Neue Sonderausstellung in Wunsiedel So isst das Fichtelgebirge

Kerstin Starke

Nach einer langen Durststrecke gibt es im Fichtelgebirgsmuseum in Wunsiedel endlich wieder eine Sonderausstellung. Sie befasst sich mit der Tafelkultur in der Region und, wie sie sich im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. Die Exponate stammen allesamt aus den Sammlungen des Hauses, wodurch die Schau authentischer nicht sein könnte. Die Präsentation im ehemaligen Hospital besticht durch gelungene stilvoll inszenierte Szenerien, durch die sich der Besucher leicht in frühere Zeiten versetzen kann.

Geschichten rund um Essen und Trinken“, wie es im Untertitel der neuen Sonderausstellung heißt, erzählt seit Donnerstag das Fichtelgebirgsmuseum. Der erste Teil ist jetzt in Wunsiedel zu sehen, der zweite Teil mit dem Titel „fichtelmarket – wir haben die Macher im Angebot“ folgt am 17. Juni im Gerätemuseum Arzberg-Bergnersreuth.

Eine der Besonderheiten der neuen Ausstellung ist, dass sie dem Besucher nicht allein etwas fürs Auge bietet. Nein, ganz wie es sich für eine Schau rund ums Essen und Trinken gehört, können mutige Köchinnen und Köche des 21. Jahrhunderts Rezepte aus längst vergangenen Zeiten mit nach Hause nehmen und sie am heimischen Herd nachkochen. Jean Pauls „Schnepfendreck“ ist da – dank zahlreicher Veranstaltungen – nur das bekannteste. Wer will, kann aber auch ganz feudal wie weiland am Markgrafen-Hof „Kastaniensuppe mit Rebhuhn-Coulis“ oder „Honigtauben mit Vanillekürbis“ speisen oder sein eigenes Dünnbier brauen, von dem schon die Bewohner des Wunsiedler Hospitals im 15. Jahrhundert jeder drei Krüge am Tag tranken; es besteht übrigens aus dunklem Roggenbrot, Wasser, Hefe, Zucker, Pfefferminze und Rosinen ...

So regional wie nur möglich

Bestückt ist die Ausstellung – und das ist eine weitere Besonderheit – ausschließlich mit Exponaten aus den eigenen Sammlungen. Damit ist sie auch so regional wie nur möglich. Zu sehen ist, angeordnet und attraktiv nach Epochen inszeniert, Tisch- und Trinkgeschirr unter dem Motto „Vom Bergwerk auf den Tisch“.

Denn, wie Museumsleiterin Sabine Zehentmeier-Lang beim Rundgang erläutert, nutzten die hiesigen Handwerker zunächst einmal die Bodenschätze, die sie in der Nähe vorfanden, wie Zinn, Ton und Glas aus der Waldglashütte bei Bischofsgrün. Und zwar bis ins späte 19. Jahrhundert; erst später, mit der Industrialisierung, kam Porzellan dazu. Was das „weiße Gold“ angeht, so ist die Museumschefin besonders stolz auf eine originale, von Carolus Magnus Hutschenreuther bemalte und signierte Tasse mit Untertasse.

Zweizinkige Gabeln und Ochsenkopfgläser

Bis man jedoch zu diesem Kleinod kommt, erlebt man zunächst die Tafelkultur des Mittelalters (spätes 13. Jahrhundert) in Form von detailreich verzierten Krügen, Tellern und Schalen, aber auch Besteck wie – zweizinkige – Gabeln aus Zinn. Beliebt waren später dann Prunkglasgefäße, die sogenannten Ochsenkopfgläser. Die Bezeichnung ist Programm, denn die Humpen, Becher oder Pokale aus Bischofsgrüner Glas sind bemalt mit einem Berg, von dem vier Flüsse entspringen und der durch eine felsige Kuppe mit einem Ochsenkopf gekrönt ist.

Schwerpunkt in diesem ersten Ausstellungsbereich ist die Epoche des Barock. Typisch für jene Zeit auf den Tischen im Fichtelgebirge waren zum Beispiel Keramik-Krüge wie der Apostelkrug aus Creußener Steinzeug in der Ausstellung; ein Material, das im 18. Jahrhundert heißt begehrt war, wie Sabine Zehentmeier-Lang erzählt. Und da, wer etwas auf sich hielt wie der Adel auch schönes weißes Geschirr auf dem Tisch stehen haben wollte, waren Fayencen groß in Mode; das heißt also Teller, Tassen, Kannen oder Platten aus weißglasiertem Ton, mit denen man das unerschwingliche Porzellan aus China imitierte. Allerdings wurden Fayencen auch am Markgrafen-Hof sehr geschätzt.

