Neue Kurier Serie: "Die ackern - Landwirtschaft" "Das ärgert mich!" - Landwirte im Gespräch

Von Christina Knorz und Joachim Braun

Düstere Ställe, gefesselte Tiere, Misthaufen und Dreck überall – welches Bild haben wir von der Landwirtschaft - und wie ist es wirklich? Zum Auftakt der neuen Kurier-Serie: Ein Gespräch mit fünf Landwirten über das Gefühl der Verbundenheit mit Grund und Boden, über schwierige Investitionen und erste Dates.

 Foto: red

Warum ist Landwirt der schönste Beruf, den es gibt?
Martin Ponfick: Es ist schön zu sehen, wie die Saat aufgeht, wie sich die Tiere entwickeln. Es ist schön zu sehen, wenn wir in der Zucht weiterkommen und wenn wir ernten. Außerdem bin ich mein eigener Chef. Ich muss natürlich ziemlich oft da sein. Aber ich könnte nie den ganzen Tag in einem Büro sitzen.
Reinhard Sendelbeck: Es ist der schönste Platz, an dem Kinder aufwachsen können.
Karl Lappe: Der Arbeitsplatz ist Gottes freie Natur.
Rainer Zimmermann: Als Landwirt lebt man Familie. Man sieht die Kinder aufwachsen, ist als Großvater später bei den Enkelkindern mit dabei. Das Arbeiten mit der Natur ist spannend, mal hast du viel Ertrag, dann gibt es zu viel oder zu wenig Niederschlag. Mal hast du Rückschläge, dann geht es weiter.

 

"Wenn Sie für 100 Kühe einen Stall bauen, kostet das 10.000 Euro pro Kuhplatz. Sie investieren eine Million Euro."
Rainer Zimmermann (49), Vorsitzender Verband für landwirtschaftliche Fachbildung, Unterölschnitz

 

 

Können Sie ihren Kindern empfehlen, Landwirt zu werden?
Zimmermann: Meine Tochter hat uns nach ihrem Abitur und einem Einser vor dem Komma mit der Ansage überrascht, dass sie in die Landwirtschaft will. Aber wir haben noch einen Sohn, der das als Ausbildungsberuf macht. Da hat sie mich gefragt, warum er denn den Betrieb einfach bekommt? Da stand ich da und hab verdutzt geschaut, weil ich ein bisschen überfordert war. Das war verrückt, dass beide das wollen. Er macht die Landwirtschaftsschule, sie studiert in Triesdorf, dann wollen sie sich das teilen.
Sendelbeck: Das freut mich. Wenn Kinder das von selbst wollen, ist das ideal. Wenn man sie nicht dazu anspornen muss. Ich bin noch nicht in der Situation, meine Kinder sind im Gymnasium und in der zweiten Klasse. Der Beruf Landwirt kann faszinieren. Es ist das Umfeld, das den Beruf negativ prägt. Politisches und Ansehen unter den Mitbürgern prägt die Entscheidung, Landwirt zu werden, mit. Mittlerweile sind Kinder soweit und sehen so klar, dass sie das selbst entscheiden können. Früher war das anders. Da sind sie reingewachsen und haben nichts anderes gesehen. Heute haben sie ein umfassendes Bild.

Wie frei war Ihre Entscheidung?
Sendelbeck: Bei mir haben die positiven Gründe überwogen. Die Entscheidung meiner Frau war letztlich entscheidend. Als sie gesagt hat, sie macht mit, haben wir den Betrieb erst so auf die Füße gestellt, wie er heute ist. Wir sind aus der Ortschaft rausgegangen, haben das Haus im Ort, den Stall draußen und fahren täglich auf die Arbeit. Wenn zwei Kinder sagen, sie machen das, dann ist das optimal. Dann hat man zwei Familien auf dem Hof, sie können ihre Partner vielleicht raushalten.

