Opernhaus Festkonzert: Wagners Pilgerfahrt zu Beethoven

Ein denkwürdiges Ereignis: Die Aufführung von Ludwig van Beethovens neunter Sinfonie mit den Thüringer Symphonikern Saalfeld-Rudolstadt und dem Kammerchor der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar im Markgräflichen Opernhaus. Foto: Andreas Harbach

Am Ende gab’s Blumen und viel Beifall. Bayreuth feierte mit einer Aufführung von Beethovens neunter Sinfonie die Grundsteinlegung fürs Festspielhaus. Und sich selbst.

Soll ein Konzert besonders staatstragend daherkommen, hilft nur eins: Beethovens neunte Sinfonie. Das galt anlässlich der deutschen Wiedervereinigung, als Leonard Bernstein das Stück mit dem Finalsatz „Freude schöner Götterfunken“ im Osten wie im Westen Berlins dirigierte. Das galt 2017 beim G20-Gipel in Hamburg, als Donald Trump und Wladimir Putin unter den Zuhörern saßen.

Und es gilt ganz besonders auch in Bayreuth. Beethovens Neunte kann als die Bayreuther Schicksalssinfonie gelten, die sogar ohne größere Bedenken seitens der Gralshüter unter den Wagnerianer im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel gespielt werden darf, obwohl das Haus eigentlich ausschließlich den Werken Richard Wagners vorbehalten ist.

Vergangenen Sonntag war es wieder soweit. Nicht im Festspielhaus, sondern im Markgräflichen Opernhaus in der Stadt. Und das aus gutem Grund. Für den ein oder anderen Bayreuther dürfte mit dem Konzert der Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt und dem Kammerchor der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar ein Traum in Erfüllung gegangen sein. In der Aufführung, in der an die Grundsteinlegung des Festspielhauses erinnert wurde, ging es gewissermaßen um nicht weniger als die DNA der Kulturstadt Bayreuth.

Pilgerfahrt zu Beethoven

Es war der 22. Mai 1872, an dem dieses die Stadt bis heute prägende Ereignis vollzogen wurde. Am Nachmittag jenes denkwürdigen Tages, der auch der 59. Geburtstag Richard Wagners war, dirigierte der Komponist im Opernhaus eine Aufführung von Beethovens Neunter.

Für Wagner hatte dieses Stück eine besondere Bedeutung, weil sich im Finale das Instrumentale wieder mit der menschlichen Stimme vereint. Auf dem Weg zum Gesamtkunstwerk stellt Beethovens Neunte für Wagner eine wichtige Wegmarke dar. In seiner Novelle „Eine Pilgerfahrt zu Beethoven“ schrieb Wagner: „Man stelle den wilden, in das Unendliche hinausschweifenden Urgefühlen, repräsentiert von den Instrumenten, die klare bestimmte Empfindung des menschlichen Herzens entgegen, repräsentiert von der Menschenstimme. Das Hinzutreten dieses zweiten Elements wird wohltuend und schlichtend auf den Kampf der Urgefühle wirken, wird ihrem Strome einen bestimmten, vereinigten Lauf geben; das menschliche Herz selbst aber wird, indem es jene Urempfindungen in sich aufnimmt, unendlich erkräftigt und erweitert, fähig sein die frühere unbestimmte Ahnung des Höchsten, zum göttlichen Bewusstsein umgewandelt, klar in sich zu fühlen.“

Ob das alle Besucher beim Konzert am Sonntag im voll besetzten Markgräflichen Opernhaus so empfunden habe, sei dahingestellt.

Rede des Oberbürgermeisters

Der staatstragende Charakter des Abends wurde jedenfalls dadurch unterstrichen, dass Bayreuths Oberbürgermeister Thomas Ebersberger eine Begrüßungsrede hielt, in der er an die Zeiten erinnerte, in denen die Stadtoberen über sich hinausgewachsen sind und dem einstmals steckbrieflich gesuchten Revolutionär Richard Wagner eine freundliche Aufnahme angedeihen ließen. Ebersberger stellte die Frage: „Wie würde sich Bayreuth heute entscheiden?“ Und betonte: „Wenn wir nichts wagen, bedeutet das Stillstand oder Rückschritt.“

Zeitübergreifende Dauerhaftigkeit

In seiner Festrede, die glücklicherweise nicht wie im Programmheft angekündigt zwischen dem dritten und vierten Satz der Sinfonie gehalten wurde, sondern vor Beginn der Aufführung, hob Museumsdirektor Sven Friedrich die „zeitübergreifende Dauerhaftigkeit“ und die Bedeutung der Bayreuther Festspiele hervor. Beethovens neunte Sinfonie habe für Wagner zeitlebens eine höhere Bedeutung besessen als jede andere Komposition. Der Finalsatz sei Ausdruck von Hoffnung und Zuversicht. Aggression und Krieg würden nicht das letzte Wort behalten.

Mehr Schärfe nötig

Den Thüringer Symphonikern, dem Chor aus Weimar und den Solisten Zinzi Frohwein, Nadine Weissmann, Michael Gniffke und Uwe Schenker-Primus gelang unter der Leitung von Oliver Weder eine würdige Aufführung zu diesem Festtag im Markgräflichen Opernhaus. Der zweite Satz schnurrte mit rhythmischer Präzision ab, das Adagio molto e cantabile war von großer Ruhe geprägt. Bisweilen hätte man sich aber etwas mehr Schärfe gewünscht, so kam die eröffnende Fanfare des vierten Satzes eher gut-bürgerlich als revolutionär-aufrüttelnd daher.

Am Ende gab’s Blumen für die Musiker. Wären diese jeweils ohne das die gesamte Blütenpracht verhüllende Papier überreicht worden – alles wäre noch viel, viel festlicher gewesen.

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