Podiumsdiskussion im Iwalewahaus zu Muslimen in Deutschland Wie intolerant ist der Islam?

Diskutierten über Integration und Islamkritik: Prof. Paula Schrode, Abdel-Hakim Ourghi, Lale Akgün, Prof. Rüdiger Seesemann (von links). Foto: Andreas Harbach Foto: red

"Den Islam" gibt es nicht, stattdessen konkurrieren verschiedene Auslegungen um die Zuwendung der Gläubigen. Religiöse Verbände vertreten nur eine Minderheit der Muslime. Wer sich zum Sprachrohr des Islam mache, verfolge politische Ziele. Drei Thesen aus einer Podiumsdiskussion im Iwalewahaus Mittwochabend. Wie unter diesen Umständen Integration gelingen kann, war Thema des Abends.

Die Universität Bayreuth hatte in der Reihe Stadtgespräche das Thema "Muslime in Deutschland zwischen Islamkritik und Integration" ausgewählt. Der Saal war voll besetzt; viele Zuhörer blieben, obwohl es für sie nur noch Stehplätze gab. Auf dem Podium diskutierten Lale Akgün, ehemalige islampolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, und Abdel-Hakim Ourghi, islamischer Theologe an der pädagogischen Hochschule Freiburg, mit dem Bayreuther Religionswissenschaftler Rüdiger Seesemann. Seine Kollegin Paula Schrode moderierte.

Die gröbsten Vorurteile gegen den Islam lauten: Intoleranz gegenüber Nicht-Muslimen, Legitimation von Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele, fehlende Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Im Gegenzug werfen Muslime Europäern eine laxe Sexualmoral sowie den Missbrauch von Alkohol und Drogen vor; außerdem stellten Menschen im Westen ihre individuelle Freiheit über die Pflichten gegenüber Gott.

Intoleranz:

"Den Islam" gebe aus wissenschaftlicher Sicht gar nicht, sagte Seesemann. Sunniten, Schiiten, Alewiten,Salafisten und viele andere Richtungen konkurrierten um die Gunst der Gläubigen.  Lale Akgün machte vor allem die religiös-politischen Verbände für verhärtete Fronten verantwortlich: "Diese Verbände bestimmen mit, wie Religionsunterricht in den Schulen aussieht. Aber sie vermitteln oft ein überholtes Weltbild." Der Islam im Mittelalter war laut Seesemann toleranter als seine heutige Version. Abdel-Hakim Ourghi sagte, viele Muslime verwechselten Religionskritik mit Beleidigung und nähmen automatisch eine Opferrolle ein. Intoleranz richte sich nicht nur gegen Europäer: "Der Islam spricht nicht mit einer Stimme. Araber würden sich niemals von Türken vertreten lassen, und Türken würden keinen Araber für sich sprechen lassen."

Gewalt zur Durchsetzung religiöser Ziele:

Religion spielt zwar für viele Muslime eine wichtige Rolle im Alltag, sagte Seesemann. Aber mehr als 90 Prozent von ihnen lehnten Terror im Namen der Religion ab. In Deutschland leben zurzeit etwa vier Millionen Muslime, deren größter Teil aus der Türkei stammt, gefolgt von Zuwanderern aus Südosteuropa. Bis 2020 wird diese Zahl auf etwa fünf Millionen steigen. Seesemann: "Etwa die Hälfte der hier lebenden Muslime hat die deutsche Staatsbürgerschaft." Die Verquickung von Politik und Islam sei ein relativ modernes Phänomen und habe sich erst in den vergangenen 150 Jahren entwickelt.

Persönliche Freiheit:

Lale Akgün berichtete von türkischen Kollegen aus Istanbul, die der Ansicht seien, eine Modernisierung  des Islam müsste in Deutschland angestoßen werden: "Wir haben nicht die Freiheit, das auszusprechen, was wir sagen wollen." Und: "Wie soll sich der Islam entwickeln, wenn die Verbände in der Steinzeit verhaftet sind?" Sie sprach von einer unheiligen Allianz zwischen Politik und Religion: "Man muss die Möglichkeit haben, mutig sein zu können. Das geht in der Türkei nicht." Integration sei in erster Linie eine individuelle Entscheidung, folgerte der Theologe Ourghi: "Dafür brauchen wir keine Aufseher."

Fazit der Diskussion:

In einer immer unübersichtlicheren Welt, in der sich neben religiösen Extremen auch Atheismus breit macht, müsse man fragen, wie mit dem Bekenntnisunterricht umzugehen sei, forderte Lale Akgün. Abdel-Hakim Ourghi wünschte sich "eine Moschee für alle Muslime", was jedoch aufgrund nationaler Differenzen nicht vorstellbar sei. Rüdiger Seesemann schloss mit dem Appell, ein Islam-Verständnis zu entwickeln, das mit dem Alltag in Deutschland kompatibel sei: "Kindergartenkinder sagen: „Bei uns gibt's keine Ausländer, nur Kinder.“

 

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