Poker bei den Bauaufträgen

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Die Baukonjunktur brummt. Deshalb müssen Bürgermeister und Gemeinderäte in so manchen sauren Apfel beißen. Denn wo jetzt gebaut wird, ist es um bis zu 20 Prozent teurer. Doch den Kommunen bleibt keine Wahl.

Die Bauarbeiten in der Realschule Pegnitz stehen kurz vor dem Abschluss. Auch dort kam es wegen der großen Nachfrage auf dem Baumarkt zu Verzögerungen und Kostensteigerungen. Foto: Ralf Münch Foto: red

Die neue Mehrzweckhalle oder das Dorfgemeinschaftshaus, der Abwasserkanal, die Schule und das Feuerwehrhaus. Gemeinderäte müssen „jetzt oder nie“ entscheiden. Die Erwartungen der Bürger und zudem gesetzliche Pflichtaufgaben verlangen hohe Ausgaben für Bauprojekte. Und die sind gerade richtig teuer. „Ein Pokerspiel“, sagt Stephan Unglaub, der Bürgermeister von Bischofsgrün zur gegenwärtigen Situation. Seinen Kollegen geht es nicht anders. „Die hohen Baupreise sind für Bayerns Städte und Gemeinden ein Ärgernis“, sagt Wilfried Schober vom Bayerischen Gemeindetag. Das sei für alle unbefriedigend. Aber derzeit leider nicht zu vermeiden. Wie zu entscheiden ist, kommt auf den Einzelfall an.

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Bischofsgrün: Dort musste der Gemeinderat handeln. Der Bauauftrag für die neue Kläranlage ist inzwischen vergeben, Baubeginn in wenigen Wochen. Zuvor hatte die Gemeinde die Ausschreibung für das seit Langem beabsichtigte Vorhaben wieder aufgehoben. Denn die Baukosten waren zwischenzeitlich stark gestiegen, und die eingegangenen Angebote hatten Kosten deutlich über dem Ansatz ergeben. Bürgermeister Stephan Unglaub (SPD) spricht von einer Preissteigerung in Höhe von bis zu 20 Prozent. Ein Jahr habe die Gemeinde gewartet, mehr sei nicht drin gewesen. Das Warten und die neuerliche Ausschreibung haben sich gelohnt, denn nun stehen 1,9 Millionen Euro Kosten zu Buche, etwa 100 000 Euro mehr als ursprünglich geplant, aber rund 100 000 Euro weniger als nach der ersten Ausschreibung, so Unglaub.

 

Pottenstein: Bürgermeister Stefan Frühbeißer (CWU-UWV) berichtet von einem ähnlichen Vorgang. In Pottenstein habe man die Ausgaben für eine neue Abwasseranlage in einem Ortsteil auf 945 000 Euro geschätzt. Nach dem Ergebnis der Ausschreibung solle die Stadt nun 1,3 Millionen Euro bezahlen. „Durch die gute Konjunktur verteuern sich Bauprojekte um rund 20 Prozent“, sagt Frühbeißer. Er spricht von Erfahrungswerten. Um noch viel mehr seien die Kosten für den Ausbau des Breitbandnetzes gestiegen. Die Kostensteigerungen erreichen dort in Einzelfällen sogar 50 Prozent. Können sich die Gemeinden dagegen wehren? „Nein“, sagt Frühbeißer. Zwar könne eine Ausschreibung aufgehoben werden, weil sie unwirtschaftlich ist. Dann drohe beim erneuten Verfahren jedoch eine weitere Preissteigerung. „Das Risiko ist sehr, sehr groß“, so der Pottensteiner Bürgermeister.

 

Gesees: Das beabsichtigte Feuerwehrhaus soll 1,1 bis 1,3 Millionen Euro kosten, so Bürgermeister Harald Feulner (FW). Der Gemeinderat will höhere Kosten vermeiden. Feulner erwartet konjunkturbedingte Preissteigerungen von zehn bis 15 Prozent. Länger warten, bis es billiger wird, kommt für die Gemeinde nicht in Betracht: Das will sich kein Gemeinderat leisten, wie sich erst kürzlich in der Sitzung wieder bestätigte.

 

Pegnitz: Dort läuft das Verfahren für die 1,3 Millionen Euro teure Dorferneuerung in Buchau. Zudem geht es um die Sanierung des Alten Rathauses für ebenfalls 1,3 Millionen Euro an. Bürgermeister Uwe Raab (SPD) zu den hohen Baupreisen: „Pegnitz lässt sich nicht von den gestiegenen Baupreisen abhalten, ihre Vorhaben zu realisieren und nutzt gerne auch zu einer gewissen Kompensation die niedrigen Zinsen.“ Schließlich sei das Zinsniveau so niedrig wie lange nicht mehr.

 

Ursachen: Der gegenwärtige Bauboom werde durch die Nachfrage von Städten und Gemeinden noch angeheizt, so die Ansicht einiger Bürgermeister. Ausschlaggebend dafür seien wiederum die staatlichen Zuschussprogramme, denkt Pottensteins Bürgermeister Stefan Frühbeißer. Von Wahltermin zu Wahltermin würden immer neue Fördertöpfe aufgestellt. Das stimuliere die Nachfrage, so Frühbeißer. Sein Kollege Unglaub in Bischofsgrün spricht von einem regelrechten „Run“ auf die Programme.

 

Einfach abwarten? Während der Beratung über den Kreishaushalt im Februar empfahl der Mistelgauer Kreisrat Karl Lappe (WG), angesichts der hohen Baupreise abzuwarten. Und zwar so lange, bis die Preise wieder gesunken sind. Ähnlich denkt auch Hummeltals Bürgermeister Patrick Meyer (CSU). Die Gemeinden sollten antizyklisch, also entgegen dem Verlauf der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung, in Bauprojekte investieren, so Meyer.

Dagegen halten Praktiker, die Bürger hätten dafür wenig Verständnis. Bauen werde auch ohne Boom von Jahr zu Jahr teurer. Und wenn ein Kindergarten gebraucht werden, so müsse er halt gebaut werden.

Andreas Gaß, Referatsleiter beim Bayerischen Gemeindetag in München warnt: Die Baukonjunktur werde andauern, weil der Wohnungsbau gefördert wird. Mit sinkenden Preisen ist demnach nicht zu rechnen.

 

Wer zahlt das? Für die höheren Baukosten kommen die Bürger auf, sagt Wilfried Schober vom Gemeindetag. Entweder über ihre Beiträge und Benutzungsgebühren oder über Steuern.

 

Verband der Bauwirtschaft: Preisanstieg seit 2006 

Die in den vergangenen Jahren gestiegenen Preise räumt die Bauwirtschaft ein. Die Leistungen des Bauhauptgewerbes, das sich auf den Rohbau und den Tiefbau konzentriert, seien während der Baurezession zurückgegangen. Erst ab 2006 gelang es nach Angaben der Bauindustrie wieder, Preiserhöhungen am Markt durchzusetzen. Von 1995 bis 2016 stiegen die Preise für Leistungen des Bauhauptgewerbes nur um 23 Prozent.

Die Zunahme der Baupreise war zwischenzeitlich auch auf starke Preissteigerungen bei Baumaterialien und Energie zurückzuführen, so die Branche. Von 1995 bis 2012 stieg der Erzeugerpreisindex für Energie um 77 Prozent, für Betonstahl in Stäben um 116 Prozent und für Bitumen aus Erdöl um 490 Prozent.

Über die konjunkturbedingten Steigerungen in der jüngsten Zeit schweigt der Verband der Bauindustrie.