Pläne für Baugebiet Seidenhof: Anwohner fühlen sich verschaukelt

Melitta Burger
Schluss mit Wohnen im Grünen im idyllischen Seidenhof. Die Anlieger des Reiterhofs Hacker wehren sich gegen das geplante Bebauungsgebiet in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft und sind verärgert, dass sie nur durch Zufall davon erfuhren, was in ihrem Ort geplant ist. Foto: Melitta Burger

Ein Baugebiet, das größer werden könnte als ihr ganzes Dorf? Die Bürger in Seidenhof sind in Sorge. Dass sie von den Plänen erst erfahren, als bereits erste Schritte für dieses Projekt auf dem Weg sind, ärgert die Menschen.

Kulmbach/Seidenhof - Gerüchteweise gebe es die Nachricht, dass der Besitzer des Reiterhofs in Seidenhof das etwa fünf Hektar große Anwesen aufgeben und als Bauland verkaufen will, schon seit ein paar Jahren, erzählt Christian Recker. Doch Fragen von unmittelbaren Nachbarn, die bestimmte Grundstücke für sich erwerben wollten, habe der Nachbar immer zurückgewiesen und betont, er werde kein Baugebiet aus seinem Reiterhof machen. Doch das scheint nun anders zu sein. Am vergangenen Freitag ist den Seidenhofern die Kopie eines Schreibens zugespielt worden, in dem die Stadt Kulmbach eine große Anzahl von Trägern öffentlicher Belange zu Stellungnahmen auffordert für die Einleitung eines Verfahrens für einen Bebauungsplan „Seidenhof/Ziegeleiweg/Geiersleite“.

Ein Plan ist dabei. Er weist auf einem ersten Teilgebiet von knapp 10 000 Quadratmetern neun Häuser aus. In dem Schreiben weist das Bauamt der Stadt bereits darauf hin, dass mittel- oder sogar kurzfristig der gesamte Reiterhof samt Stallungen und Reitplatz sowie -halle aufgegeben werden soll, „sodass sukzessive Flächen frei werden, die zwar im Außenbereich liegen, aber durch intensive Nutzung und Versiegelung bereits vorgeprägt sind.“

Die Nachricht von den Plänen für das große Areal, das zwischen dem Ortsrand und dem Wald gelegen ist, hat sich in Seidenhof wie ein Lauffeuer verbreitet. Die Nachbarn haben sich gegenseitig informiert und sich getroffen. „So haben wir das erste Mal gesehen, was da überhaupt im Busch ist“, sagt Christian Recker. Er und seine Nachbarn ärgern sich nicht nur über die Formulierung, das Gelände sei bereits versiegelt. „Das ist eine Pferdekoppel“, sagt er. „Da ist nichts versiegelt.“

Die Seidenhofer sorgen sich. Die Zufahrt zu dem jetzigen Reiterhof könne nur über die schmale Straße erfolgen, an der ihre Häuser liegen. Der Weg sei so schmal, dass nicht einmal die Müllabfuhr bis ganz nach hinten fahren kann. Die Seidenhofer, die in diesem Bereich leben, müssen ihre Mülltonnen ein ganzes Stück weit transportieren, wenn sie geleert werden sollen. Auch Begegnungsverkehr von zwei Pkw ist an dieser Stelle nicht möglich.

Verbreitert werden kann die Straße nicht. Denn sie wird zum Teil von jahrhundertealten Sandstein- oder Fachwerkhäusern gesäumt. Yvonne Fehn und ihr Mann Joachim Hain leben in einem dieser Häuser. Ein kleines Paradies haben sie sich geschaffen. Der Verkehr, vor allem auch der Schwerlastverkehr während einer Bauphase, wird diesen alten Häusern schaden, ist Yvonne Fehn überzeugt.

Christian Recker, direkter Nachbar des angedachten Baugebiets, fürchtet um den jahrhundertealten Eichenbestand, der zwar auf seinem Grundstück, aber direkt auf der Grenze liegt. Er fürchtet auch weitere Schäden, wenn die Zufahrt in den Grund direkt neben seinem Haus gegraben wird.