Hat es nicht auch mit Verantwortung für die Vorfahren zu tun, dass man einen Betrieb übernimmt? Wie stark ist das Bewusstsein unter den Bauern, dass sie ein Erbe verwalten?
Lappe: Sicher, das spielt eine Rolle. Meine Familie hat 1880 den Hof gekauft, ist von Gollenbach nach Schöchleins gesiedelt. Da will man schon immer ein bisschen erweitern und ausbauen. Mein Sohn hatte es vom Kindergarten an im Blick, mal zu übernehmen. Er ist jetzt im Berufsgrundschuljahr. Vor 25 Jahren, in unserer Jugendzeit, war die Stimmung gegenüber der Landwirtschaft negativer als heute. Der Beruf ist sehr vielfältig, und das begeistert auch.
Zimmermann: Die Landwirte, die weitermachen, denken darüber nicht nach. Das Problem haben die, die über das Aufgeben nachdenken. An die vielen Jahre Familientradition. 100 Jahre hat die Familie daran gearbeitet und er muss aufhören, weil der Sohn nicht mehr will.
Lappe: … der Letzte in der Reihe …
Zimmermann: Er muss den Betrieb hergeben, zerstückeln. Das ist das Problem.

Wie würde es Ihnen gehen, wenn Ihre Kinder nicht wollen?
Zimmermann: Ich hätte mit Sicherheit ein Problem damit.
Ernst Heidrich: Da spielen sich Tragödien ab.
Sendelbeck: Das Problem hätte jeder von uns. Wer das nicht hätte, ist nicht mit Herzblut dabei.

 

"Die Landwirtschaft ist schneller geworden. Heute hast Du mehr zu tun und machst es mit weniger Leuten."
Martin Ponfick (29), Vorsitzender Ring junger Landwirte, Unterölschnitz

 

Wieso fühlen Sie sich dem Erbe so stark verpflichtet?
Sendelbeck: Du hast keinen Acht-Stunden-Tag, sondern einen 24-Stunden-Tag. Du lebst mit den Tieren und dem Betrieb, baust ihn auf, erweiterst, kaufst Flächen dazu, kümmerst dich um die Tiere und investierst auch einen großen Teil deines Lebens. Weil man einfach keine normale Freizeit hat. Nicht dieselbe Freiheit, die andere haben. Deshalb identifizieren wir uns. Viele Arbeitnehmer identifizieren sich nicht mit ihrem Betrieb, heißt es in Umfragen. Das ist bei uns ganz anders und deshalb hängen wir anders drin. Angestellte arbeiten für ein Projekt, dann freuen sie sich, wenn das gut läuft, und dann kommt das nächste. Wir arbeiten über Jahre an einer Sache. Für mich wäre es ein Gefühl der Leere, wenn das Kind sagen würde, dass es das nicht übernimmt. Ist ja nicht wichtig, wie er es weiterführt. Nur, dass man es erhält. Dann räumt er halt den Stall leer und macht eine Halle und einen Maschinenbaubetrieb draus. Aber wenn die Tochter zum Studieren nach München geht und der Sohn ins Ausland, dann kommt nach dir nix mehr.
Heidrich: Mein Schwiegervater war Steinmetz und es war ihm gar nicht recht, dass ich kein Steinmetz bin. Ich denke, das ist im Handwerk mit seinen traditionellen Betrieben ähnlich. Ich finde es gut, dass man mittlerweile in der Landwirtschaft die Wahl hat, einen Betrieb zu übernehmen oder nicht. Das war Jahrhunderte lang vorgegeben. Der Sohn vom Landwirt wird wieder Landwirt. Heute kann er aufhören. Auch wenn es für die Eltern schmerzhaft ist.
Lappe: Für manche war Wald vor ein paar Jahren eine Last. Mittlerweile wollen die Leute wieder sichtbare Werte. Die Zeiten ändern sich auch alle zehn bis 20 Jahre. Es hat sicher Kollegen gegeben, die sich nicht mit der Tierhaltung anfreunden konnten, die sind in die Bioenergie gegangen. Wer mit Menschen gut kann, macht Urlaub auf den Bauernhof, andere machen Grünlandpflege. Landwirte sind Generalisten des ländlichen Raums. Da soll sich jeder sein Unternehmen zurechtschneiden, wie es ihm gefällt.

