Regenfälle verschärfen die Situation Nach dem Schrecken heißt es Warten

Von Ralf Münch

Am Dienstag hatte es in Neuhaus mächtig gerumpelt: Hunderte Tonnen Gestein rutschten von der Burg talwärts. Einen Tag später hat sich der größte Schrecken bei den Anwohnern zwar gelegt, doch wie es weiter geht, weiß niemand. Guter Rat ist teuer.

 Foto: red

Siebzehn Personen wurden innerhalb von Sekunden evakuiert. Und vier davon sitzen in der Gaststätte Wolfsberg am Mittagstisch – bei Kaffee und Weißbier. Und wie lange sie hier noch bleiben müssen, kann momentan noch niemand sagen. An die Nacht an den Felssturz können sie sich aber alle noch sehr gut erinnern. So das Ehepaar Irene und Franz Horst. „Es war kurz nach ein Uhr am Morgen. Wir haben geschlafen. Und von einer Sekunde auf die andere standen wir in den Betten – nach einem mächtigen Grollen und einer irren Erschütterung", erinnert sich das Ehepaar. Anfangs dachten beide sogar an ein Erdbeben.

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Ein paar Minuten später hörten sie schon Sirenen und wurden mit dem, was sie am Körper hatten – Schlafbekleidung und Schlappen – von der Polizei und der Feuerwehr aus dem Haus geholt. Erst draußen erkannten die Eheleute, was passiert war, und was der Neuhauser Bürgermeister eine „Katastrophe für die Ortschaft" nennt, und was ein bayernweites Medieninteresse hervorgerufen hat: Gigantische Felsbrocken auf der Straße und an den Häusern. „Als wir dass sahen, war ich zuerst sprachlos. Erst später wurde mir bewusst, was wir für ein wahnsinniges Glück hatten", so Irene Horst.

Eine Leidensgenossin ist Maria Haubner. Sie teilt das gleiche Schicksal wie die Horsts, mit denen sie am Tisch sitzt und wartet. Nur mit einem Nachthemd bekleidet wurde sie mit der Urlauberin Elvira Ford aus Hannover aus der gefährdeten Wohnung geholt. „Man hatte uns zum Feuerwehrhaus gebracht und dort erst einmal verpflegt. Die waren dort alle sehr fürsorglich", sagt sie. Im Gerätehaus konnten sich die Evakuierten erst einmal beruhigen. „Ich komme jedes Jahr hier her, um mich zu erholen. Die Luft ist viel besser als in der Großstadt. Und es ist so herrlich ruhig", sagt Elvira Ford. Die Ruhe hatte für sie zwei Wochen angedauert, bis der Felssturz die Stille zerriss. Nicht einmal ihren Rollator, auf den die gehbehinderte Hannoveranerin nach einer Operation angewiesen ist, konnte am Dienstag mitgenommen werden.

„Vom Bürgermeister Josef Springer erfahren wir viel Hilfe. Er begleitet jeden Einzelnen von uns zu unseren Häusern. Heute bringt er mich zur Wohnung, damit ich noch etwas holen kann", erklärt Maria Haubner. Einige wenige Minuten hat sie Zeit eine Tasche zu packen. Warme Pullover, Hosen, Wäsche den Rollator für Elvira Ford und jede Menge Bücher nimmt sie mit: „Was soll man denn sonst schon den ganzen Tag über machen?"

Jetzt befürchtet sie, dass man sich Sorgen um sie machen könnte. „Vor allem deshalb, weil es in den Nachrichten hieß, es seien Leute verschüttet worden", schüttelt sie über diese Aussage den Kopf und weiß selber nicht, ob sie noch einmal in ihrem Bett, selbst wenn der Burgberg als gesichert gilt, ruhig schlafen kann. Denn wäre der Felsabgang 50 Meter weiter links gewesen, wäre von ihrem Haus vermutlich nicht mehr viel übrig geblieben.

Arbeiten am Hang sind aufgrund des anhaltenden Regens unmöglich. „Betreten strengstens untersagt" steht auf einem Zettel als Warnung und das THW wacht auch darüber. Jedoch nicht 24 Stunden am Tag. „Abends fährt die Polizei immer wieder Streife. Aber wenn es jemand darauf anlegt, dann wird er es auch schaffen, unbemerkt vorbei zu kommen. Wir müssen an die Vernunft der Leute appellieren. Die müssen sich einfach im Klaren sein, dass es momentan lebensgefährlich sein kann sich an den Berg zu stellen", so der Bürgermeister Josef Springer.

Am Mittwoch ist eine Spezialgruppe des Berchtesgadener THW angereist. Aus drei Mann besteht die und sie vermessen mit einem Laser den Hang. So soll herausgefunden werden, ob sich Gestein bewegt.