Nehmen Roboter uns die Arbeitsplätze weg?

Von Kerstin Fritzsche
- Das hätte man im Prinzip beim Projekt "ghgh" auf der diesjährigen republica auch fragen können. Vorgesehen waren aber fünf Sätze, die vervollständigt werden konnten. Mit dem Hashtag #robotwall konnte man das dann twittern - und der Roboter an der Leinwand sprühte dann den Satz auf. Am Ende der republica war dei Leinwand mit mehreren Schichten Farbe und Sätzen in mehreren Farben und Sprachen bedeckt. Foto: Kerstin Fritzsche Foto: red

130 Jahre ist die Industrielle Revolution her. Seitdem hat sich vieles, vor allem dort, wo Maschinen monotone Arbeiten im Fertigungsprozess übernommen haben, verbessert. Jetzt stecken wir mitten in der Digitalisierung. Und so manch einer hat Angst, dass Kollege Roboter ihm nicht nur assistiert, sondern ihm komplett den Job klaut. Ist das berechtigt?

1942 erschien im amerikanischen Science-Fiction-Magazin "Astounding" die Kurzgeschichte "Runaround" des sowjetischen Schriftstellers Isaac Asimov. Darin wird erstmals ein Roboter als humanoider Alleskönner beschrieben - das Vorbild aller Maschinen, die Menschen im Alltag helfen sollen, war geschaffen. Inklusive Gesetzen, die das Zusammenarbeiten von Mensch und intelligenter Maschine regeln sollten.

Das Projekt "#robotwall" auf der republica 2016 am Anfang der dreitägigen Internet-Konferenz. Besucher konnten den Content, den der Roboter auf die Leinwand sprühen soll, selbst mitbestimmen. Dazu sollten einen der folgen Sätze vervollständigen und mit #robotwall twittern. Der Roboter setzte sich dann in Bewegung. 1. Hey, Roboter, Du alleine hast gerade ____ geschaffen! Das ist bis jetzt Deine beste Arbeit! 2. Mein Roboter und ich werden ____. 3. Roboter werden niemals in der Lage sein, ____. 4. Was könnte ein Roboter-Kollege für dich tun? ____ 5. Ich möchte Roboter, weil/damit ____. alle Fotos: Kerstin Fritzsche

 

Die Robotergesetze

Sie lauten:

1. Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich) verletzen oder durch Untätigkeit gestatten, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.

2. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel 1 kollidieren.

3. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel 1  oder 2 kollidiert.

Diese heute als "Robotergesetze" bekannte Regeln waren der Grundsatz, nach dem Asimov noch mal sieben Jahre später seinen Roman "Ich, der Roboter" schrieb. Dieses Buch, 2004 sehr frei von Alex Proyas mit Will Smith verfilmt, ist heute ein Klassiker der Science-Fiction-Literatur. Aber es ist auch Grundlage der Computerwissenschaft, genauer: der Robotik. Und seitdem gehören die Themen Arbeit und Roboter zusammen.

 

Roboter und Arbeit - eine lange, vielfältige Verbindung

Schon der gemeinsame Wortstamm aus dem Russischen sagt es ja: Arbeit betrachten wir oft als etwas Mechanisches, Beschwerliches, Monotones. Die Assoziation, die sich populärwissenschaftlich festgesetzt hat, beinhaltet nicht kreative Arbeit mit dem Kopf, sondern zielt allein auf sich wiederholende, höchstens körperlich fordernde Tätigkeiten. Wir stehen montags auf und denken mit Wehmut angesichts des gerade vergangenen Wochenendes "Oh nee, schon wieder roboten gehen!".

Gleichzeitig ist es paradoxerweise ja tatsächlich so, dass Maschinen den Menschen seit der Industriellen Revolution die Arbeit erleichtert haben, vor allem in den Bereichen, die hochgradig mechanisiert sind - dass sich dadurch nicht unbedingt die Monotonie gelegt hat, ist eine andere Geschichte.

 

Den humanoiden Alleskönner will jeder...

Asimovs Vision vom humanoiden Alleskönner sei auch die Vision von Robotikern, heute mehr denn je, 66 Jahre nach Erscheinen von "Ich, der Roboter", sagt Dominik Henrich, Professor für Angewandte Informatik an der Uni Bayreuth. "Dieses Bild hat geprägt, das wünscht sich jeder. Das Problem dabei: So ein Roboter ist nur ein technisches Abbild des Menschen." In der Mechanik sei man da relativ weit in der Anpassung; der humanoidste Roboter, den es seit 2000 gibt, ist der Asimo von Honda.

Der kann zwar grüßen, tanzen, laufen, servieren und Kanzlerin Merkel die Hand verweigern. Aber so ein Roboter kann eben nicht "die Vielfalt der Menschlichkeit abbilden", sagt Henrich. "Er kann weder fühlen noch assoziieren. Selbst Kombinieren wird schwierig."

Als "Uncanny Valley" (unheimliches Tal) bezeichnet man das Phänomen, dass Menschen mehr Angst vor Robotern haben, je menschenähnlicher sie sind. Das wird durch diese Grafik verdeutlicht. Grafik: Wikipedia

 

... und hat doch Angst vor ihm

Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Es gibt Computerwissenschaftler, die prophezeihen einen Schichtwechsel: Intelligente Roboter würden uns demnächst bis zu 60 Prozent der Arbeitsplätze wegnehmen, weil Maschinen im Zuge der Weiterentwicklung von Künstlicher Intelligenz bald auch kognitive Fähigkeiten erlernen könnten. Googles selbstfahrendes Auto ist da im Silicon Valley schon wieder Schnee von gestern, die amerikanischen Wissenschaftler in San Francisco, Palo Alto und den andern Kader-Schmieden sind schon längst dabei, Robotern menschliches Verhalten zu lehren.

