"Ausgewichen wäre der nie" Was Oswald Georg Bauer über Wolfgang Wagner sagt

Wolfgang Wagner gibt den Kritiker: Bei einer Probe zu „Die Meistersinger von Nürnberg“ im Jahr 1981 greift der Regisseur und Festspielleiter zu Beckmessers Laute. Rechts: Hermann Prey. Foto: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung, Bayreuth

BAYREUTH. Die Bayreuther Festspiele 2019 stehen auch im Zeichen Wolfgang Wagners, der am 30. August 100 Jahre alt geworden wäre. Im Kurier-Interview spricht der einstige Festspiel-Pressesprecher und Träger der Bayreuth-Medaille in Gold, Oswald Georg Bauer, über Angriffe gegen seinen einstigen Chef, künstlerische Höhepunkte und die Limmersdorfer Tanzlinde.

Herr Bauer, wie hat Wolfgang Wagner Bayreuth gesehen? War die Stadt seine Heimat?

Oswald Georg Bauer: Er war ein Bayreuther. Da hat er nie ein Hehl draus gemacht. Er war in der Stadt präsent und ist samstags mit seinem Korb einkaufen gegangen. Für die Bayreuther war das ihr Wolfgang. Es gibt ein Foto, auf dem zu sehen ist, wie er im Smoking die High Society empfängt. Links und rechts stehen die Bayreuther und sagen: Hallo Wolfgang.

Von welcher Mission war Wolfgang Wagner erfüllt?

Bauer: Seine Aufgabe waren die Festspiele. Er hatte in Berlin von der Pike auf das Theaterhandwerk gelernt. Nach dem Tod seines Bruders Wieland musste er ja das Gesamte in Bayreuth übernehmen. Seine ganz große Leistung ist gewesen, dass keine Aufführung ausfallen musste, dass keine Inszenierung verschoben werden musste. Eben weil Leute wie Pierre Boulez gesagt haben, wir machen weiter. Zum anderen hat Wolfgang Wagner in Ostdeutschland immer gesagt, dass es Grenzen dieser Art für ihn nicht gibt. Die Kunst kann überall sein. Er ist dann ja auch vom damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß angegriffen worden, weil er mit der DDR verkehrte. Da hat Wolfgang Wagner ganz klar gesagt: Es geht hier um Aufführungen und nicht um Politik. Diese Grenzen hatte er nie gekannt.

So erscheint es folgerichtig, dass Wolfgang Wagner 1972 den damaligen DDR-Regisseur Götz Friedrich in Bayreuth den „Tannhäuser“ inszenieren ließ.

Bauer: Da hat der Strauß gewettert: Er meinte, jetzt ist in Bayreuth schon die Ostzone gegenwärtig.

Nach der Premiere gab es ja massive Angriffe gegen Wolfgang Wagner. Auch von Bombendrohungen war die Rede. In einem Brief heißt es: „Lassen Sie ihre Finger von modernen Interpretationen, die politisch eingefärbt sind! Sie machen sich lächerlich – wenn Sie es nicht schon sind. Man kann sie nur warnen, es gibt Möglichkeiten, Ihnen gehörig auf die Finger zu klopfen!“ In einem anderen Brief wird Wolfgang Wagner als „nützlicher Idiot der Bolschewiken“ bezeichnet. Wie hat Wolfgang Wagner darauf reagiert?

Bauer: Diese Briefe hat er nicht beantwortet. Er hat sie zur Kenntnis genommen. Nachdem nach diesem „Tannhäuser“ der Vorhang runterging und ein Buh-Sturm einsetzte, ist er mit Götz Friedrich und allen anderen vor den Vorhang getreten. Sein Statement lautete: Ich stehe dazu. Das war seine Haltung. Für die Kunst gibt es keine politischen Grenzen. Er ist dann an diesem Abend von Kneipe zu Kneipe gegangen, um den Leuten, die dort geschimpft haben, zu sagen, wie er das denkt.

War er persönlich verletzt oder prallte das an ihm ab?

Bauer: Gezeigt hat er es nie. Bestimmt war er verletzt. Aber er wusste ganz genau, es hat keinen Sinn, sich darüber zu ärgern. Es hat nur Sinn, darauf zu reagieren, auf die Leute zuzugehen, Dinge richtig zu stellen. Das habe ich bei ihm erlebt: dass man zwar enttäuscht sein kann, aber dass diese Enttäuschung fruchtbar werden musste, indem man darauf reagiert.

Nach welcher Premiere waren die Angriffe gegen Wolfgang Wagner am heftigsten?

