Premierenkritik "Lohengrin" Blaues Wunder fällt leider aus

Die diesjährige Neuproduktion der Bayreuther Festspiele findet an einem außergewöhnlichen Schauplatz statt: in einem Gemälde von Neo Rauch und Rosa Loy. Wie geht das? Und: Kann das gutgehen? Das Ergebnis ist berauschend und ernüchternd zugleich.

Es ist sehr leicht, den neuen Bayreuther „Lohengrin“ zu mögen. Aus ganz verschiedenen Gründen: weil die Hauptpartien mit Piotr Beczala, Anja Harteros, Georg Zeppenfeld und vor allem Waltraud Meier nicht nur für Bayreuther Verhältnisse außerordentlich gut besetzt sind. Weil Christian Thielemann das Festspielorchester insbesondere in den Instrumentalpassagen regelrecht glänzen lässt. Und weil man als Zuschauer mit dem, was auf der Bühne stattfindet, ausgesprochen wenig Arbeit hat.

Wie immer bei Rauch prallen Natur, Mensch und Fortschritt in düsterer Stimmung aufeinander
 

Denn das Bühnenbild ist, vom ersten Moment an bis zum letzten, überwältigend. Man muss dazu nur die Augen aufmachen, mehr nicht, und schon packt es einen: Auf der Bühne steht, nein, die Bühne ist ein überdimensionales Gemälde, gefertigt von Neo Rauch und Rosa Loy, 40 Meter breit, 24 Meter hoch, diesmal aber nicht auf Leinwand gemalt, sondern dreidimensional aus Kulissen gebaut und bevölkert mit lebendigen Figuren, die aussehen wie gemalt. Wie immer bei Rauch prallen Natur, Mensch und Fortschritt in düsterer Stimmung aufeinander; in diesem Fall:in diesem Fall: in einer Siedlung im Schilf, also auf sumpfigem Boden. Im Hintergrund zieht ein Gewitter auf, vorn steht ein kaputtes Trafo-Häuschen. Die Farbe von allem: Blau, inspiriert von der Musik. (Und ja, das heißt tatsächlich genau das: Der neue Bayreuther „Lohengrin“ spielt vor einem kaputten Trafo-Häuschen, brutaler kann man die überirdische Musik nicht gegenschneiden). Die Wirkung dieses monumentalen Kunstwerks – eigentlich sind es sogar drei Varianten – ist, man muss es noch einmal sagen, überwältigend. Aber leider auch nur das.

Der Abend besteht aus nichts als Oberfläche

Denn tatsächlich bleibt dieser „Lohengrin“, inszeniert von Yuval Sharon, nicht nur ganz dicht an der Oberfläche; der Abend besteht aus nichts als Oberfläche – spektakulär bemalter, das schon, aber eben nichts weiter. Innerhalb dieser Oberfläche schnurrt, ganz konventionell und ohne weitere Vorkommnisse, die Lohengrin-Handlung herunter: Anklage, Ritter in glänzender Rüstung, Kampf, Komplott, Zweifel, bis zum bitteren Ende. Erkennbar deshalb, um den optisch schönen Bildern nicht im Weg zu sein. Wenn man zu den Leuten gehört, die konventionelle und zuweilen nahezu statische Personenregie schätzen, ist auch das einer der Gründe, weshalb man den neuen „Lohengrin“ durchaus mögen kann. Mit wenigen Ausnahmen: Elsa wird als Angeklagte gleich auf den Scheiterhaufen gestellt, das ist neu. Und Lohengrin steigt nicht aus dem Schwanenkahn, sondern materialisiert sich aus Blitzen im Trafo-Häuschen.

Leicht zugängliche Bilder? Man täuscht sich da leicht.
 

