Pilot rät Unternehmern Unter Druck erst einmal Ruhe bewahren

Philip Keil. Foto: Christopher Michael

SELB. Zwischen Crash und Punktlandung: Der Pilot Philip Keil gibt Unternehmern Tipps, wie diese mit Drucksituationen besser umgehen können.

Philip Keils bislang einschneidendstes Erlebnis als Pilot ereignete sich nur wenige Minuten nach dem Start vom ägyptischen Badeort Hurghada, einige Hundert Meter über dem Erdboden. Gerade hatte er seine Maschine in den Himmel gezogen, da erfasste sie eine sogenannte Windscherung. Keil blieben nur wenige Sekunden, die richtige Entscheidung zu treffen und damit sein Leben und das Hunderter Passagiere in der Kabine zu retten. „Nase hochziehen und hoffen“, sagte Keil, sei damals die Entscheidung gewesen, die ihn gerettet habe.

Job statt Heldentat

Nur wenige Sekunden vor dem drohenden Unglück brachte er die Maschine wieder unter Kontrolle. „Das war mein persönlicher Punkt der Entscheidung“, sagte Keil beim achten Unternehmergespräch Hochfranken im Porzellanikon Selb, bei dem er auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft der Industrie (AGI) Plus sowie der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (VBW) zum Thema „Zwischen Crash und Punktlandung“ sprach und den anwesenden Unternehmern Tipps gab, was diese von der Arbeit eines Piloten lernen und wie diese dadurch auch mit Drucksituationen besser umgehen können. „Das war jedoch keine Heldentat“, redete Keil seine Leistung klein, „sondern mein Job.“

Als eindrucksvolles Beispiel hatte der Pilot, der sich seit einigen Jahren aber nicht mehr hauptberuflich in das Cockpit setzt, nicht nur seine eigene Geschichte im Gepäck, sondern auch die von Chesley B. Sullenberger, genannt Sully, der auch als „Held des Hudson“ bekannt wurde. 

Ein kurzer Blick in die Ereignisse, die Sullenberger zu eben diesem Helden gemacht hatten: Ihm gelang 2009 eine spektakuläre Notwasserung seiner Maschine im Hudson-River in New York, nachdem Kanada-Gänse beide Triebwerke zerstört hatten. „So etwas ist in diesem Maße noch nie einem Piloten vor ihm gelungen“, sagte Keil und ordnete damit die Ereignisse nochmals ein. In Krisensituationen - so drastisch sie auch sein mögen - helfe es, die Ruhe zu bewahren, bekräftigte Keil.

„Fly the aircraft first“ - „Kümmere dich zuerst darum, das Flugzeug zu fliegen“ laute einer der wichtigsten Sprüche für Piloten, sagte Keil. Mit Original-Aufnahmen aus dem Cockpit Sullenbergers untermauerte er seine These. Anstatt in Panik auszubrechen, blieb er die ganze Zeit ruhig und besonnen und lotete alle Möglichkeiten aus.

Einen Plan B zurechtlegen

Zurück zum Flughafen LaGuardia? Einen anderen Ausweichflughafen suchen? Notwassern? „We may end up in the Hudson“ - „Wir könnten im Hudson enden“ hatte Sullenberger schon recht früh in der Kommunikation mit der Flugsicherung als eine Möglichkeit in Betracht gezogen und sich so schon einen Plan B zurechtgelegt.

Denn eines sei dem Piloten ebenfalls schon von Anfang an klar gewesen: Schafft er es nicht, die Maschine zu wenden und zum Startflughafen zurückzukehren, bedeutet das nicht nur seinen eigenen Tod, den seiner Crew und der Passagiere, sondern dann stürzt die Maschine in bewohntem Gebiet ab.

„Für schwierige Entscheidungen gibt es keinen Autopilot“, stellte Keil klar und entkräftete dadurch auch das Argument, dass die Rolle des Menschen beim Fliegen immer kleiner wird und vieles ja sowieso nur noch der Computer erledigt. Stattdessen sei es umso wichtiger, den Menschen die Angst davor zu nehmen, Verantwortung zu nehmen - und dadurch dann eben auch Entscheidungen zu treffen. „Verantwortung ist der Treibstoff für Erfolg“, sagte Philip Keil. 

Dabei gehe es gar nicht einmal darum, schon von Grund auf fehlerfrei unterwegs zu sein. Das sei selbst in der Fliegerei nicht möglich. Statistisch passiere etwa alle vier Minuten an Bord eines Flugzeugs ein Fehler, erklärte der Experte. Wichtiger sei jedoch, wie mit Fehlern umgegangen werde.

Jedes Flugzeugunglück der vergangenen Jahrzehnte sei nicht die Folge eines einzelnen Fehlers gewesen, sondern die einer ganzen Fehlerkette. „Es geht darum, die Fehler frühzeitig    zu erkennen, sie abzustellen und daraus zu lernen“, sagte Keil. Das Ziel müsse auch sein, Fehler offen anzusprechen.

Zurück zu Sullenberger: Der lag mit seiner Entscheidung, eine Notwasserung zu riskieren, goldrichtig. Spätere Simulationen hätten gezeigt, dass es anderen Piloten erst nach 17 Versuchen gelungen sei, wieder in LaGuardia zu landen - und das, obwohl die Testpiloten wussten, was auf sie zukommt, ohne die Anspannung und die Angst um das eigene Leben. „Schwierige Entscheidungen gehen weit über das Rationale hinaus“, sagte Keil.

Nicht als Einzelkämpfer unterwegs sein

Für die Vertreter der Wirtschaft hatte Keil vor allem den Rat aus der Fliegerei parat, nicht als Einzelkämpfer unterwegs zu sein. „Im Flugzeug überlegt man als Team, wie man mit schwierigen Situationen umgeht“, sagte Keil. Dem trage auch die Entwicklung Rechnung, dass in Cockpits Hierarchie mittlerweile weniger aus bestimmten Positionen wie der des Kapitäns oder des Ersten Offiziers erwachse, sondern aus den Rollen, der Menschen im Flugzeug.

Patrick Püttner, Bezirks-Geschäftsführer der VBW in Oberfranken sieht ebenfalls Parallelen zur Wirtschaft. „Zur Bewältigung der Herausforderungen unserer Zeit brauchen wir eine gesunde Fehlerkultur“, sagte er. „Diese ist unabdingbar, um Innovationen hervorzubringen.“

 

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