Olaf Scholz in Hof Im Galopp durchs Wahlprogramm

650 Besucher verfolgten den Auftritt von Olaf Scholz in Hof. Es war die einzige Hallen-Veranstaltung auf seiner Wahlkampftour. Foto: /Thomas Neumann

Olaf Scholz spricht in der Freiheitshalle in Hof. Es ist die vierte und letzte Station eines langen Wahlkampf-Samstags für den SPD-Kanzlerkandidaten.

Hof - In den Umfragen zur Bundestagswahl liegt er weiterhin klar vorn, die regionale SPD kündigt ihn schon euphorisch als „unseren Kanzler“ an. Doch Olaf Scholz bleibt, typisch Hanseat, vorsichtig. „Ich hab’ das Gefühl, die Umfragen könnten stimmen“, sagt der Kanzlerkandidat am Samstagabend auf der Bühne der Hofer Freiheitshalle. Und dann lässt er, der sonst kaum Emotionen zeigt, zumindest einen kleinen Einblick in sein Innenleben zu: „Es ist sehr berührend, zu sehen, dass so viele sich vorstellen können, dass ich der nächste Kanzler bin.“

So endet seine 30-minütige Stegreifrede, die der 63-Jährige so oder ähnlich wohl schon dreimal zuvor gehalten hat. Die Stationen München, Regensburg und Weiden hat schon hinter sich. Nun noch Hof – für die Oberfranken-SPD um Bezirkschef Jörg Nürnberger ein absolutes Highlight und Adrenalin pur für alle Beteiligten an der Scholz-Samstagabend-Show. 650 Menschen sind in die Freiheitshalle gekommen, um den Kandidaten und aktuellen Favoriten live zu hören. Bis zu 750 hätten es sein dürfen – mehr lassen die Corona-Regeln nicht zu.

In Hof entschied sich das Scholz-Team für eine Premiere: Wahlkampf in einer Halle – das ist 2021 die absolute Ausnahme. Und so spricht Scholz in Hof das einzige Mal indoor zu seinen Anhängern und mit den Bürgern. Eine gute Wahl, wie sich im Laufe des Abends herausstellt: Hätte die Kundgebung auf dem Volksfestplatz neben der Halle stattgefunden, hätte ein Meer von Regenschirmen die Bilder bestimmt. Wahlkampf-Fotos im Trockenen wirken einfach besser, und in der Freiheitshalle ist alles angerichtet dafür.

Im Galopp geht es durch das Wahlprogramm der SPD. Scholz beginnt mit dem Nachwuchs: „In einem so reichen Land wie Deutschland darf es nicht dabei bleiben, dass Kinder in Armut aufwachsen.“ Dazu gelte es, Kindergeld und Grundsicherung neu zu organisieren. Aber auch die Rente nennt er „vor allem ein Thema für junge Leute“. Die heute 17-Jährigen, die jedes Jahr ihre Beiträge zahlen, bräuchten verlässliche Aussagen. Und die wolle er geben: das Renteneintrittsalter nicht weiter hinaufsetzen und ein stabiles Rentenniveau schaffen. Dazu gehört für ihn noch mehr: „Wir müssen für eine gute Beschäftigungslage in Deutschland sorgen.“ Dies gilt auch für Frauen, die berufstätig sind – und für 55-Jährige, die ihren Job verlieren.

Da ist der ehemalige Arbeitsminister bei einem seiner Lieblingsthemen. Ihn treibe die „Sorge um den Wirtschafts-Standort Deutschland“ um. Es gehe darum, dass „wir auch in zehn, 20 Jahren noch gute Arbeitsplätze haben“. Dafür müsse man jetzt in Forschung und Entwicklung investieren.

Ebenso fordert er mehr Respekt in der Gesellschaft. Das bedeutet für ihn: „Anerkennung für alle Berufe“. Ein kurzer Einblick in seine Vita: „Ich bin ja in einer großen Stadt aufgewachsen, war Rechtsanwalt, mir ging’s super.“ Darüber dürfe man aber nie die Leistung des Handwerkers vergessen. Für eine bessere, gerechtere Bezahlung wolle er sich einsetzen. Mindestlohn, Tarifverträge – die Schlagworte fallen nahezu automatisch.

Es dauert relativ lange, bis Scholz auf das Thema zu sprechen kommt, das diesen Wahlkampf zu bestimmen scheint. Das Thema, bei dem die Unterschiede zwischen ihm und Armin Laschet (CDU) und Annalena Baerbock (Grüne) wohl am deutlichsten werden: „Wir müssen den von Menschen gemachten Klimawandel aufhalten.“ Das will der SPD-Kandidat mit dem Ausbau erneuerbarer Energien schaffen. „2045 wollen wir klimaneutral wirtschaften.“ Und er fügt hinzu: „25 Jahre, das ist eine verdammt kurze Zeit.“ Immerhin habe Deutschland 200 Jahre auf Kohle, Gas und Öl gesetzt. „Mein Versprechen lautet: Wir packen das sofort an!“

An dieser Stelle plaudert Scholz etwas aus dem Regierungs-Nähkästchen. Die Industrie sei bereit für Strom aus erneuerbaren Energiequellen. Dazu müssen man diesen Strom aber produzieren. „Der Altmaier“ sei im Sommer in einer Pressekonferenz gesessen und habe sich schließlich doch dazu durchgerungen, dass es mehr erneuerbare Stromproduktion brauche. Scholz schließt daraus: „Leuten, die die wichtigste Herausforderung nicht begriffen haben, darf man nicht die nächste Regierung anvertrauen.“ Erstmals unterbricht tosender Beifall seine Rede. Ein bisschen Attacke wollen die Anhänger schon gerne hören.

„Zukunftsgespräche“ nennt sich die Wahlkampftour des SPD-Kanzlerkandidaten. Deshalb sieht die Regie Fragen aus dem Publikum vor. Ein 15-Jähriger beschäftigt sich schon jetzt mit dem Bafög, verweist auf „ewig lange Anträge“ und kurze Rückzahlungsfristen. Scholz gibt ihm recht: „Die Ausbildungsförderung muss besser werden.“ Mehr Jugendliche müssten die Möglichkeit erhalten, an diese Förderung zu kommen. Ein anderer Fragesteller fordert Scholz auf, er solle doch Laschet einmal sagen, dass dieser eine Koalition mit der AfD ausschließen solle. „Wir kämpfen gegeneinander“, sagt Scholz zunächst, „aber man muss auch so fair sein: Das hat er ausgeschlossen.“ Eine Zusammenarbeit mit der AfD schließt Scholz ebenfalls aus – zur Linken sagt er an diesem Abend nichts.

Eine Stunde steht Scholz auf der Bühne, wirkt ruhig und konzentriert. Danach sucht er zwar coronabedingt nicht das Bad in der Menge, steht aber für Fotos zur Verfügung. Weiter geht’s nach Nürnberg. Der nächste Auftritt am Sonntagmorgen.

 

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