„Pferde sind wie Lügendetektoren“ Das Pferd als Spiegel des wahren Ich

Sich selbst mit allen Schwächen und Stärken erkennen und verbessern. Coaching ist nicht einfach. Auf der Enerspeter Ranch helfen Pferde dabei. Einen Coaching-Nachmittag gibt es zu ersteigern. Der Erlös geht an die Kurier-Stiftung „Menschen in Not.“

Kirchenthumbach - Schon der Weg hinauf auf die Enerspeter Ranch nahe Kirchenthumbach hat etwas Beruhigendes. Weite Felder und Wiesen im Morgendunst. Von den Pferdekoppeln aus geht der Blick hinüber zum Waldrand. Der Nebel lichtet sich.

Wie Rosamunde Pilcher

„Ja, das ist hier ein bisschen wie Rosamunde Pilcher“, sagt Verena Lienhardt, die zusammen mit der Eigentümerin des Hofes, Elena Kummert, pferdegestütztes Coaching anbietet.

Denkweisen ändern

Im Mittelpunkt jedes Coachings steht der Mensch, vor allem seine persönliche oder berufliche Weiterbildung. Es geht darum, dass Menschen ihr Potenzial entfalten. Mit einem Coach an der Seite lassen sich solche Ziele schneller erreichen, Denkweisen ändern und Erfolge im persönlichen und beruflichen Bereich bewerkstelligen. „Und noch viel einfacher ist es, wenn man mit Pferden zusammenarbeitet. Die Themen lassen sich viel schneller öffnen. Pferde sind da wie Lügendetektoren“, erklärt Verena Lienhardt. Die meisten Menschen merken das, berichtet sie aus ihren Erfahrungen. Manche lassen sich voller Anspannung auf das Abenteuer Pferd ein, stehen unter Strom, wenn sie gemeinsam mit dem Pferd die Reithalle betreten, und merken dann sehr schnell, dass ihnen das Pferd, das ihnen auf Augenhöhe begegnet, Führungskompetenz abstreitet. Erkenntnisse, die sich nicht so leicht verkraften lassen. „Wir haben schon gestandene Manager hier weinen sehen,“ sagt Lienhardt.

Emotionale Öffner

„Das Pferd ist wie ein Spiegel des wahren, ehrlichen Ich,“ sagt Verena Lienhardt. „Pferde sind sozusagen die emotionalen Öffner. Und vieles bleibt dann länger in Erinnerung als bei einem normalen Coaching, das in einem weißen Raum an einem Tisch stattfindet.“ Die Menschen müssen ihre Komfortzone verlassen und auch festgelegte Muster, nach denen bisher agiert und geleitet wurde, verlassen. „So entsteht ein senso-emotionaler Lerneffekt, wie es die Wissenschaft ausdrückt. Und der geht sehr schnell und sehr tief.“ Damit entkräftet sie auch die Argumente derjenigen, die das pferdegestützte Coaching als Humbug oder esoterischen Kram abtun.

Glückshormone werden ausgeschüttet

Beim Menschen werde beim Umgang mit Pferden mehr Oxytocin ausgeschüttet. Das sogenannte „Kuschelhormon“ wirke als Neurotransmitter direkt im Gehirn und löse positive Empfindungen aus. Dieser Prozess sei wissenschaftlich belegbar, sagt Lienhardt. „Dadurch sind wir zugänglicher, auch offener für Themen. Deshalb hat das überhaupt nichts mit irgendwelcher Spiritualität zu tun.“

Bisher nur Lamas

Fürs Test-Coachen haben wir einen lokalen Politiker gewinnen können, der zurzeit mit vielen Entscheidungen im Fokus der Medien steht. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – hat er sich bereit erklärt, dabei zu sein. Über seine Erfahrungen, als er zum ersten Mal einer Herde von Pferden gegenübersteht, wird er live aus der Spenden-Gala am Samstag berichten. Sichtlich beeindruckt lässt er sich an diesem Tag auf das Abenteuer Pferd ein. Erfahrungen mit Vierbeinern sammelte er bisher nur mit Lamas, mit denen er im Fichtelgebirge einen Spaziergang unternahm.

Eine Schulter zum Anlehnen

Während des Gesprächs im Paddock löst sich Cosmo aus der Herde, die an der Heuraufe steht. „Ein sehr erfahrenes Therapiepferd“, erklärt Verena Lienhardt. „Das ist einer, der sich gerne Menschen aussucht, die eine Schulter zum anlehnen brauchen.“ In den meisten Fällen wählen die Pferde aus, wen sie coachen, sagt Lienhardt. So ist es auch an diesem Tag.

Wilde Buckelsprünge

Mit Cosmo am Stallhalfter geht es in die Reithalle. Und sehr schnell zeigt sich, was in der Luft liegt. Befreit von Führstrick und Halfter jagt Cosmo mit wilden Buckelsprüngen quer durch die mit Sand eingestreute Halle, und wälzt sich dann. Ohne jeglichen Kontakt zu seinem Coaching-Partner, der das Spektakel mit den Worten begleitet: „Ja, ich glaube schon, dass ich eine gewisse Anspannung mit reingebracht habe. Morgen steht eine wichtige Entscheidung für den Landkreis an. Es gibt auch viel Kritik.“ Kaum ist das gesagt, schnaubt Cosmo und nähert sich seinem Coaching-Partner.

Gefühle aussprechen

Verena Lienhardt erklärt: „Sowie eine belastende Situation ausgesprochen ist, ist die Situation für das Pferd geklärt. So wie wir uns innerlich fühlen, aber vielleicht nicht ausagieren können, überträgt sich das aufs Pferd, und wird von ihm gespiegelt.“ Cosmo ist mit sich und seinem Partner darauf hin im Reinen. Er akzeptiert ihn als Chef und folgt ihm ohne Führleine durch einen kleinen Parcours, der in der Halle aufgestellt wurde. „Wir haben bei diesem Coaching eine höhere Nachhaltigkeit und es bleibt länger im Gedächtnis. Oft sagen Leute noch nach einem halben Jahr, dass sie immer wieder das Pferd vor Augen haben, das sich quasi aufbäumt vor ihnen, und sie jetzt wissen, was sie zu tun haben.“

Info
Verena Lienhardt und Elena Kummert spenden einen Coaching-Nachmittag für bis zu acht Personen, der als erlebnis-pädagogisches Event angelegt ist. Die Gäste auf der Ranch werden verpflegt, und eine Fotografin begleitet das Coaching, so dass der Firma danach auch eine Fotoserie zur Verfügung steht.
Der Erlös geht vollständig an die Kurier-Stiftung. Die Versteigerung beginnt ab 1. Dezember auf der Plattform des Kuriers unter www.kurier-auktion.de

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