"Die Kirsche ist eine Zicke"

Von Martina Bay

Groß, rund und bissfest soll die Kirsche sein. Dann kauft sie der Verbraucher. Die Fränkische Schweiz gehört zu den großen Kirschenanbaugebieten Deutschlands. Dort werden auch kleine Kirschbäume gezüchtet.

Foto: Ulrike Sommerer/Archiv Foto: red

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Monika Friedrich lebt in einer Familie von Kirschenfanatikern. Sagt sie selbst. Ihr Mann und ihr Schwiegervater lieben Kirschen. Sie probieren immer wieder neue Sorten aus, die sie ernten und verkaufen. Die Begeisterung für das kleine, runde Früchtchen hat auch auf die 55-Jährige abgefärbt. „Das ist für mich die fünfte Jahreszeit“, sagt Friedrich.

Nur 20 Prozent der Ernte verkauft Friedrich privat. Der Rest geht an die Genossenschaft

Seit Anfang Juni steht Friedrich jeden Tag auf dem Parkplatz vor Hiltpoltstein in der Fränkischen Schweiz und verkauft dort ihre Süßkirschen. 30 Jahre macht sie das mittlerweile. „Ich komme bei Wind und Wetter“, sagt sie. Ein großer Schirm, den sie neben ihrem Auto aufgestellt hat, schützt sie vor Sonne und Regen. Die Kirschbäume ihrer Familie liegen in Igensdorf im Landkreis Forchheim. „80 Prozent unserer Ernte geht an die Genossenschaft in Igensdorf. 20 Prozent sind Privatverkauf“, sagt Friedrich. Man könne keine großen Mengen mehr im Privatverkauf absetzten.

Das große Problem dieses Jahr: die Trockenheit

Wie viel sie verdient, will sie nicht sagen. Aber ein Kilogramm Kirschen kostet bei ihr im Straßenverkauf vier Euro. Im Vergleich zum Vorjahr werde es in diesem Jahr eine durchschnittliche Ernte. „Das große Problem war die Trockenheit. Über ein Gewitter würde ich mich sehr freuen“, sagt Friedrich.

Die Fränkische Schweiz zählt zu den großen Kirschanbaugebieten in Deutschland. „75 Prozent von insgesamt 700 Hektar Anbaufläche in Bayern liegen in Oberfranken“, sagt Hans Schilling, Kreisfachberater für Obstbau im Landkreis Forchheim. 28 Millimeter beträgt mittlerweile der Durchmesser einer Kirsche. „Das sind richtig schöne Brummer“, sagt Schilling. Früher seien die Bauern mit 18 Millimetern zufrieden gewesen.

Der Verbraucher wolle aber nicht nur Kirschen, die gut schmecken. Sie sollen auch schön aussehen. „Die Nachfrage nach großen Kirschen nimmt ständig zu. Aber der Verbraucher legt auch Wert auf Kirschen aus der Region“, sagt Schilling.

Wegen tödlichen Unfällen wurden die Bäume kleiner gezüchtet

In den Siebzigerjahren waren die Bäume noch zwischen 15 und 20 Meter hoch. Für die Kirschenpflücker war das nicht ungefährlich. „Früher gab es mindestens einmal im Jahr einen tödlichen Unfall. Und wenn der Pflücker nicht tot war, dann war er querschnittsgelähmt“, sagt Schilling. Also hat man die Bäume kleiner gezüchtet.

Bei Christof Vogel gibt es Bäume, die nur 1,80 Meter hoch sind. Der 48-Jährige ist Betriebsleiter der Kirschenversuchsanlage in Hiltpoltstein. „Wir wollen die Kirschbäume ernte- und pflegeleicht hinbekommen“, sagt er. Die Größe des Baumes hängt von der Baumwurzel ab, die in der Baumschule gezüchtet wird. 3000 Kirschbäume befinden sich auf der acht Hektar großen Fläche.

Nach 15 ist bei den kleinen Bäumen die Lebensdauer zu Ende

„Bei den alten Bäumen war der Stamm zwei bis drei Meter hoch. Dann kamen erst die Äste. Heute ist der Stamm dagegen nur 50 Zentimeter hoch“, sagt Vogel. Bei den kleineren Bäumen müsse man nicht mehr auf eine Leiter klettern, man könne die Kirschen gleich im Stehen pflücken. Die kleinen Kirschenbäume, die fast wie Sträucher aussehen, haben dafür eine kürzere Lebensdauer. „Nach maximal 15 Jahren ist Schluss“, sagt Vogel. Zum Vergleich: Ein alter Kirschbaum kann bis zu 100 Jahre alt werden.

Vogel ist gelernter Garten- und Landschaftspfleger. Die Liebe zur Kirsche hat Vogel von seinem Vater geerbt, der als Kreisfachberater für Obstbau arbeitete. „Freiwillig bin ich damals nicht auf den Kirschbaum geklettert, um die Kirschen zu ernten. Besonders dann nicht, wenn die anderen Kinder im Freibad waren“, sagt er. Die Kirschbäume sind nicht so pflegeleicht wie der Apfel. Vogel sagt: „Die Kirsche ist zickig.“ Sie braucht einen Kalkboden mit einem hohen pH-Wert. Und der Boden muss durchlässig sein, damit genug Feuchtigkeit an die Wurzel kommt.

Regen mag die Kirsche, aber nur vor der Ernte

„Der Regen vor der Ernte ist wichtig. Aber die Trockenheit hat in den Jahren immer mehr zugenommen“, sagt er. Ist die Kirsche ausgereift, sollte es nicht mehr regnen. „Der Regen ist der größte Feind der Kirsche. Dann platzt sie“, sagt Vogel. Deswegen ist ein Teil der Kirschbäume mit einem Dach überzogen. Und Vogel ist jedes Mal zufrieden, wenn die Kirschen keinen Regenguss abbekommen. „Das ist wie ein seelischer Orgasmus. Denn man weiß, die Kirschen stehen unter dem Dach und bleiben trocken.“