Nach zwei Jahren Wieder auf Banz

Christian Kreuzer

Nach zwei Jahren Pause kehrt das Musikfestival auf der Klosterwiese zurück. Die Wiedersehensfreude ist groß. Auch bei einem Überraschungsgast, der plötzlich zum Mikro greift.

Chris de Burgh hat einfach immer recht. „Es braucht nur einen Mann, um eine Tür zu öffnen. Um einer Million Menschen eine Stimme zu geben.“ So singt er es in „Legacy“, dem finalen Titel seines neuesten Albums, das auch bei den Liedern auf Banz am Freitag den Schlusspunkt seines Auftritts bildet.

Hier ist er dieser Mann. Der Altmeister und hoffnungslose Romantiker, der eigentlich nur mit seinem ersten Gitarrengriff anklopfen muss. Dann machen die Konzertbesucher auf der Klosterwiese die Tür zu ihren Herzen ganz von selbst weit auf – und wollen sie eigentlich so schnell nicht wieder schließen. Sie erheben ihre Stimme lauthals, als der 73-jährige Ire ihnen zum Abschied zuwinkt. Sagen Danke für „Sailing Away“, „Missing You“ – und natürlich für den Klassiker unter den Klassikern: der „Lady in Red“, bei der vom Teenager bis zum Senior wirklich JEDER auf der Klosterwiese seine weibliche Begleitung zärtlich in den Arm nimmt.

Die Romantik hat an diesem Abend viele Gesichter – sogar ein fränkisches. Die Bamberger Lokalmatadore vom „Kellerkommando“ versuchen zwar zunächst alles, um sie in ihrem flotten Mix aus Neuer Volksmusik, Ska und Punk geschickt zu verbergen. Als dann aber Frontmann David Saam augenzwinkernd über die großen Gefühle seines Großvaters über „sei Kunnerla“ sinniert, die so „schö rund und dick“ zum Ankuscheln ist, wird selbst der härteste Franke weich. Sentimentalität ist halt, was man draus macht.

Die Entdeckung des Abends

Womit wir bei Alexandra Janzen wären, der wohl spannendsten Neuentdeckung des Abends. Die 39-jährige Wahl-Berlinerin – heuer neben Max Prosa und Georg Auf Lieder Nachwuchspreisträgerin in Banz – war über das Stadium der Newcomerin längst hinaus, tourte in einer englischsprachigen Band um die Welt, setzte dann aber „alles auf Null“. Nun gilt bei ihr: Deutsch statt Englisch, Crowdfunding statt Plattenvertrag. Tiefgang statt Mainstream. Ein Dreiklang, der sich verdammt gut anhört. Weil er nicht mit Pathos überladen ist. Weil Janzens wunderschöne Stimme wie eine sanfte Brise vorüber weht, die im Angesicht der untergehenden Sonne in Banz die Menschen mit geschlossenen Augen träumen lässt. Eine wahre Wellnesstherapie für die Seele.

Eine solche hat auch Sarah Straub im Sinn, ihres Zeichens Liedermacherin mit Psychologie-Diplom und Doktortitel. Doch der Funke will an diesem Abend nicht so recht aufs Publikum überspringen. Ein Ass aber hat sie im Ärmel: Konstantin Wecker, der eigentlich erst für sein Geburtstagskonzert am Sonntag angekündigt war, steht plötzlich für ein Duett neben ihr. „Sarah ist so oft Gast auf meinen Konzerten gewesen. Jetzt wollte ich einmal ihr Gast sein“, sagt der Großmeister strahlend – und sichert der Künstlerin damit an ihrem 36. Geburtstag die Standing Ovations des Auditoriums.

Banz als Familie

Es ist dieses familiäre Miteinander von Superstars und aufstrebenden Talenten, das den Banzer Spirit nach zweijähriger Corona-Pause wieder durch den Gottesgarten wabern lässt. Da sind Dauerbrenner wie Haindling, die sich im Schatten des oberfränkischen Klosters eingerichtet haben wie in ihrem eigenen Wohnzimmer. Deren Klassiker „I hab di lang scho nimma gsehn“ nach Corona eine erstaunlich aktuelle Sehnsucht der Menschen auslöst.

Und dann ist da Georg Auf Lieder, der während der Pandemie mehrere Hundert ganz private Wohnzimmerkonzerte gespielt hat, ja spielen musste. In Banz steht der Hamburger mit bolivianischen Wurzeln nun beinahe überwältigt vor ausverkauften Rängen und besingt mit der brachialen Kraft seiner Stimme und mit erdrückender Ehrlichkeit sein bisher sehr kurvenreiches Leben. Max Prosa und Hubert von Goisern wiederum beweisen, dass es nie zu früh oder zu spät sein kann, sich für das Richtige einzusetzen. Beide beschwören den Geist für eine bessere Welt ohne Krieg und Umweltzerstörung. Der eine, Prosa, eher zurückhaltend mit vielen Zwischentönen. Der andere, von Goisern, mit der vollen Wucht seiner Band und einer Jahrzehnte währenden Karriere im Rücken.

Der Wahnsinn des Alltags

Die Abteilung Humor leiten an diesem Abend Die Feisten und Annett Louisan. Mit viel Wortwitz und Leichtigkeit besingen sie den Wahnsinn des Alltags, mal eher derb, mal feingeistig. „Ich will doch nur spielen“, gesteht die Grande Dame des deutschen Chansons, als sie ihren ersten großen Hit zum Besten gibt – und belegt danach eindrucksvoll, dass nach zuletzt vier Jahren ohne Album wieder mit ihr zu rechnen ist.

Bodo Wartke dagegen sollte man IMMER auf der Rechnung haben. Der Klavierkabarettist, der von der ersten Minute des Festivals bis zum großen Finale am Samstagmorgen um 1 Uhr als Gastgeber brilliert, trifft jede Pointe genauso exakt wie die Töne am Klavier. Er liebt Banz und Banz liebt ihn, wobei der Anfang dieser Beziehung – vorsichtig formuliert – unter keinem guten Stern stand. 2001 war es, also vor 21 Jahren, als Wartke selbst zu den Nachwuchspreisträgern der Hanns-Seidel-Stiftung zählte.

Doch die Freude hierüber endete jäh im Gewitterschauer des zweiten Festivaltags, wie Wartke zurückblickt. Es goss in Strömen, irgendwann zerstörte ein Blitz die Technik – und für ein Gedicht wurde der damalige Newcomer sogar ausgebuht. Für das Folgejahr engagiert wurde Wartke nach eigener Aussage nur aus Mitleid, weil er sich an jenem verhängnisvollen Regentag als Einziger auf die Bühne getraut hatte. Mittlerweile ist er ein gefeierter Star und gehört bei den Liedern auf Banz zum Inventar. Es muss also nicht immer alles so schlimm enden, wie es angefangen hat.

Das gilt an diesem Tag übrigens auch für das Wetter. Nach einer langen Hitzewelle hatte es fast den kompletten Freitag über geregnet. Doch als die ersten „Lieder auf Banz“ erklingen, strahlt die Sonne. Bis zum Schluss bleibt es trocken. Oder wie es Wortakrobat Bodo Wartke vielleicht sagen würde: Banz so, wie es sein soll.

 

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