Dass die Bühne trotzdem die Sogwirkung entwickelt, die sie entwickelt, liegt zum einen an der genialen Beleuchtung von Reinhard Traub. Zum anderen aber auch an der Mechanik, auf der das Geheimnis aller Werke Neo Rauchs beruht: Auf den ersten Blick wirken die Bilder klar und zugänglich, ganz so, als zeigten sie eine Art von Wirklichkeit. Es braucht aber nur ein paar Sekunden, bis sich zeigt: Man täuscht sich da leicht. Die Wirklichkeit wird nur zitiert, in sehr kleinen Ausschnitten: Figuren, Fabriken, Landschaften, die Vertrautheit herstellen und Emotionen triggern.

Die Bilder sind eher gemalte Träume, Ströme aus dem Unterbewusstsein, realistisch und abstrakt zugleich, mit bewusst eingebauten Verrätselungen, Täuschungen und Untiefen, gehaltvoll und spannend, aber viel fordernder, als es zunächst den Anschein hat. Und eben: Nicht eindeutig ausdeutbar. Nicht nur nicht so leicht erklärbar, sondern gar nicht. Unter der Oberfläche erahnt man bedeutungsvolle Tiefe, aber die bleibt unausgeleuchtet und letztlich nur behauptet. Und da, wo Platz wäre für die Erklärung, ist nur eine große Wolke an Assoziationen, Erinnerungen und Gedankenfetzen, von denen keine falsch ist und jede möglich – das ist das Tolle an Kunst und das Verflixte.

Das Trafohäuschen ist ein idealer Schauplatz
 

Das passt natürlich einerseits gut, immerhin handelt „Lohengrin“ ja vom Eintreten des Unerklärlichen, das hier mit den Mitteln der Unerklärlichkeit erzählt wird. Theoretisch. Praktisch aber lässt das den Abend sehr mühsam werden, wenn das Regieteam sich jeder Festlegung verweigert und einfach nur ein Rätsel auf die Bühne stellt und durchblicken lässt: Macht euch keine Mühe, nach der Lösung zu suchen, es gibt keine, schaut mal, was ihr damit anfangt, wir wissen es selbst nicht so genau. Das funktioniert in der Galerie gut, ist bei einer fixen zu erzählenden Geschichte auf der Opernbühne aber schwierig.

Und so lässt sich zwar sicher eine Antwort dafür finden, warum dieser „Lohengrin“ in einem kaputten Trafohäuschen spielen könnte: weil hier Energien aufeinanderprallen und Stromstärken reguliert werden, weil es um übernatürliche Kräfte geht (und hoffentlich nicht nur des dummen Witzes wegen, es sei eine sichere Art, Spannung in den Abend zu bringen, haha). Man könnte sogar so weit gehen zu sagen, das Trafohäuschen ist ein idealer Schauplatz für einen atheistischen „Lohengrin“, mit gezähmter und dienstbar gemachter Naturgewalt an der Stelle, an der im Libretto Gott vorgesehen ist. Aber schon auf die Frage, warum Elsa, Lohengrin und die anderen Hauptcharaktere Insektenflügel tragen, warum Lohengrin und Telramund das Duell in der Luft fliegend austragen, und so weiter: Auf all das gibt es nicht eine gültige Antwort. Außer: so ist es eben im Universum von Neo Rauch. Und es bedeutet auch nicht nichts, aber was es bedeutet, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Es gibt kein Richtig und kein Falsch, jeder, der sich darauf einlässt, liegt richtig. Man kann die Gedanken fliegen lassen, das macht es einfach. Und sehr mühsam.

Die Musik - behutsam, aber nicht zurückhaltend
 

Das ist der einzige Vorbehalt gegen diesen Abend: dass er da, wo andere Produktionen ein mehr oder weniger schlüssiges Regiekonzept haben, nur ein Bühnenbild hat. Eines, das durchaus stark genug ist, um die Produktion zu tragen. Sofern man eben keine Fragen stellt (aber so ist das Frageverbot im Stück sicher nicht gemeint).