Immer mehr Menschen leiden an Unverträglichkeiten. Sie auch?
Ponfick: Ich vertrage keine Milch mehr – und das als Milchbauer.
Sendelbeck: Das ist bei unseren Kindern auch so. Das hätten wir uns nicht träumen lassen. Ich stell morgens den Liter Milch auf den Tisch, der ist noch warm und frisch aus dem Stall, und die zwei Kinder stehen auf. Die können das nicht mal mehr riechen. Das ist schon gar nicht so einfach.
Lappe: Da kann man ein Fass aufmachen. Nach veterinärmäßigen Vorgaben ist das fast eine sterile Produktion. Und andere sagen, lieber so viele Abwehrkräfte wie möglich. Da gibt es ein weites Spannungsfeld.

 

"Hinter einem erfolgreichen landwirtschaftlichen Betrieb steht eine intakte Familie."
Ernst Heidrich (61), Leiter Amt für Ernährung, Landwirtschaft/Forsten, Creez

 

 

Fühlen Sie sich akzeptiert und wertgeschätzt von der Bevölkerung?
Sendelbeck: In Umfragen heißt es immer, dass Viele landwirtschaftliche und regionale Produkte schätzen. Viele Leute verhalten sich aber beim Einkaufen anders. Wie das Miteinander im Ort läuft, hängt von den Landwirten und von den Nachbarn ab. Wie man in den Wald reinruft, so schallt es heraus. Bei uns im Ort, in Gottsfeld bei Creußen, läuft es gut. Wir sind noch ein Vollerwerbs- und einige Nebenerwerbsbetriebe. Früher gab es dort 36 Landwirte, die davon gelebt haben. Die Akzeptanz ist gut, und wir verhalten uns entsprechend. Machen einen offenen Stall, nehmen Rücksicht beim Gülleausfahren und Silieren. Da kann man natürlich auch provozieren, das wissen wir, und da argumentieren wir vom Maschinenring immer dagegen. Aber ein paar Schwarze Schafe gibt es in jedem Beruf. Die versauen dann das Bild des Landwirts. Was mich traurig stimmt, ist, dass viele Leute ein falsches Bild von Landwirtschaft haben.

Inwiefern?
Sendelbeck: Es heißt ja in der Kampagne vom Bauernverband „Kinder raus auf die Bauernhöfe“. Ich sage, wenn ich die Kinder bekomme, will ich die Eltern mit dazu haben. Die sind es oft, die gar nicht verstanden haben, was wir machen und wie es wirklich ist.

Woran liegt das?
Sendelbeck: Vielleicht an der Informationslust der Eltern, sich ein eigenes Bild zu machen. Die Kinder steigen aus dem Bus, Matschanzug von oben bis unten, und ich denke mir: Oh mein Gott, wo wollen die hin? Da mach ich mir schon Gedanken, was die von uns denken.
Heidrich: Die Wertschätzung könnte noch gesteigert werden. Ich hab drei Kinder, die das Gymnasium durchlaufen haben, und dort herrscht vielfach noch das Bild von Misthaufen, Dreck und dunklen Ställen. Da ist noch nicht angekommen, wie ein moderner landwirtschaftlicher Betrieb heute funktioniert. Was es alles braucht, um diesen Beruf gut zu machen, haben viele Jugendliche noch nicht verstanden.

