dass es ungemein wichtig ist, diese Negativtendenz sofort wieder zu durchbrechen“, erinnert sich der Altstädter Kapitän Benedikt Kirsch. „Wie wir gesehen haben, lässt jede Mannschaft Punkte liegen. Das ist also grundsätzlich kein Beinbruch, solange aus einer Punkteinbuße keine Serie wird.“

Dem Team von Trainer Timo Rost ist das Vorhaben augenscheinlich hervorragend gelungen – mit einem 1:0-Sieg in Aschaffenburg. Da die kleinen Bayern gleichzeitig eine Punkteinbuße hinnehmen mussten (2:2 in Burghausen), reisen die nach dem Schweinfurt-Spiel noch so frustrierten Bayreuther nun mit voller Euphorie, breiter Brust und zwei Punkten Vorsprung in die Landeshauptstadt. Es genügt ihnen also schon ein Remis, um den Platz an der Sonne zu halten.

Die Erwartungshaltung: „Sie dürfen nicht ins Rollen kommen.“

Ein Unentschieden ist aber nur ihr Minimalziel. „Wir gehen da rein, um drei Punkte zu holen. Dass wir uns von vornherein mit einem Remis zufriedengeben, das entspricht nicht unserer DNA“, macht Benedikt Kirsch deutlich, dass seine Mannschaft fest gewillt ist, ihre imposante Auswärtsserie mit zehn Siegen in zehn Spielen auch bei den heimstarken Bayern (sechs Siege, ein Remis) weiter auszubauen. Außerdem, so sagt der 25-jährige Mittelfeldspieler, sei es an der Zeit, „mal ein Zeichen zu setzen“. Es soll das nachgeholt werden, was gegen Schweinfurt so ganz und gar nicht geklappt hat.

Dabei erwartet Kirsch in München ein ganz anderes Spiel als gegen die körperlich präsenten Schnüdel. Zwei komplett unterschiedliche Systeme träfen aufeinander: „Die Bayern sind das sicherlich beste Ballbesitzteam der Liga und wir eine extrem starke Umschaltmannschaft.“ Wie dieser bestens ausgebildeten Talentschmiede des deutschen Rekordmeisters beizukommen ist, weiß der SpVgg-Kapitän aber auch schon. „Mit Körperlichkeit und Aggressivität. Wir dürfen sie nicht ins Rollen kommen lassen. Dann haben wir Probleme.“

Die Rollenverteilung: “Sowas von krasser Außenseiter“

Für Wolfgang Gruber ist das Gipfeltreffen ein Duell wie David gegen Goliath. „Wir sind so was von krasser Außenseiter. Wenn wir gewinnen, ist es unfassbar, wenn wir unentschieden spielen, ist es eine Sensation, und wenn wir verlieren, dann ist auch nicht so viel passiert, dann fahren wir mit einem Punkt Rückstand wieder nach Hause“, tritt der Altstädter Geschäftsführer derart auf die Euphoriebremse, dass man schon taktisches Understatement dahinter vermuten könnte. Das sei es nicht, versichert er und erklärt seine ungewöhnliche Zurückhaltung mit dem hohen Marktwert des Bayern-Kaders, der den eigenen um über elf Millionen Euro übersteigt.

Die Personalsituation: Fast alle Mann an Bord

Während die Gastgeber neben dem angeschlagenen Mittelfeld-Routinier Timo Kern (31) auch auf ihren Abwehrveteranen Nicolas Feldhahn (35) verzichten müssen, der sich in Burghausen für eine Notbremse die Rote Karte abholte, kann Timo Rost weitgehend aus dem Vollen schöpfen, zumal auch der zuletzt angeschlagene Manndecker Steffen Eder wieder eine Option ist. Lediglich der langzeitverletzte Chris Wolf wird ausfallen.

