DIE TEXTE ...
... des linksliberalen Patrioten Springsteen sind überraschend zahm - man hätte Statements erwartet zum Trump-Desaster. Doch "Western Stars" enthält kein einziges Wort über aktuelle US-Politik - als hätte der "Boss" dem verachteten Präsidenten keinerlei Raum in seinen friedvollen Liedern einräumen wollen. Stattdessen erzählt der Storyteller über fiktive Charaktere, über verlorene Liebe - und in Rückspiegel-Passagen auch über sich.
Madonnas "Madame X"-Texte sind giftiger, es geht wie so oft bei ihr um Gender-Fragen, Feminismus, Sex - aber auch um Politik: "Democracy!" verlangt die zeitweise in Portugal lebende Musikerin, sie präsentiert sich als Fürsprecherin der Schwachen und Beladenen. Auch wenn manches davon wirr klingt - die US-Amerikanerin ist politisch so meinungsstark wie selten zuvor.
DIE POP-RELEVANZ ...
... hält sich in Grenzen (was nicht zwangsläufig gegen die beiden aktuellen Alben spricht). Denn kann neue Musik einer Sängerin mit Anfang 60 und eines Stadionrockers von fast 70 Jahren noch relevant für den Pop von heute sein? Eigentlich nicht. Madonna versucht es mit "Madame X" - und scheitert, weil sie ihre Möglichkeiten zu oft altbacken und verkrampft einsetzt. Die wichtigste Musikerin der Pop-Moderne ist nicht mehr modern.
Springsteen fügt seinem Katalog indes eine Platte hinzu, auf die er sehr stolz sein kann - weil er sich auf seine Qualitäten beschränkt: große, zeitlose Songs schreiben und wunderbar einfühlsam singen. "Western Stars" ist ein akustisches Road-Movie ohne Verfallsdatum.
DIE ZUKUNFT ...
... läuft bei Springsteen auf ein Comeback der E Street Band hinaus. Er hat angekündigt, dass er nach dem Jahr am Broadway und seinem Folkpop-Ausflug bereits wieder Songs für seine Lieblingstruppe geschrieben habe und mit ihr auf Tournee gehen wolle. "Boss"-Freunde freuen sich - so sehr sie das melancholische "Western Stars" zu schätzen wissen.
Auch bei Madonna darf man gespannt sein. "Madame X" wird wieder auf Platz 1 vieler Album-Charts springen, doch die Kritik hat sie tief getroffen, zumal teilweise hämisch ihr Alter thematisiert wurde. Aber diese geniale Pop-Musikerin und Selbstvermarkterin hat sich schon oft neu erfunden - warum nicht noch einmal, dann vielleicht mit interessanteren, relevanteren Sounds.