Problemimmobilien Leerstand soll Wohlstand werden

Leerstand in Bad Berneck. Foto: Karl Heinz Lammel/Archiv

BAYREUTH/HOF/WUNSIEDEL, Leerstehende Läden, unbewohnte, oft heruntergekommene Häuser mitten im Ort – das ist ein Problem, das es vielerorts in Ostoberfranken gibt. Und das bei den Regionalmanagements in Rathäusern und Landratsämtern längst auf der Aufgabenliste steht. Neu ist: Nun gehen drei Landkreise und zwei kreisfreie Städte gemeinsam das Problem an. Gefördert vom Heimatministerium mit rund einer halben Million Euro in den nächsten drei Jahren. Und ein Vorbild, wie es geht, gibt es auch schon.

So geht es in der Rhön: Georg Seiffert ist ein jovialer, sympathischer Mann. Er kann begeisternd von dem erzählen, was ihn bewegt. Und er ist Bürgermeister von Bischofsheim an der Rhön, gelegen im Dreiländereck von Bayern, Hessen und Thüringen. Dort kämpft er mit ähnlichen Problemen wie Ostoberfranken.

Mit drei anderen Kommunen in der „Kreuzbergallianz“ geht er seit einigen Jahren das Thema Leerstand aktiv an. Er zieht gegen die Neubaugebiete auf der grünen Wiese zu Felde: „Jedes neue Haus dort fördert einen Leerstand im Ort.“ Deswegen ist Leerstandsmanagement vor allem permanente Überzeugungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Sowohl bei Kauf- und Bauwilligen als auch bei skeptischen und desinteressierten Eigentümern von Problemimmobilien.

Und es ist Chefsache, schrieb er den zahlreichen Bürgermeistern bei der Auftaktveranstaltung im Bischofsgrüner Kurhaus ins Stammbuch. Datenbanken, Zuschüsse, Beratungsangebote und „Innenentwicklungslotsen“ als Netzwerker und Ansprechpartner gehören zu den Instrumenten.

In der Praxis werden zum Beispiel marode Scheunen in der Ortsmitte gekauft und abgerissen, um Parkplätze zu schaffen für Quartiere, wo die alten Häuser keinen Umgriff für Garage oder Stellplatz haben.

Die Erfolge bleiben nicht aus: Seit 2014 ist die Zahl der leeren oder in naher
Zukunft leerstehenden Immobilien in den vier Gemeinden der Allianz um ein Drittel gesunken, so Seifferts Bilanz.

So soll es bei uns laufen: Regionalmanager Alexander Popp aus dem Landratsamt Bayreuth bekennt offen, dass die Strategie der Kreuzbergallianz die Blaupause ist für das, was die beiden Städte Bayreuth und Hof sowie die Landkreise Bayreuth, Wunsiedel und Hof machen wollen.

Die griffige Formel ist hingegen eine Eigenschöpfung: „Gemeinsam Leerstände beleben – Raumwohlstand nutzen.“ Statt des Problems soll das Potenzial betont werden, denn Leerstand bedeutet auch Reichtum an dem, woran in den Ballungsgebieten bitterer Mangel ist – die Wunsiedler Kampagne „Freiraum für Macher“ lässt grüßen.

Das ist konkret geplant: Sogenannte Raumwohlstandslotsen sollen in einzelnen Orten und Ortsteilen erste Anlaufstelle sein. Sie sollen gut integriert sein, Informationen über bestehende oder drohende Leerstände liefern. Für Sanierungsinteressierte soll es möglichst kostenlose Beratungsangebote von Fachleuten aus Architekturbüros geben.

Bereits bestehende einzelne Datenbanken sollen in ein regionübergreifendes Immobilienportal überführt werden, das von Anbietern kostenlos genutzt werden kann. 

Ein digitaler Förderratgeber soll umfassend über Fördermöglichkeiten informieren; Druckwerke sind hier nur die zweite Wahl, da sie wegen ständig neuer Zuschussprogramme schnell überholt sind. Lothar Winkler vom Amt für Ländliche Entwicklung hatte ein Beispiel dabei: seit kurzem – und bisher wenig genutzt – gibt es im Zuge der Dorferneuerung bis zu 30 Prozent Zuschuss für Private im Sektor „Kleinstunternehmen der Grundversorgung“, um einen Leerstand mit Leben zu füllen.

Zu den konkreten Vorhaben in der Region Bayreuth gehört eine eigene Marketingstrategie, Zwischennutzungen und die mögliche Einrichtung von Jugendräumen in leerstehenden Dorfwirtshäusern. 

Die Hürden: Viele Kommunen, wo Leerstandsprobleme am drängendsten sind, sind auch hoch verschuldet, sie bekommen Finanzhilfen vom Staat. Und deswegen oft von der Aufsicht die Bremse reingehauen, wenn sie Geld für sogenannte freiwillige Leistungen ausgeben wollen.

„Leerstandsmanagement zählt nicht zu den Pflichtaufgaben“, bedauert Bischofsgrüns Bürgermeister Stephan Unglaub, „wir haben tolle Ideen, aber stoßen an Grenzen.“ Ein anderes Problem: 90 Prozent Zuschuss sind toll. Aber immer noch zu wenig, wenn eine hoch verschuldete Kommune sich die restlichen zehn Prozent nicht leisten kann oder darf, gerade bei großen Millionenprojekten.

Darauf angesprochen, sagte Lothar Winkler vom Amt für Ländliche Entwicklung: „Versuchen Sie, es zu ändern! Wir Behörden schaffen das nicht, das ist eine Sache der Politik.“


Bestandsaufnahmen

Wie dringlich Gegenstrategien sind, zeigen die Zahlen aus Bad Berneck, Pegnitz und Hollfeld.

Bad Berneck: Wie weitreichend die Aufgabe ist, zeigen die Zahlen. In Bad Berneck beispielsweise hat das Berliner Planungsbüro Coopolis 81 Objekte in einer Datenbank zusammengefasst. Wie Stefanie Raab von Coopolis sagt, gebe es mit 18 Eigentümern Gespräche über die Zukunft der Immobilien. Wie mühsam die Arbeit des Leerstandsmanagements ist, zeigt folgende Zahl: Für zwölf Leerstände fanden sich in den vergangenen drei Jahren neue Nutzer. 

Hollfeld: In der Innenstadt gibt es 15 nicht mehr genutzte Geschäftsräume und 13 verlassene Häuser. Besonders augenfällig sind die Leerstände in der Langgasse. In den Hollfelder Außenorten stehen 24 Häuser leer. 

Pegnitz: Bei der Stadtverwaltung kümmert sich Hans-Ulrich Warber seit fast zwei Jahren um die Leerstände. Nach einer Bestandsaufnahme 2017 hat er sich mit 103 Eigentümern von leerstehenden Gebäuden in Verbindung gesetzt. Bei der Zählung der Leerstände ergab sich die erschreckende Summe von 645 Objekten. Darunter auch Scheunen und Schuppen.

 

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