 

Prophezeihungen von riesigem Job-Verlust

Das erzeugt Ängste. Belastbare Studien und klare Zahlen gibt es bis jetzt wenig. Autoren einer Studie im Auftrag der ING-Diba sprechen von 18 Millionen Jobs, die in Deutschland durch Automatisierung verloren gehen werden. Sabine Bendiek, Vorsitzende von Microsoft Deutschland, gibt Entwarnung: "Bis jetzt sind nur 0,4 Prozent unserer Arbeitsplätze durch Ersetzung in Gefahr."

Die BBC in England hat letztes Jahr einen virtuellen Test erstellt. Auf einer Website kann man eingeben, was man von Beruf ist, und man bekommt ausgeworfen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Roboter einem den Job wegnimmt. Logisches Ergebnis: Je höher automatisiert die Arbeit ist, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass man sie verliert. Vom flächendeckenden kompletten Ersatz von Arbeitsplätzen seien wir weit entfernt, meint Bendiek. 

Problem: Die Bereiche sind nicht integrierbar

Das findet auch Dominik Henrich. "Wir sind da mit der Entwicklung entsprechender Robotik auf dem Niveau eines Säuglings." Das Hauptproblem sei, dass momentan die einzelnen Bereiche nicht integrierbar sind. Klar ist, dass Kollege Roboter in vielen Werkshallen einen festen Platz hat - und dieser noch ausgebaut werden soll. "Cobots" ist der neue Begriff. Da, wo sich Robotik zusammen mit den Naturwissenschaften weiterentwickelt, etwa auch an der Uni Bayreuth, setzt man auf Mensch-Roboter-Kollaboration mit entsprechender Programmierung. "Roboter sollen den Menschen assistieren, etwa Sachen bewegen, anreichen oder in eine Reihenfolge bringen. Das ist noch weit weg von intuitiv. Wie soll ein Roboter zum Beispiel gleichzeitig Farben erkennen und dann Gegenstände nach Farbe bereitlegen, wenn er nicht weiß, wo links und rechts ist?", erklärt Henrich.

Neue Anwendungsgebiete gibt es zuhauf

Neue Anwendungsbereiche sieht der Robotiker viele: Kleinproduktion, Labor, Küche, Werkstatt, Büro. Dass die Technik der Sensorik plötzlich breiter verfügbar ist, habe hier für einen Quantensprung gesorgt, so Henrich. Auch Tiefenkameras sind nun billiger und kleiner. Aufgreifen von Gegenständen, Ablegen, einen Bewegungsablauf "lernen", der dann automatisiert wird - daran forscht man am Lehrstuhl für Robotik und Eingebettete Systeme in Bayreuth. Alleine und in einem bald auslaufenden Projekt gefördert von der Technologie-Allianz Oberfranken (TAO) zusammen mit der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und dem dortigen Lehrstuhl für Mensch-Computer-Interaktion. Auch Automobilkonzerne investieren in diesen Bereich, Herstellern wie Kuka in Augsburg droht gar die Übernahme durch einen chinesischen Hausgeräte-Hersteller, weil der Wettbewerb bei der Robotik für den Alltag von Anfang an global war.

"Es wird einen Job-Shift geben"

Das schafft aber auch neue Chancen. Die Organisation von Arbeit wird sich zwar verändern. "Leute werden durch zunehmende Automation Jobs verlieren", sagt Henrich. Dafür werde es aber in anderen Bereichen neue Jobs geben. "Das verschiebt sich, höherwertige Arbeit wird durch die Cobots ermöglicht." Deswegen werde Bildung immer wichtiger. Spezifizierung vor allem.

 

Experten: Bildungssystem ist für Industrie 4.0 nicht ausgelegt

Stefan Heumann von der Stiftung Neue Verantwortung denkt da sogar noch radikaler: "Das deutsche Bildungssystem ist gar nicht auf die Industrie 4.0 ausgerichtet. Statt nur lineare, chronologische Wissensvermittlung brauchen wir mehr Kompetenzvermittlung. Wir müssen lernen, lebenslang zu lernen und uns immer wieder an die neuen Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt anpassen können", sagte er bei einem Panel zur Zukunft der Arbeit auf der diesjährigen Internet-Konferenz republica.

Robotiker haben noch ganz andere Sorgen

Dominik Henrich macht auf noch ein Problem aufmerksam: "Was wir Menschen akzeptieren oder als Gefahr betrachten, ist kulturell unterschiedlich." Es sei daher sehr schwierig, gemeinsame Normen zu entwickeln, um beispielsweise auch die Sicherheit zu gewährleisten. Die Berufsgenossenschaft in Deutschland akzeptiere etwa erst seit fünf Jahren Berührungen zwischen Mensch und Roboter, und das auch nur in Grenzen. Weil freilich niemand freiwillig an sich testen lassen möchte, in wiefern die enormen Kräfte eines stationären Roboters sich auf seinen Kopf auswirken, wenn etwas schiefgeht. Aus Forschungssicht ist das paradox. "Dagegen setzen wir uns im Verkehr selbstverständlich diesen Gefahren aus", so Henrich.

Asimovs Robotergesetze wirken also nach. Noch ein langer Weg, bis Roboter selbstverständlich die "dritte Hand" des Menschen sein werden. Aber realistisch.

 

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