Osterfestspiele Salzburg "Meistersinger" -Abend voller Klangwunder

Georg Zeppenfeld als Hans Sachs in den "Meistersingern". Foto: Monika Rittershaus

SALZBURG. Bayreuth kann aufatmen. Barrie Koskys „Meistersinger“-Inszenierung, die seit 2017 bei den Festspielen zu sehen ist, verteidigt in der imaginären Tabelle der aktuellen Produktionen dieses Stücks unangefochten ihren Spitzenplatz. Daran kann auch die Inszenierung von Jens-Daniel Herzog, die am Samstag ihre die Osterfestspiele in Salzburg eröffnende Premiere hatte, nichts ändern.

Auch wenn sich Dirigent Christian Thielemann bei der Programmpressekonferenz am Tag danach dankbar dafür zeigte, dass „die Regie auf jegliche Belehrungen verzichtet hat“ – packendes Musiktheater sieht anders aus. Dass das Regieteam, als es vor den Vorhang trat, so gut wie keine Bravos und so gut wie keine Buhs erhielt, sagt viel über die Nachhaltigkeit der szenischen Wirkung aus.

Fraglos ist das schön anzusehen: ein Proszenium im Stil der prachtvollen Dresdner Semperoper, dahinter eine Bühne auf der Bühne, auf der sich das Stück, verschränkt mit Situationen, die das Leben in einem Opernhaus zeigen, abspielt. Der Produktion ist deutlich anzumerken, dass auf ihr nicht der Druck lastete, das Inszenierungsrad neu erfinden zu müssen.

Die Wunderharfe

Vermutlich war ein Großteil der Besucher aber auch aus einem ganz anderen Grund nach Salzburg gefahren. Denn die musikalische Leitung der „Meistersinger“ lag in den Händen von Christian Thielemann. Im Graben musizierte die Staatskapelle Dresden, also das Orchester, das Richard Wagner einst als Wunderharfe bezeichnet hatte.

So blieb es nicht aus, dass die Premiere zu einer vor allem an Klangwundern überreichen Aufführung wurde. Es war kein Stahlbad in C-Dur, in das die Zuhörer eintauchen mussten. Vielmehr wurde man über weite Strecken von gleichsam nach Flieder duftenden Orchesterklängen infiltriert – farbenreich-schimmernd und zelebriert in einer Pianokultur, wie man sie in Aufführungen von Wagner-Opern selten erlebt.

Die Dresdner Staatskapelle unterlegte die Szene mit einem samtweichen Klangbild, das die Sänger zu Höchstleistungen inspirierte. Klaus Florian Vogt etwa, der seit mehr als einem Jahrzehnt in der Rolle des Walther von Stolzing reüssiert, ließ an diesem Abend seinen Tenor mehr denn je erblühen: „Es schwillt und schallt, es tönt der Wald von holder Stimmen Gemenge.“ Und das eben nicht erdrückend schwer, sondern federleicht daherschwebend. Es wurde an diesem Abend klangschön musiziert, mit tief empfundener Intensität und zugleich mit einer lichten Durchhörbarkeit, die ihresgleichen sucht. Auch in der Prügelfuge konnte man im Orchester Stimmen hören, die üblicherweise im kontrapunktischen Gewusel untergehen.

Georg Zeppenfeld debütiert als Hans Sachs

Ganz nebenbei wurde im Salzburger Festspielhaus ein neuer Hans Sachs geboren. Georg Zeppenfeld, der seit 2010 auch zu den herausragenden Sängern der Bayreuther Festspiele zählt, gab sein Debüt in der Rolle des Schusters. Dabei ging er die Partie völlig anders an als sein Bayreuther Meister-Kollege Michael Volle. Weniger expressiv, weniger sich szenisch verausgabend, dafür kantabel, mit vollendeter Legatokultur und subtil gestaltend wie ein Liedsänger. Erstklassig besetzt waren auch die Partien von Sixtus Beckmesser (Adrian Eröd), Veit Pogner (Vitalij Kowaljow), David (Sebastian Kohlhepp), Eva (Jacquelyn Wagner) und Magdalene (Christa Mayer).

Geradezu überirdisch gesungen wurde an einer Stelle, die in den meisten „Meistersinger“-Aufführungen versemmelt wird: im Quintett, bevor’s zur Festwiese geht. Es war vielleicht das größte aller Klangwunder an diesem Abend im Salzburger Festspielhaus, als die fünf großen Wagnerstimmen in höchstmöglicher Homogenität allmählich zu einem glutvoll leuchtenden Klangstern verschmolzen. Das Geheimnis liegt in der Pianokultur, die Christian Thielemann seinen Sängern und den Orchestermusikern – nicht nur an dieser Stelle – abverlangte. Was nur möglich war, da in dieser „Meistersinger“-Produktion tatsächlich Sängermeister am Werk waren.


Info: Nächste Aufführung bei den Salzburger Osterfestspielen ist am Montag, 22. April. Ab Januar 2020 ist die Inszenierung von Jens-Daniel Herzog an der Semperoper Dresden zu sehen.

 

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