Doch die Seidenhofer haben noch mehr Bedenken. Der Kanal sei garantiert nicht ausreichend für so viele neue Häuser, sagen die Anlieger. Bisher sei ja nur der Reiterhof angeschlossen und ein Vereinsheim, das weiter oben im Wald liegt. „Wenn da so viele Häuser dazukommen sollen, müssten die komplett alles aufreißen“, fürchten die Seidenhofer. Sie haben sich zusammengeschlossen, wollen gegen das Vorhaben angehen, sollte es tatsächlich kommen. Mit einem Rechtsanwalt haben sie schon Kontakt aufgenommen, sagen die Anlieger. Auch mit der Bürgerinitiative, die in Metzdorf gegen Wohnbauplanungen des selben Architekten kämpft, haben sie schon gesprochen.

Die Seidenhofer verstehen die Welt nicht mehr. Mitten im Grünen sollen plötzlich so viele Häuser gebaut werden, während man mitten in der Stadt auf dem ehemaligen Kaufplatzgelände Grünflächen anlegen will. „Wo schon alles versiegelt war, wollen sie jetzt Grün anlegen, und bei uns wollen sie das Grün versiegeln“, sagt Yvonne Fehn und schüttelt verständnislos mit dem Kopf. „Wir schauen ständig, was wir für die Zukunft tun können und pflastern dann da hinten zu? Wir können doch nicht ständig schreien, macht was für die Natur.“ Christian Recker pflichtet ihr bei. „Das ist doch unsere Heimat.“

Hilde Vogel wohnt ebenfalls direkt neben dem Reiterhof. Sie hat sich an SPD-Stadtrat Matthias Meußgeyer gewendet und von ihm erfahren, dass er von dem Vorhaben nichts weiß, erzählt sie und berichtet vom Besuch von OB Ingo Lehmann beim Hoffest auf dem Reiterhof erst vor wenigen Wochen. Nun komme wenig später der Plan mit dem Baugebiet ans Tageslicht. Sie mag nicht an einen Zufall glauben. Hilde Vogel ist Jägerin. Sie fürchtet zudem um die Ruhe des Wilds, wenn die Häuser irgendwann dicht an den Wald heranreichen würden.

Yvonne Fehn ist sehr nachdenklich. Sie wie auch ihre Nachbarn sind sich bewusst, dass ihr Kampf gegen das mögliche Baugebiet zu Unruhe vor allem mit dem Reiterhofbesitzer führen wird. Das dürfe aber nicht der Maßstab sein. Der Nachbar, sagt sie, werde irgendwann Seidenhof mit seinem Geldkoffer verlassen, sollte das Vorhaben tatsächlich umgesetzt werden. „Aber wir bleiben zurück und müssten dann sehen, wie wir hier klarkommen. Auch wir haben ein eigenes Interesse, und das werden wir vertreten.“
 

Bürgermeister sind verärgert

Nicht nur dem gesamten Stadtrat, auch den beiden stellvertretenden Bürgermeistern in Kulmbach war von den Plänen im Rathaus, ein Neubaugebiet in Seidenhof zu errichten, nichts bekannt. Frank Wilzok (CSU) und Dr. Ralf Hartnack (WGK) bewerten diesen Vorgang kritisch.

Zweiter Bürgermeister Frank Wilzok: „Natürlich muss dieser Vorgang erst einmal in den Stadtrat. Die bereits in die Wege geleitete Beteiligung der Träger öffentlicher Belange ist ohne unser Wissen geschehen. Das kennen wir bisher in Kulmbach so nicht. Bislang war das immer so, dass erst einmal der Stadtrat gehört wurde, und erst wenn der grünes Licht gegeben hat, wurden auch die Stellungnahmen der anderen Beteiligten eingeholt. Das ist in diesem Fall schiefgelaufen. Definitiv ist hier noch nichts genehmigt. Der Leiter des Bauamts hat mir gesagt, er habe die Anhörungen vorgezogen, um den Stadtrat schon umfänglicher informieren zu können, wenn es auf der Tagesordnung ist. Ich sage in der Bewertung ganz klar, über diesen Vorgang muss man reden. Aus einer Angelegenheit wie dieser hätte man viel Stress rausnehmen können, hätte man anders gehandelt. Auch bei mir haben ja Anwohner besorgt angerufen. Ich konnte ihnen keine Antwort geben. So ein Thema gehört im Vorfeld im Stadtrat besprochen. Das wäre der bessere Weg gewesen. Dass so etwas im ersten Moment zu Unmut führt, auch bei mir übrigens, dürfte wohl verständlich und nachvollziehbar sein. Das alles hätte man sich sparen können, wenn man es anders gemacht hätte.“