Bayern gegen Bayreuth: 14-Millionen-Kader gegen bessere Form

Die Form: Die bisher einzige Saisonniederlage der Bayern (1:2 beim SV Schalding-Heining) liegt zwar schon zwei Monate zurück, nach den furiosen Siegen gegen die SpVgg Unterhaching (5:1) und beim TSV 1860 Rosenheim (6:0) kamen sie in den vergangenen sechs Spielen aber dreimal nicht über ein 2:2 hinaus – gegen Viktoria Aschaffenburg, beim TSV Buchbach und zuletzt im Topspiel beim SV Wacker Burghausen. Dort hatten die Münchner durch Treffer von Lucas Copado und Gabriel Vidovic nach 23 Minuten bereits mit 2:0 geführt, mussten dann aber durch Robin Ungerath (37.) und Nicholas Helmbrecht (49.) noch den Ausgleich hinnehmen. Die Rote Karte gegen den 35-jährigen Routinier und Kapitän Nicolas Feldhahn (60.) wegen einer Notbremse hatte im Spiel keine weiteren Folgen. Die Bayreuther mussten sich zwar schon dreimal geschlagen geben – zuletzt vor anderthalb Wochen gegen den FC Schweinfurt 05 (0:3) –, haben dafür aber alle anderen 13 Partien gewonnen, auswärts sogar alle zehn. In Aschaffenburg fiel der Sieg mit 1:0 zwar knapp aus, in Rosenheim (5:1) und beim FC Augsburg II (6:2) dafür umso deutlicher. Vorteil Bayreuth

Die Kader: Mit einem Gesamtmarktwert von 13,73 Millionen Euro (Quelle: transfermarkt.de) liegt der 26-Mann-Kader der Bayern nicht nur weit vor dem der SpVgg Bayreuth (2,13 Millionen/6.), sondern auch weit vor dem Rest der Liga. Auf Platz zwei der Liste folgt mit gerade einmal 3,60 Millionen der andere Drittliga-Absteiger, die SpVgg Unterhaching. Wertvollster Spieler der Regionalliga Bayern ist Bayern-Mittelfeldakteur Torben Rhein mit einem Marktwert von zwei Millionen Euro, seine Pendants auf Altstädter Seite heißen Ivan Knezevic und Benedikt Kirsch (jeweils 150 000 Euro). Klangvolle Namen im Bayern-Kader tragen Rechtsverteidiger Nick Salihamidzic (18), der Sohn von Ex-Profi und Sportvorstand Hasan Salihamidzic, sowie dessen Neffe und Sohn von Ex-Profi Francisco Copado, Stürmer Lucas Copado (17). Außerdem finden sich dort zahlreiche U-Nationalspieler. Vorteil München

Die Trainer: An der Seitenlinie stehen bei beiden Teams Ex-Profis. Der 43-jährige Timo Rost ist bereits seit drei Jahren Trainer der SpVgg Bayreuth und führte die Altstädter nach Platz zehn in seiner ersten Saison in der abgebrochenen Spielzeit 2019/21 auf Rang drei und jetzt an die Tabellenspitze. Auch die Gesamtbilanz seiner Trainerkarriere, die den ehemaligen Bundesliga-Profi (145 Einsätze für den VfB Stuttgart und Energie Cottbus) und U-Nationalspieler vom FC Amberg über die SpVgg Greuther Fürth II nach Bayreuth führte, kann sich sehen lassen: 110 Siege, 48 Unentschieden, 71 Niederlagen, was einem Punkteschnitt von 1,65 pro Spiel entspricht. Der 51-malige argentinische Nationalspieler und ehemalige Bayern-Profi Martin Demichelis stieg Anfang April vorzeitig vom U 19-Trainer zum Coach der zweiten Mannschaft auf, konnte den Abstieg aus der 3. Liga aber auch nicht verhindern. Mit einem Punkteschnitt von 2,24 (14 Siege, fünf Unentschieden, zwei Niederlagen) liegt der 40-Jährige zwar vor Rost, die Erfahrung spricht aber für den gebürtigen Laufer. Vorteil Bayreuth

Die Schlüsselspieler: Bei den Bayern besticht mit 57 Toren in 16 Spielen vor allem die Offensive. Nemanja Motika liegt mit 13 Treffern an dritter Stelle der Torjägerliste. Allein vier davon erzielte der 18-Jährige beim 6:3-Sieg in Schweinfurt. Der vergangene Saison an den niederländischen Erstligisten SC Heerenveen verliehene Oliver Batista Meier (10) folgt an sechster Position, Gabriel Vidovic (8) auf Platz elf. Die Bayreuther, die eher mit ihrer Ausgeglichenheit beeindrucken – Stefan Maderer und Markus Ziereis (jeweils 7) findet man auf Rang 13 –, werden in der Defensive also wohl einiges zu tun bekommen. Bisher standen die Vorderleute von Torhüter Sebastian Kolbe aber ziemlich sicher, wofür erst 19 Gegentreffer sprechen. Unentschieden

Die Fans: Könnten eine Rolle spielen, wobei der FC Bayern München II auswärts (1289) sogar mehr Zuschauer anlockt als im eigenen Stadion (1033). Die SpVgg Bayreuth besitzt mit 527 Auswärtszuschauern weit weniger Anziehungskraft, dürfte aber von einigen reisefreudigen Anhängern lautstark unterstützt werden. Unentschieden

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