Oberfrankens Zukunft Verliert die Region ihr Gesicht?

Der Bürgerdialog der Staatsregierung in Wunsiedel hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl: Einerseits hat Oberfranken, hat das Fichtelgebirge unheimlich viel zu bieten. Andererseits verschleudern viele Orte ihr Potenzial.

Mit Innenstädten wie in Selb (linkes Bild) hat die Region ein Kapital. Leerstände wie in Arzberg (Mitte) und immer weitere Neubaugebiete an der Peripherie setzen den Zentren zu. Foto: /Florian Miedl

Als Bezirksheimatpfleger Günter Dippold kürzlich durch irgendein Dorf im westlichen Oberfranken wanderte, schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf: Wer mit Sinn für Geschmack soll hier herziehen? Der Ort war, wie er berichtete, durchsetzt mit „architektonischen Scheußlichkeiten der 70er- bis 10er-Jahre“. Ein Beispiel, das in ähnlicher Art auch auf das Fichtelgebirge oder den Frankenwald zutreffen könnte.

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Dippold , Honorarprofessor an der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften der Universität Bamberg, legt beim Zukunftsdialog am Montagabend in Wunsiedel immer wieder den Finger in die Wunde. Bei der Veranstaltung, die das Landwirtschafts- sowie das Heimat- und Finanzministerium ins Leben gerufen haben, geht es diesmal um Oberfranken. Die Staatsregierung will mit diesem Format in allen Regierungsbezirken die Bürger zu Wort kommen lassen.

Viel Heimatgefühl

Wichtig ist den Ministerien zunächst das Wohlige. Und so zeigt der den Abend einleitende Trailer ein Bayern aus dem Bilderbuch. Weinberge, romantische Landschaften aus Oberbayern, bierseliges Oberfranken, musikalisches Schwaben. Heimat ist in erster Linie ein Gefühl, das wird im Laufe der drei Stunden immer wieder deutlich. Heimat ist da, wo man mit dem Herzen daheim ist – und das kann auch in einem architektonisch scheußlichen Siedlungshaus an einem x-beliebigen Ortsrand sein.

Bürger ohne politischen Hintergrund sind beim Bürgerforum eindeutig in der Minderzahl. Vor allem Kommunalpolitiker sitzen in der Fichtelgebirgshalle. Die Gastgeber, Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber und Finanz- und Heimatminister Albert Füracker, haben die schwierige Aufgabe, einerseits Oberfranken zu hofieren (Michaela Kaniber: „Der ländliche Raum ist ein Alleskönner“), andererseits die Probleme zu benennen. Und die gibt es , auch wenn die Lage in der Region zwischen Forchheim und Schirnding heute um Welten besser ist als noch vor 20, 30 Jahren.

Meister im Kleinreden

Kletterte seinerzeit die Arbeitslosigkeit in die Höhe, diskutieren Vertreter aus Wirtschaft und Politik heute, wie sich der Fachkräftemangel lösen lässt. Im Wesentlichen sind es die Themen, die schon seit Jahren auf der Agenda aller an der Region Interessierten stehen, die den Abend beherrschen: Ärztemangel, demografischer Wandel, teilweise furchtbar schlechter öffentlicher Nahverkehr, lahmes Internet und immer wieder das mangelnde Selbstbewusstsein. Zuweilen hat es den Anschein, der Oberfranke sei der FC Bayern, wenn es ums Kleinreden seiner Heimat geht. Imagekampagne um Imagekampagne versuchen seit Jahren, das Selbstwertgefühl der Bewohner und das Ansehen der Region zu stärken. Und dennoch zitiert Bezirksheimatpfleger Dippold eine Allensbach-Umfrage mit befremdlichem Ergebnis: So waren weit über die Hälfte der Münchner sowie der „Restbayern“ noch nie in Oberfranken. Oder: Trotz einzigartiger Biervielfalt wird Oberfranken vom Rest Bayerns nicht als Bierland wahrgenommen. Auch den Oberfranken selbst ist Oberfranken wahrscheinlich zu abstrakt, vermutet zumindest Dippold. Er fragt sich, wie viele Forchheimer noch nie auf der Kösseine standen? „Und wie viele Marktredwitzer waren noch nie auf dem Coburger Schlossplatz?“