Bauer: Beim „Ring“ von Chereau. Das war unvorstellbar. Nach der Premiere sind auch die Sänger ausgebuht worden. Als Chereau zurück kam, sagte er: „Aber ich will doch nur verstanden werden.“ Der Wolfgang sagte dann zu ihm: „Patrice, mach’ dir nichts daraus. Das ist lebendiges Theater.“

Trat Wolfgang Wagner, wie bei Götz Friedrich, zusammen mit Cherau vor den Vorhang?

Bauer: Das hat er nicht gemacht. Bei Götz Friedrich ging es um Politik, bei Chereau ging es um die künstlerische Auseinandersetzung. Und denken Sie: Fünf Jahre später gab es nach der letzten Aufführung ein Beifallsfest unbeschreiblichen Ausmaßes.

Hatte damals ein Umdenken im Publikum stattgefunden, oder saßen einfach andere Leute im Festspielhaus?

Bauer: Es gab ein anderes Publikum, aber einige sind auch wieder gekommen. Die Franzosen haben enorm viel dazu gelernt. Und zwar über Boulez. Wir haben damals hunderte von Protestbriefen gekriegt. Ich musste die alle lesen und ein Fazit daraus ziehen. Von den Franzosen hieß es immer wieder: Wir schämen uns für diesen Compatriot. Bei anderen hieß es immer wieder, dass es in den Kommunismus geht. Das waren Phobien, die man in der Inszenierung erblickt hat, die mit dem, was wir wollten, überhaupt nichts zu tun hatten.

Was war für Wolfgang Wagner schlimmer: Angriffe von außen oder aus der eigenen Verwandtschaft?

Bauer: Getroffen hat es ihn meistens bei Menschen, bei denen er es nicht erwartet hatte. Aber über private Dinge haben wir nie gesprochen. Es ging immer um die Sache.

Gab es bei Wolfgang Wagner irgendwann mal Überlegungen, in Bayreuth alles hinzuschmeißen und als Regisseur durch die Welt zu reisen?

Bauer: Ganz im Gegenteil. Das hat ihn herausgefordert zu sagen: Wir bringen euch soweit, dass ihr das kapiert, was wir machen. Das war für ihn eine Herausforderung. Ausgewichen wäre der nie.

1951 wurde eine klare Aufgabentrennung zwischen Wolfgang Wagner und seinem Bruder Wieland verabredet. War das für Wolfgang so in Ordnung?

Bauer: Absolut. Sie hatten von Anfang an klar gesagt, Wolfgang macht das Wirtschaftliche und Wieland nur die Aufführungen. Wieland hatte gesagt, dass ihn die finanziellen und organisatorischen Dinge nicht interessieren. Worauf Wolfgang gesagt hat: Dann mache ich das.

Was war der künstlerische Höhepunkt in der Zeit von Wolfgang Wagner?

Bauer: Für mich war es seine letzte Inszenierung der „Meistersinger“ zusammen mit Daniel Barenboim, die so schlecht angesehen wurde von der informierten Presse. Barenboim hatte ja viel in Ostberlin gearbeitet und gesagt, die Leute müssen das Gefühl haben, dass das zwei Staaten waren, die jetzt zusammenkommen. Er hat sich jeden Tag mit dieser Konfrontation Ost-West auseinandergesetzt. Er sagte, es müsse die Möglichkeit einer übergeordneten Institution geben, die man in den „Meistersingern“ bringen kann. Dann haben sie diese Weltkugel gezeigt. Es wurde so inszeniert, als gebe es die Möglichkeit des friedlichen Zusammenlebens im Zeichen der Kunst. Das wurde damals schnippisch bewertet. Aber Barenboim hat immer gesagt: Das ist die Realität, die ich jeden Tag in Berlin erlebe. Wir haben die Aufgabe, diese zwei Länder wieder zusammenzuführen. Und zwar im Zeichen der Kunst.

Was hat es mit der Limmersdorfer Tanzlinde auf sich?

Bauer: Sie war das Vorbild in seiner ersten „Meistersinger“-Inszenierung. Er wollte das Stück in Franken lokalisieren. Wir sind damals in verschiedene Dorfkirchen gefahren, wo er Zeichnungen oder Fotos gemacht hat, weil er im ersten Akt eine fränkische Kirche haben wollte. Er hat auch immer gesagt: Diese Tanzlinde ist so etwas typisch Fränkisches, das machen wir zum Schluss. Zu diesem dezidiert fränkischen Background hat er sich in oberfränkischen Dorfkirchen inspirieren lassen. Das war eine schöne Fahrt.

Wolfgang Wagners größtes Verdienst?

Bauer: Dass er so gewesen ist.

 

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