Psychiatrie-Beratung Hilfe, wenn die Hilfe nicht passt

Matthias Bäumler
Nicht immer sind Patienten mit der Behandlung in der Psychiatrie zufrieden. Foto: /Tim Vogel/dpa

Wer psychisch krank ist oder in einer Krise steckt, sollte sich auf eine gute Behandlung verlassen können. Manchmal sieht die Realität anders aus – und hier kommt die Beratung für Psychiatrie-Erfahrene in Marktredwitz ins Spiel.

Jeder vierte Erwachsene in Deutschland gerät im Laufe des Lebens in eine ernsthafte psychische Krise. Eine Zahl, die die deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde mitteilt. Angststörungen, Depressionen und Störungen durch Alkohol- oder Medikamentengebrauch sind die häufigsten Leiden. Fakten, die Jeanette Goller nur zu bekannt sind. Die 60-Jährige Hoferin ist Beraterin bei der neuen „unabhängigen psychiatrischen Beschwerdestelle (upB) Hochfranken“ des Landesverbandes der Psychiatrie-Erfahrenen in Bayern (BayPE). Seit Februar berät die ehrenamtlich tätige Frau auch Betroffene und deren Angehörige aus dem Landkreis Wunsiedel.

Frau Goller, vielen kommt bei dem Begriff Psychiatrie-Erfahrene der Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ mit Jack Nicholson in den Sinn.

Na ja, ganz so schlimm würde ich das jetzt nicht sehen. Vielleicht klingt ,Psychiatrie-Erfahrene’ etwas zu drastisch. Aber es ist natürlich schon so, dass es bei der Behandlung psychisch kranker oder beeinträchtigter Menschen zu Problemen kommt. Und bei diesen Schwierigkeiten bieten wir den Betroffenen auf Wunsch Beratung und Unterstützung an.

Klingt ziemlich abstrakt. Mit welchen Arten von Problemen kommen die Menschen zu Ihnen?

Mit ganz unterschiedlichen. Da fühlt sich zum Beispiel jemand in einem ambulanten Treff für psychisch Kranke gemobbt. Eine Frau ist entsetzt, wie manche Pflegekräfte sie in in einer psychiatrischen Klinik behandelt haben, andere sind verzweifelt, weil sie lange warten müssen, bis sie überhaupt bei einem Psychiater oder Psychotherapeuten einen Termin bekommen. Auch hatte ich den Fall, dass eine Patientin sich ärgerte, da der Psychiater ihr die Diagnose nicht mitteilte. Viele haben das Gefühl, sie kommen alleine nicht weiter.

Und hier kommen Sie ins Spiel. Wie können Sie helfen?

Wir sind zunächst einfach mal für die Ratsuchenden da und hören uns die Sorgen und Probleme an. Allein dies hilft vielen schon mal, da es in ihrer Umgebung nicht immer Menschen gibt, die für diese Anliegen Verständnis haben. Wir überlegen anschließend gemeinsam, was der richtige Weg ist, die Situation zu klären. Manchmal kommen wir zu dem Ergebnis, dass ich die Klientin oder den Klienten zu einem Gespräch mit der Klinikleitung oder dem Arzt begleite. Wir legen vorab fest, wie wir vorgehen und was wir vorbringen werden.

Was erreichen Sie damit?

In aller Regel kann ich helfen und die Empfindungen der Betroffenen den Ärzten, Pflegern oder anderen Betreuern vermitteln. Häufig rege ich aber schon im Beratungsgespräch an, die Perspektive zu wechseln und sich in den Arzt oder den Pfleger zu versetzen. Letztlich ist es mein Ziel, dem Ratsuchenden zur Seite zu stehen, damit er mit seinen Problemen nicht allein ist. Ja, manchmal hilft auch der Perspektivwechsel zu erkennen, dass das Verhalten anderer nicht gegen einen persönlich gerichtet ist.

Sind Sie psychologisch vorgebildet?

Nein, ich habe weder Psychologie studiert noch eine Ausbildung in dem Bereich absolviert. Allerdings bin ich Angehörige eines Psychiatrie-Erfahrenen. Dadurch habe ich mich intensiv mit dem Thema befasst. Letztlich wollen wir ja keine Psychotherapie oder ähnliches anbieten, sondern gewissermaßen von gleich zu gleich beraten. Dies senkt die Schwellenängste. Die Beratung für Psychiatrie-Erfahrene ist keine klassische Selbsthilfegruppe, weil es bei uns regelmäßigen Gruppentreffen nicht gibt. Wir verstehen unser Angebot als eine ergänzende Hilfe für all die Menschen, die Probleme mit der Behandlung oder der gesetzlichen Betreuung haben. Es geht auch darum, die Position der Betroffenen zu stärken und, wenn nötig, ihnen bei der Wahrnehmung und Durchsetzung ihrer Rechte zu helfen.

Apropos Schwellenängste. Wie wird das Beratungsangebot angenommen?

Wir sind noch nicht allzu lange in Marktredwitz und daher nicht so richtig bekannt. Wir erfahren hier in Marktredwitz aber durchaus Zuspruch. Zugute kommt uns sicherlich, dass die Beratungsstunden nicht in einer Behörde, sondern im MAKmit in Dörflas stattfinden. Die Räume hier sind für unsere Bedürfnisse ideal.

Wie sehen Sie den Stellenwert von psychischen Krankheiten in der Gesellschaft.

Ein Bandscheibenvorfall ist normal und wird allgemein akzeptiert, bei psychischen Beschwerden ist dies nicht immer der Fall. Viele Betroffene gehen natürlich nicht gerne offen damit um, daher spielt sich einiges im Verborgenen ab. Es gibt tatsächlich viele Erkrankte, mehr, als man gemeinhin meint.

Halten Sie die Versorgungslage hier auf dem Land für ausreichend?

Nein, es gibt schlicht immer noch zu wenige Psychotherapeuten und Psychiater. Die Wartezeiten auf einen Termin sind viel zu lange. Wenn ich erkranke, benötige ich eigentlich schnell eine Diagnose, damit die Behandlung beginnen kann. Der Mangel an Psychotherapeuten und Psychiatern ist nicht nur dem ländlichen Raum geschuldet, es ist ein deutschlandweites Phänomen. In manchen Großstädten ist die Situation schlimmer.

Wie ist das Altersspektrum der Hilfesuchenden?

Da gibt es keinen Schwerpunkt, es kommen ziemlich junge Leute ebenso wie über 80-jährige. Wir haben die Frau, die an einer Wochenbettdepression leidet ebenso wie Menschen mit Psychosen und Depressionen. Letztlich fühlen sich die Betroffenen nicht entsprechend betreut oder behandelt. Noch wird unser Angebot nicht übermäßig in Anspruch genommen. Der Bedarf ist sicherlich da, aber wir müssen eben noch etwas bekannter werden.

Wer steckt eigentlich hinter dem Landesverband Psychiatrie-Erfahrener?

Der Landesverband mit Sitz in Augsburg ist unabhängig. Es handelt sich um eine bayernweite Selbsthilfeorganisation von und für Menschen, die Erfahrungen mit Psychiatrie, beziehungsweise seelischen Krisen gemacht haben. Darunter verstehen wir Klinikaufenthalte, Psychopharmaka-Behandlungen, Sitzungen bei Therapeuten oder sonstige Hilfsangebote. Wir Berater haben seelische Krisen und die Psychiatrie live erlebt und wissen so aus erster Hand, dass es noch vieles zu verbessern gibt. Unser Verband tritt unter anderem für die Entstigmatisierung psychisch Erkrankter in der Gesellschaft ein.

 

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