Wie haben Sie das als Jüngster hier in der Runde wahrgenommen?
Ponfick: Ich bin noch mit keinem zusammengeruckt deshalb. Ich bin stolz, Landwirt zu sein, und das hab ich auch immer so gesagt. Ich hab da nichts Negatives zu spüren bekommen. Einmal musste ich mich mit jemand auseinandersetzen. Aber der war sogar selber Landwirt und kritisierte moderne Arbeitsweisen. Alles hat sich verändert. Die Landwirtschaft ist schneller geworden. Früher hattest du mehr Zeit, um dein Heu und deine Ernte einzubringen, heute hast du mehr zu tun und musst es schneller mit weniger Leuten machen.

Wie reagieren Frauen, wenn man sagt, man sei Landwirt?
Ponfick: Da gab es nie Probleme. Beim ersten Date war ich schon aufgeregt.

(Alle lachen)

Sendelbeck: Das sind andere Berufsgruppen aber auch.
Ponfick: Ich hatte eher das Gefühl, dass es sogar gut ankommt und dass sie sich dafür interessieren.
Sendelbeck: Was mich ärgert, warum gibt es eigentlich keine Fernsehsendung „Redakteur sucht Frau“?

(Alle lachen)

Sendelbeck: Totengräber sucht Frau. Warum kommt „Bauer sucht Frau“? Weil es traurigerweise immer noch ein Klischee ist: Als Bauer findest du sicher keine Frau. Oder: Wer macht das schon mit? Das kann ich nicht mehr hören. Die Betriebe, die man in der Sendung sieht, sind zu 98 Prozent keine Zukunftsbetriebe, das ist alles Show.

Redakteure finden schon eine Frau, verlieren sie dann aber wieder, weil sie nie zu Hause sind. Aber das Problem ist doch trotz der Serie real: Es ist schwierig, einen Partner zu finden, der den 80-Stunden-Job mitmacht, oder?
Sendelbeck: Teilweise stimmt das schon. Aber es gab gerade in den letzten Jahren viele Frauen, die in Betriebe einheirateten und das lief bombig. Die kommen aus anderen Berufen und können sich gut integrieren. Wir haben auch Betriebe, die von Frauen geleitet werden, und die Männer kommen aus anderen Berufen dazu.

 

"Viele Arbeitnehmer identifizieren sich nicht mit ihrem Betrieb. Das ist bei uns ganz anders."
Reinhard Sendelbeck (45), Vorsitzender Maschinenring BT-Pegnitz, Gottsfeld

 

 

Profitieren Sie da vielleicht von dem gesellschaftlichen Wunsch nach Entschleunigung, nach Heimat?
Ponfick: Das könnte schon sein. Alles dreht sich schneller, aber zu Hause auf dem Hof hat man die Dinge selbst in der Hand.
Heidrich: Es ist schon speziell, in die Landwirtschaft, in einen Familienbetrieb einzuheiraten. Nicht nur der junge Mann ist der Partner, sondern die ganze Familie muss integriert werden. Wenn man offen drüber redet, welche Erwartungen man hat, funktioniert das auch. Die Arbeit, einen solchen Betrieb mit zu leiten, kann sehr erfüllend sein, mehr vielleicht als so mancher andere Job. Von daher kann das auch eine attraktive Perspektive sein.
Lappe: Wer einheiratet, heiratet eine Familie. Es gibt mehr Berührungspunkte und deshalb auch mehr Spannungen und mehr Risse zu kitten. Man ist einfach mehr zusammen, als wenn man seine eigenen Wege geht.
Heidrich: Es gibt mittlerweile auch Scheidungen in der Landwirtschaft, mit allen Problemen. Meine Beobachtung ist: Hinter einem erfolgreichen Betrieb steht eine intakte Familie. Diese Verzahnung ist positiv, deshalb ist unsere Landwirtschaft so konkurrenzfähig.
Ponfick: Familie ist das A und O. Meine Frau ist Einzelkind, wir sind eine Großfamilie. Meine Schwester wohnt noch mit daheim, mein Bruder ist weggezogen; Oma, Vater und Mutter sind mit auf dem Hof und dazu ein Lehrling. Natürlich muss meine Frau als kleines Zahnrad in diesem Getriebe ihren Platz suchen und finden. Aber das macht sie.
Zimmermann: Letztes Jahr geheiratet.
Sendelbeck: Der ist noch euphorisch.

