Heilbronn/Erfurt - Es ist zugig und kühl am Dienstag auf der Heilbronner Theresienwiese. Der Anlass für die dortige Gedenkfeier lässt die rund 200 Menschen in gedeckter Kleidung zusätzlich frösteln: Vor genau zehn Jahren wurde die junge Polizistin Michèle Kiesewetter hier während ihrer Mittagspause erschossen - aus nächster Nähe von den Mitgliedern des «Nationalsozialistischen Untergrunds» (NSU), Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Sie stammte aus Thüringen.

Genau wie damals werden in der Nähe des Tatorts die Fahrgeschäfte für das Heilbronner Maifest aufgebaut. Zum Feiern ist den Angehörigen der zehn NSU-Opfer, die sich regelmäßig zu Gedenkfeiern an den Tatorten treffen, allerdings überhaupt nicht zumute.

Sie versammeln sich vor Kränzen mit Gerbera und Rosen und einem Gedenkstein für alle NSU-Opfer. Die ehemalige Polizeipfarrerin Eva-Maria Agster erinnert an die die Ohnmacht, den unbändigen Schmerz und die Wut, die alle Familien empfanden, als sie von der Ermordung ihrer Lieben erfuhren. «Ganz tief ist dieser Schrecken mit unglaublicher Macht schlagartig ins Leben hereingebrochen.»

«Das ist eigentlich nicht auszuhalten»

Alle Betroffenen hätten einen einzigartigen Menschen verloren und sich immer wieder dieselbe Frage gestellt: «Wer tut so etwas und aus welchem Grund?» Doch die Hoffnung, dass diese Frage nach dem Auffliegen der rechtsextremen Terrorzelle Ende 2011 beantwortet werde, habe sich nicht erfüllt. Vielmehr sei über die Angehörigen eine Flut neuer Fragen und Ungereimtheiten hereingebrochen, die womöglich nie geklärt werden könnten. Agster: «Das ist eigentlich nicht auszuhalten.»

Das gilt auch für die Ermittler in diesem Fall. Der ehemalige Heilbronner Kripo-Chef Volker Rittenauer erinnert sich, wie er am 25. April 2007, einem sehr warmen Tag, an den Tatort kam und neben dem Streifenfahrzeug die blutüberströmte Kollegin liegen sah. «Das geht sehr an die Emotion, das lässt einen nie los.» Er habe selbst versucht, die schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten. Aber die Bilder der toten jungen Frau mit den langen dunklen Haaren und ihres schwer verletzten Streifenkollegen werde er nie vergessen. Auch er hofft auf letzte Antworten in dem Fall.

Die Ermittler im Land und im Bund mussten sich immer wieder Fehler und Schlampigkeiten bei der Aufklärung der NSU-Verbrechen vorwerfen lassen. Zu Recht, wie die Ombudsfrau der Bundesregierung für die NSU-Opfer, Barbara John, meint. Vor allem kritisiert sie, dass die Fahnder auch die Familien der Ermordeten selbst in kriminelle Machenschaften verwickelt wähnten. «Dass weder Polizei noch Verfassungsschutz noch Staatsanwaltschaften zu einer Korrektur ihrer Täterfantasien bereit waren, lässt sich nur mit bodenloser Voreingenommenheit und unprofessionellem Vorgehen erklären», sagt John. Sie schlägt deshalb vor, dass in jedem Bundesland eine unabhängige Beschwerdestelle eingerichtet wird, bei der sich von Behördenwillkür Betroffene melden können.

John, die die Familien während der Treffen unterstützt, will den Angehörigen auch eine Plattform verschaffen. Wie in anderen europäischen Ländern auch müsse es in Deutschland einen Verein für die Opfer rechts- und linkextremistischer Terroranschläge geben. «Die Terroristen werden ausgeleuchtet, die Hinterbliebenen müssen eine Stimme in der Öffentlichkeit erhalten.»

Für Theologin Agster muss das Aufklärungsinteresse der Angehörigen auch 17 Jahre nach dem ersten NSU-Mord am türkischen Blumenhändler Enver Simsek in Nürnberg ernst genommen werden. «Die Fragen dürfen nicht in der Schublade der Geschichtsschreibung verschlossen werden.»