Dritter Bürgermeister Dr. Ralf Hartnack: „Die Sache wurde dem Stadtrat noch nicht vorgestellt. Der Stadtrat hat aber die Hoheit über die Bebauungspläne und die gesamte Bauleitplanung in der Stadt. Wir werden uns mit der Angelegenheit beschäftigen. Ich gehe davon aus, dass die Stadtverwaltung allenfalls eine Vorabfrage getätigt hat. Wir werden genauestens bewerten, ob wir das Verfahren überhaupt einleiten. Dass das Thema bislang am Stadtrat vorbeigelaufen ist und Bürger bereits besorgt sind, ist natürlich für uns als Stadträte eine unglückliche Situation, weil wir jetzt nicht angemessen reagieren können. Ich gehe davon aus, dass das künftig so nicht mehr passieren wird.“
 

Stadtverwaltung verweist auf Vorprüfung

Die Sache werde nicht so heiß gegessen, wie sie derzeit gekocht wird, heißt es aus dem Kulmbacher Rathaus. Bei der angesprochenen Beteiligung der Träger öffentlicher Belange handle es sich nicht um eine formelle Beteiligung nach den Paragrafen 3 und 4 im Baugesetzbuch im Rahmen eines Bebauungsplanvorhabens, teilt Pressesprecher Jonas Gleich mit. Er verweist darauf, dass es sich lediglich um eine Vorprüfung nach Eingang eines Antrags zur Einleitung eines Verfahrens handle. Gleich betont: „Es läuft noch kein Verfahren, und es wurde auch noch keine Baugenehmigung erteilt.“

Um die Umsetzbarkeit oder mögliche Probleme bei einem potenziellen Bauvorhaben herausarbeiten zu können, sei die Vorprüfung als eine Maßnahme von der Verwaltung gewählt worden, um den Sachverhalt vorab zu prüfen. „Im Sinne der Transparenz soll im Anschluss der Stadtrat vollumfänglich informiert werden, um dann Stellung nehmen zu können“, schreibt Gleich. „Erst nach Erhalten aller Informationen kann der Stadtrat eine Entscheidung fällen bezüglich einer potenziellen Einleitung eines formellen Verfahrens, in dem dann die formelle Beteiligung der Öffentlichkeit und der Träger öffentlicher Belange stattfindet.

Es wird hier also zunächst die Vorarbeit geleistet, um mit allen benötigten Informationen den Stadtrat beteiligen zu können. Eine Entscheidung wurde ohne Einbindung des Gremiums selbstverständlich noch nicht getroffen. Die jetzigen Prozesse dienen zum einen einer besseren Transparenz, zum anderen einer besseren Entscheidungsfindung.“

Die Frist von nur zwei Wochen für die Stellungnahmen der Organisationen und Behörden sei gewählt worden, weil es sich um eine Vorprüfung handle. „Dies ist durchaus so üblich. Sollte es zu einem Verfahren kommen, werden die Träger öffentlicher Belange sowie die Öffentlichkeit dann natürlich mit einer ausreichenden Frist beteiligt. Auch hier werden die Anlieger an der Planung beteiligt, sollte es soweit kommen.“ Auch die Frage, ob der Kanal in dem Bereich ausreicht, werde in der Vorprüfung untersucht.

Das Vorhaben in Seidenhof sei 2019 bereits gestartet und aufgrund der Aussetzung eines Paragrafen im Baugesetzbuch pausiert worden. Dieser Paragraf sei mit der Änderung des Baugesetzbuchs dieses Jahres verlängert worden, sodass das Verfahren wieder aufgenommen werden kann. - Lesen Sie dazu den Kommentar: "Transparenz geht anders" >>>

 

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