(Lachen)

Ponfick: Es raucht freilich manchmal, das tut es auch zwischen meinem Vater und mir. Aber das ist normal. Wir haben umgebaut und dafür gesorgt, dass jeder seinen Bereich mit einzelnen Wohnungen haben kann. Das Wichtigste ist das gemeinschaftliche Frühstück und Mittagessen, wo die Arbeit verteilt wird. Mutter oder Oma kochen groß auf, dann essen wir gemeinsam und teilen auf, wer was macht, und abends geht wieder jeder seiner Wege.

Ist es ein Problem, dass die jüngere Generation besser ausgebildet ist als die der Eltern?
Ponfick: Das stimmt vielleicht auf dem Papier, aber Erfahrung kann man nicht aufwiegen. Ich rechne es meinem Vater sehr hoch an, dass er mir viel Freiraum lässt, etwas auszuprobieren. Manchmal kommt er und sagt: Hab ich dir doch gleich gesagt. Aber eben nicht immer, das ist wichtig. Er ist nicht der Typ, der sagt: Das haben wir schon immer so gemacht.

Und wie ist das für Sie – jetzt kommen Ihre Kinder auf den Hof und sind besser ausgebildet als Sie, können Sie ihnen die Zügel überlassen?
Zimmermann: (lacht) Das werden wir in den nächsten fünf Jahren sehen, fragen Sie mich dann noch mal.
Sendelbeck: Du wirst schon sehen, wie die Haare grauer werden.
Zimmermann: Das ist der Findungsprozess, das wird sich zeigen, wie groß die Reibungen sind. Und wie extrem sie fordern, in eine andere Richtung zu gehen. Wenn sie leicht abweichen, wird es sicher leichter zu sagen: Du findest dich, du probierst dich aus. Aber wenn er eine Kehrtwende um 180 Grad macht, dann würde ich schon sagen: Burschi, damit hab ich ein Problem.

Wie erleben Sie das Leben mit Familienanschluss für Lehrlinge oder Mitarbeiter?
Sendelbeck: Meine Frau ist berufstätig, und wir haben trotzdem einen Vollerwerbsbetrieb. Meine Eltern verstehen das bis heute nicht. Wir haben einen Mitarbeiter, der mit uns am Tisch sitzt. Das können Sie sich vielleicht gar nicht vorstellen als Angestellte. Das wäre, wie wenn Ihnen die Frau Ihres Geschäftsführers jeden Tag das Essen hinstellt. Bei uns ist das so. Der Mitarbeiter ist Mitglied der Familie, er geht bei uns ein und aus. Für mich war im Bewerbungsverfahren am wichtigsten, dass er auch mit den Kindern umgehen kann und ihnen ein rechtes Bild vermittelt. Es kann nicht sein, dass er sich nach dem Essen eine anzündet oder ein Bier zischt. Das ist auch eine soziale Verantwortung.

Aber es hat doch Tradition in der Landwirtschaft, dass mehr als nur die Familie mit am Tisch sitzt. Früher hieß das Knecht.
Sendelbeck: Mit dem Begriff muss man heute aufpassen. Das ist ein hartnäckiges Klischee und schwierig für die Leute, die als Mitarbeiter auf einem Hof sind. Das hat auch unser Mitarbeiter sofort zu hören bekommen. Als er die Anstellung hatte, hieß es, jetzt bist du dem Sendelbeck sein Knecht. Er hat die gleiche Ausbildung wie ich! Der Begriff gehört heute wirklich nicht mehr hin. Es sagt auch keiner zum zweiten Mann in einer Schreinerei, er sei der Knecht. Das sind alles hoch qualifizierte Mitarbeiter.

