Diesmal isses nix“, sagt eine Operettenfreundin bei der Aufführung in der Bayreuther Stadthalle in der Pause. Sie sollte sich täuschen.

Nur in einem hat sie Recht: Die glamouröse „Frau Luna“, also die „Weihnachtsoperette“ des vergangenen Jahres, sollte die diesjährige Operette des Theaters Hof in Sachen Kostümpomp und Charme nicht ganz erreichen. Dafür glänzt das Ensemble mit etwas Anderem: mit dem kostbaren Charme des Genies Jacques Offenbachs.

Immerhin spiegelt sich in diesem Stück wie in einem durchaus nicht satirischen Brennspiegel die Pariser Gesellschaft des Kaiserreichs – und auch die Ansicht, die „man“ damals von dieser „frivolen“ Gesellschaft hatte: „Jubel, Trubel, Heiterkeit“ oder „Lichter, und all der Glanz“, wie es im Text Meilhacs und Halévys schlagend heißt.

Die historisierende Inszenierung Ulrich Peters’ lässt das Werk routiniert abspulen – und überrascht im zweiten Teil durch ein Tempo und einen farcenhaften Witz, den die Vorlage zwar vorgibt, der aber am Abend die Vorstellung wesentlich hebt.

Natürlich sind sie schon vor der Pause voll in der Rolle. Allen voran die Damen, die ein tolles, mitreißendes Quartett bilden: Stefanie Rhaue als „Schlange“ Metella, Bele Kimberger als hübsche schwedische Baronin, Inga Lisa Lehr als Hutmacherin Gabrielle, Tanja Kuhn als Verführungsgöttin Pauline. Was diese vier Damen allein an Stimmkraft, vokalem Charme und „frivoler“ wie doppeldeutig anzüglicher wie eindeutig zärtlicher Charakterisierungskunst mitbringen, lohnt schon das Eintrittsgeld.

Nicht, dass es dagegen die Männer leichter hätten. Wenn Karsten Jesgarz und Andreas Bühring die beiden Drahtzieher der verführerischen Verführung der Fremden mit Hilfe eines Corps von allesamt falschen Vertretern der „höheren Gesellschaft“ ins Werk setzen und Andrés Felipe Orozco und Martin Nyvall als hyperaktiver Schuster Frick und hals- und zungenbrecherisch auftretender Brasilianer den bunten Reigen aus kleinen Parisern und großen Gästen vervollständigen, entspringt der Witz vor allem im Champagnerrausch des Tanzes.

Zentral sind ja die großen Cancan-Szenen, deren Choreographie von Fiona Copley nach den klassischen Mustern vorgenommen hat: wobei das „Frivolste“ die Schnippschnappbeine der liegenden Grisetten sind. Daneben aber erobern immer wieder zweifellos empfindsame Töne die Bühne des Spiels: wenn Gardefeu (Jesgarz) seiner Metella nachtrauert und sich Metella schließlich doch das Türchen zum abgetanen Galan offenhält.

Für den Rest, den die Pariser Truppe dem glänzend betrogenen Schwedenbaron bereitet (der mit Birger Radde eine eher elegante denn tumbe Verkörperung gefunden hat), sorgt ein kleines Corps von solistisch besetzten Choristinnen: die „Nichten des Portiers“. Schöne Nichten! Der Hofer Opernchor kann wieder einmal zeigen, welche Einzelkräfte das Ensemble formen.

Der letzte Rest aber wird vom kleinen, schneidig aufspielenden Orchester unter der Leitung Roland Viewegs ins Haus gezaubert: ein reiner Rausch – und zwischendurch und immer wieder die Klarheit, die sich nur ein französischer Komponist mit Hilfe seiner gegenwärtigen Interpreten erzaubern konnte, die das Beste des rheinischen Karnevals an die Seine und an den Roten Main transportierten.


INFO: Die Operette „Pariser Leben“ von Jacques Offenbach ist an Silvester im Theater Hof zu sehen – um 19.30 Uhr.