Dippold will mit seinen Aussagen nicht jammern. Im Gegenteil, ihm ist der Jammerfranke zuwider. Er will die Oberfranken auffordern, ihre Heimat auch mal neu zu sehen, als Raum mit einer wahnsinnigen Vielzahl zum Beispiel an sogenannten Hidden Champions, wobei er sich fragt, warum die Champions noch immer hidden, also verborgen sind. „Wer die Region als peripheren Raum abtut, wie einst der vom ehemaligen Ministerpräsidenten ins Leben gerufene Zukunftsrat, der verkennt, dass Oberfranken inmitten bedeutender Städte wie Frankfurt, München, Berlin, Nürnberg oder Prag liegt.“

Der Oberfrankenexperte attestiert den Menschen, seit alters her findige Geister zu sein, wenn es den Wandel zu gestalten gilt. „Die Porzellan- und die chemische Industrie kamen nicht in den höfischen Zentren zur Blüte, sondern hier in unseren Dörfern und Städten. Die Wirtschaft hat sich vom Bergbau über die aus heutiger Perspektive Altindustrie bis zu den modernen High-Tech-Unternehmen entwickelt. So gesehen hatten wir hier schon vor 200 Jahren einen Freiraum für Macher.“

Engagierte Oberfranken

Ebenfalls einen positiven Akzent setzt Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber. Sie sieht im ländlichen Raum „wahnsinnig viele engagierte Menschen, die ihre Zukunft gestalten“. „Ich denke hier nur an die Dorfläden oder Dorfgemeinschaftshäuser und neuerdings wiederbelebte Wirtshäuser.“

Nicht verhehlen will Finanzminister Albert Füracker, dass der Freistaat mit hohen finanziellen Zuwendungen geholfen habe, Oberfranken voranzubringen. „Natürlich wollen die heimischen Abgeordneten, allen voran Martin Schöffel, immer weitere Förderungen. Aber inzwischen sind wir auch auf der Suche nach einem Plan, wie es jenseits des Geldes weitergehen kann. Hier geht es um neue Ideen.“

„Des alte Glump“

Der an diesem Abend in der Rolle des ewigen Mahners sprechende Günter Dippold sieht Oberfranken auf einem guten Weg, wenn es um Wirtschaft und Technik geht. Ein Defizit attestiert er den Oberfranken, wenn es um das Bewusstsein für die Wertigkeit zum Beispiel historischer Bausubstanz oder das Kulturelle geht. „Noch immer heißt es vor allem im ländlichen Raum ,schiebt es weg, des alte Glump’. Irgendwann verliert die Region so ihr Gesicht.“

Einem Besucher aus dem Raum Coburg geht es um Grundsätzliches, den Flächenverbrauch. „Es passt nicht, wenn in Innenorten der Discounter nach vier Jahren schließt und am Ortsrand neu baut. So bluten die Zentren aus. Ebenso kann es nicht sein, dass Industrieruinen ungenutzt bleiben und an der Peripherie immer neue Baugebiete wachsen.“

Ein Plädoyer ganz nach dem Geschmack des Wunsiedler Landrats Peter Berek. „Wir führen mit allen Städten und Gemeinden ein Flächenmanagement ein. Zur Wahrheit gehört aber, dass wir kleine Städte mit viel innerörtlicher Struktur haben.“ In diesen Orten gebe es Sanierungsbedarf, wofür mancherorts das Geld fehle. Regierungspräsidentin Heidrun Piwernetz bläst ins selbe Horn: „Oberfranken arbeitet daran, sein Gesicht zu erhalten. Leider können wir nicht jedes Gebäude erhalten, das es wert wäre, aber immerhin die identitätsstiftenden.

Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber und Heimatminister Albert Füracker zeigen sich offen für alle Ideen. „Und wenn ein Ort auf Tiny-Häuser setzt, um den Flächenverbrauch zu reduzieren, ist der Freistaat der Letzte, der das verbietet.“

Frei nach Gorbatschow

Doch was hat der Abend eigentlich gebracht? Die Erkenntnis, dass Oberfranken zwar insgesamt ländlich, aber eben auch enorm vielfältig und modern ist. Dass es sich in der Region gut leben lässt, es aber noch zu häufig an Bewusstsein für die kulturellen Werte der Heimat fehlt, zu denen auch historische oder altehrwürdige Gebäude gehören. Und dass die Oberfranken findig und ideenreich sind, aber ihre Leistungen als eher klein einschätzen. In Anlehnung an Michail Gorbatschow könnte man sagen: „Wer zu klein denkt, den bestrafen die anderen – mit Nichtbeachtung.“

An einem den Zukunftsdialog begleitenden Onlineforum haben sich rund 5000 Bürger beteiligt und Anregungen geäußert. Zusammen mit den Beiträgen der Präsenzveranstaltungen fließen diese in die Heimatstrategie der Staatsregierung ein. Davon erhoffen sich insbesondere die Oberfranken viel.