 

"Wer einheiratet, heiratet eine Familie. Es gibt mehr Berührungspunkte und deshalb auch mehr Spannungen."
Karl Lappe (49), Kreisobmann Bayerischer Bauernverband, Schöchleins

 

 

Wie groß ist die Bereitschaft, viel Geld in Betriebe zu investieren?
Heidrich: Es gibt 40 Betriebe im Landkreis Bayreuth, die im letzten Jahre über eine halbe Million Euro investiert haben, um Ställe zu bauen oder zu erweitern.
Zimmermann: Wenn man 100 Kühe hat und baut einen neuen Stall auf die grüne Wiese, muss man mit 10 000 Euro pro Kuhplatz rechnen, dann sind Sie bei einer Million Euro.
Sendelbeck: Neu auf die grüne Wiese. Keine Umbauten.
Heidrich: Die 40 Betriebe sind eine Mischung, einige erweitern, andere bauen ganz neu. Im Norden Deutschlands gibt es nicht viele Nebenerwerbsbetriebe. Unsere Landwirtschaft hier ist zu 60, 65 Prozent von Betrieben geprägt, die das nebenbei machen. Wenn man von Massentierhaltung und ausgeräumter Landschaft spricht, trifft das auf unsere Region nicht zu.
Sendelbeck: Großbetriebe wie im Norden wird es hier nicht geben, das geht von der Struktur her gar nicht.
Lappe: Wenn vom Osten nichts mehr übrig bleibt – die Flurbereinigung, die sie gemacht haben, ist dauerhaft und weltweit einmalig gewesen. Die Betriebsgröße ist aber nicht entscheidend. Denn es soll jeder einen so großen Betrieb führen, wie er sich zutraut. Entweder mit der Familie oder mit Mitarbeitern. Es bringt nichts, wenn einer das große Rad dreht, investiert, erweitert und unterm Strich steht eine rote Zahl. Ich bin ein Verfechter von gesunden Bilanzen und gutem Eigenkapital. Zinsen fressen aus der Suppenschüssel mit.
Heidrich: Wir haben eine unbestreitbare Entwicklung, die vom technischen Fortschritt vorgegeben wird. Was heute eine Familie schaffen kann, ist eine Größenordnung von 80 Kühen. Vor 20 Jahren war das undenkbar, und wir wissen nicht, was in 20 Jahren sein wird. Die Grenzen werden sich verschieben. Die Tüchtigen werden den technischen Fortschritt umsetzen, eine Zeit lang einen Vorsprung haben. Dann kommt der Rest nach und übernimmt die gleichen Techniken.

Vor zehn Jahren wurde politisch mit dem Schlagwort vom Bauernsterben argumentiert. Im Grund ist es aber doch ein Strukturwandel, bei dem die Flächen von anderen übernommen werden. Oder gibt es das Problem, dass man Flächen nicht losbekommt?
Sendelbeck: Nein, überhaupt nicht. Das Problem ist, dass in der Region nicht genügend Flächen da sind für die entwicklungsfähigen Betriebe.
Heidrich: Ich habe ein großes Problem mit dem Begriff Bauernsterben. Ich kenne viele Betriebe, bei denen man sagen muss, es ist ein Segen, dass sie aufhören konnten. Viele können nicht aufhören, weil sie kein Altersgeld bekommen, sonst kein Einkommen hätten und anderweitig nicht vermittelbar sind. Dann müssen sie sich plagen von 55 bis 65 mit 15 Kühen im Anbindestall, der Mist wird rausgefahren und das Futter rein. Das sind Verhältnisse, die wir auch noch haben. Es ist ein Segen, wenn die aufhören dürfen. Bauernsterben ist das falsche Wort. Es ist ein großer Fortschritt, dass junge Menschen heute die Freiheit haben, ihren Beruf zu wählen und nicht Landwirt werden zu müssen. Dass sie sagen können: Nein danke, ich habe einen anderen Lebensentwurf.

Das Gespräch führten Redaktionsleiterin Christina Knorz und Chefredakteur Joachim Braun.

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