Aber es gibt ja, zum Glück, die Musik. Und die wird von Christian Thielemann fein und auffallen behutsam dirigiert, wobei „behutsam“ nicht „zurückhaltend meint. Etwa im Vorspiel: Die Musik atmet und lebt, die Streicher stellen keine sphärischen Klangflächen her und schwellen, flankiert erst von den Holz- und dann den Blechbläsern, allmählich bis zum zweifachen Beckenschlag. Hier und heute klingt das Vorspiel wie eine Ouvertüre: als eigenes kleines Drama in sich, heiter bis wolkig, mit Pathos und ausschweifender Dynamik, und nur die Streichersequenz ganz am Ende hebt sphärisch-schwerelos ab. Während der Szenen zieht sich das Orchester beinahe ganz in die Begleiterrolle zurück, was der musikalischen Spannung in den Szenen nicht immer hilft, den Sängern dagegen jederzeit sehr.

Ein humaner Lohengrin mit Seele und Körper

Die Solisten wirken in dieser Szenerie wie lebendig gewordene Gemäldeteile – und liefern, davon völlig unbeeindruckt, einen überwiegend hervorragenden Abend ab.

Waltraud Meier kehrte als Ortrud bravourös auf die Bayreuther Bühne zurück, disponierte klug und zeigte nicht nur im Ausbruch im Finale, sondern auch in den Piano-Stellen im zweiten Aufzug, wie viele Farben und Nuancen in der Partie stecken. Anja Harteros’ Elsa brachte einen strahlend silbrigen Klang auf die Bühne, der nur selten in die Einfarbigkeit abrutschte. Piotr Beczala, der die Lohengrin-Partie vor drei Wochen übernommen hatte, spielte seine andernorts gewonnene Routine in der Titelpartie voll aus: als ein nicht übermenschlicher, sondern humaner Lohengrin mit Seele und Körper, an dem die Anstrengung der Partie nach zweieinhalb souveränen und scheinbar mühelosen Akten dann doch nicht spurlos vorübergeht.

Georg Zeppenfeld als markanter und sonorer König Heinrich. Egilis Silins als fabelhafter Heerrufer, einzig bei Tomasz Koniecznys Telramund war zu spüren, wie viel Kraft so eine Partie doch kostet, und dass Kraft allein nicht jeden Ton in die richtige Lage führt. Der Applaus für die Sänger und auch für den Festspielchor ist gewaltig, am gewaltigsten für Waltraud Meier, der das merklich zu Herzen geht.

Ein Rätsel, für das es keine Lösung gibt

Das Stück endet mit einem weiteren Rätsel. Auf den letzten Metern, als durch ein nochmaliges Wunder der Schwan zurück in Lohengrin verwandelt wird, erscheint – als Gottfried – eine grüne Figur. Von Elsa und allen anderen gleichmütig hingenommen, „Seht da den Herzog von Brabant, zum Führer sei er euch ernannt“, lautet der Text, Das ist nicht der aus der Schwanengestalt zurückverwandelte Gottfried, es ist nur der nächste Herrscher, der hier sein Glück versuchen soll. Wer sich mit Neo Rauchs Bildwelten befasst hat, erkennt eine Figur aus dem Werk „Zustrom“, das – wenn sich das so festlegen lässt – von der Elektrifizierung eines Dorfes erzählt, und in dem sich auch die Isolatoren wiederfinden und am vorderen Bildrand sogar eine schwanenhafte Gestalt. Ist der neue „Lohengrin“ also nur die Vorgeschichte eines Bildes, das 2016 entstanden ist, allerdings in ganz anderen Farbwelten? Oder ist das Bild die Blaupause des ästhetischen Konzepts des Abends, sagt das Bild schon alles? Nein und nein. Die Parallele zu erkennen hilft vielleicht einen Schritt weiter; sie nicht zu kennen ist aber auch kein Hindernis auf dem Weg zur Lösung des Rätsels. Denn es gibt keine Lösung, auch hier nicht. Nur viel Zeit, das Rätsel zu bewundern.



INFO: Weitere Vorstellungen am 29. Juli sowie 2., 6. und 10. August, jeweils 16 Uhr. Am 28. Juli zeigt 3sat um 20.15 Uhr den Live-Mitschnitt der Premiere; der Audio-Mitschnitt ist in der Mediathek von BR-Klassik abrufbar.
 
 
 
 

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