Wild und Fisch

Ebenfalls beliebt auf den Tafeln der Barockzeit waren Wild und Fisch. Die Ausstellung widmet diesem Bereich einen eigenen Raum und fasst das Thema Essen und Trinken etwas weiter, indem sie auch Jagdwaffen zeigt. Denn der Markgraf war ein passionierter Jäger und liebte es besonders, im Revier beim Kaiserhammer auf die Pirsch zu gehen. Bereichert wurde die Jagd-Tafel durch Fische aus dem künstlich angelegten Weißen­städter Fischweiher.

Was diese Ausstellung so besonders erlebenswert macht, ist, dass nicht nur Teller, Krüge und mehr in Vitrinen gezeigt werden. Das ist zwar auch der Fall, aber besonders anschaulich wird die Tafelkultur der Vergangenheit im Fichtelgebirge, wenn sie inszeniert wird. Also, wenn die Geschirre mit all ihren Teilen so präsentiert werden, als hätte – im Biedermeier – die Frau des Hauses oder später – in der Gründerzeit – das Dienstmädchen gerade noch die letzte Tasse zurechtgerückt oder die Kuchen auf der riesigen Etagère arrangiert. Stilvoll ergänzt werden die Ensembles von Möbeln und Bildern aus der jeweiligen Epoche.

Jean Paul und die Hungerjahre

Einen Blick in dunklere Zeiten kann man in dem Raum werfen, der von drei Porträts des Wunsiedler Genies Jean Paul bestimmt wird. In seiner Zeit (1763 bis 1825), dem Klassizismus beziehungsweise der Romantik, ging es phasenweise wenig rosig zu. Jean Paul selbst erlebte gleich zwei Hungersnöte. In jenen Hungerjahren, auch das verschweigt die Ausstellung nicht, wurde Brot aus Rinden und Flechten gebacken, und Brötchen – so es sie überhaupt gab – maßen gerade mal drei Zentimeter im Durchmesser. Damals richteten drei mildtätige Männer im Wunsiedler Spital eine Suppenküche ein, damit die hungernde Bevölkerung wenigsten einmal am Tag etwas Warmes zu essen bekam.

Abgesehen von dieser Zeit der Not erfuhr die Tafelkultur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Wandel: Mit dem Biedermeier, als die Menschen sich auf ihr Heim besannen und das Wort „Gemütlichkeit“ Bedeutung bekam, entdeckten sie ihre Vorliebe für Kaffeekränzchen. Die Ausstellung trägt dem Rechnung unter anderem mit verschiedenen Pastetenformen, in denen man damals Mahlzeiten buk, die sich etwas länger hielten. Und noch eine bis heute wichtige Erfindung brach sich damals Bahn: der Guglhupf.

Porzellan statt Zinn, Steinzeug und Fayencen

Mit der Industrialisierung schließlich kam das Bürgertum zu Wohlstand, und statt Zinn, Steinzeug und Fayencen zierte nun feines Porzellangeschirr die Sonntagnachmittags-Kaffeetafel im Fichtelgebirge. Die Ausstellungsmacher unterstreichen das mit einer besonders gelungenen Inszenierung eines Esszimmers, in der auch ein damals hochmodernes repräsentatives Büffett nicht fehlen durfte.

Die Sonderausstellung „So isst das Fichtelgebirge“ ist eine gelungene Zeitreise durch etwa 750 Jahre Tafelkultur. Ergänzt wird die Schau in den kommenden Wochen und Monaten durch eine Vielzahl von Veranstaltungen – Vorträgen, Konzerten und Kursen –, die das Thema vertiefen und weitere Aspekte von Essen und Trinken im Fichtelgebirge zum Inhalt haben. Im Juni dann führt der zweite Teil der Sonderausstellung die Besucher in Bergnersreuth in die Esskultur der Gegenwart und Zukunft.

Die Ausstellung
„So isst das Fichtelgebirge – Geschichten rund um Essen und Trinken“ zu sehen bis 20. November 2022. Das Fichtelgebirgsmuseum ist geöffnet jeweils dienstags bis sonntags und feiertags von 10 bis 17 Uhr. www.fichtelgebirgsmuseum.de.
 

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