Wie sind Sie auf die Idee gekommen, als Journalistin auf die Walz zu gehen?
Jessica Schober: Ich habe mal einen Artikel über eine Wandergesellin geschrieben, die mich total umgehauen hat. Sie war auf der Bäckerwalz. Sie wusste wirklich morgens nicht, wo sie abends schläft. Sie hat die Rezepte gesammelt und gesagt: Bei jedem Meister kann ich etwas dazulernen. Zu dieser Zeit haben auch immer alle an der Journalistenschule zu mir gesagt, dass Journalismus ein Handwerk ist. Da dachte ich zum ersten Mal, vielleicht könnte ich das als Journalistin wirklich ausprobieren. Und die Bäckerin hat mich dann gefragt, was mich davon abhält.

Sie haben jetzt die ersten Stationen hinter sich gebracht. Haben sich bisher Ihre Erwartungen, vielleicht aber auch Befürchtungen bestätigt?
Schober: Ich hatte die Sorge, dass die Leute mein Anliegen nicht verstehen und dass mich alle auslachen. Bisher bin ich immer am Lachen, weil alles total gut klappt. Leute sammeln mich auf der Straße ein und fragen: Kann ich Sie irgendwo mit hinnehmen. In Pfaffenhofen hatte ich einen Platten am Fahrrad, das ich zuvor geschenkt bekam. Da kam einer auf mich zu und sagt, er habe von mir in der Zeitung gelesen und wie er mir helfen kann. Die Leute sind großzügig und gastfreundlich. Ich habe bisher noch nie irgendwo geschlafen, wo ich mich nicht wohlfühlte. Entweder habe ich bei Redakteuren übernachtet oder unter freiem Himmel. Beruflich war ich sehr überrascht, wie nah mich die Leute an ihre Schreibtische und in ihre Herzen lassen. Insofern hat sich keine Befürchtung bewahrheitet. Und Erwartungen versuche ich keine zu haben.

Welches Ziel steuern Sie als nächstes an?
Schober: Ein Ziel habe ich tatsächlich, weil ich wissen will, wie die echte Walz läuft. Ich bin ja keine echte Wandergesellin, sondern versuche nur, die Regeln auf den Lokaljournalismus anzuwenden. Ich möchte gerne in Norddeutschland an einen Ort fahren, an dem sich viele Wandergesellen zu einer Art Sommerbaustelle treffen. Ich will wissen, wie die so ticken.

Sie sagen selbst, Sie sind keine echte Wandergesellin. Wie reagieren andere Wandergesellen, wenn Sie ihnen begegnen?
Schober: Ich habe unterwegs noch gar keinen getroffen. Vorher hatte ich aber Kontakt zu vielen Gesellen. Da hatte ich sehr viele spannende Debatten mit Leuten, die mir gesagt haben, dass ich auf bestimmte Sachen achten muss: Romantisiere die Walz nicht, und verrate nicht unsere Geheimnisse. Das war ihnen extrem wichtig. Und sie haben mir gesagt, das ist deutlich anstrengender als man sich das vorstellt. Sobald man mal den ersten Winter auf der Straße mitgemacht hat, redet man vielleicht nicht mehr so lustig daher. Ich habe da viele faszinierende Leute kennengelernt, auch wenn einige nicht so ganz einverstanden waren mit meinem Projekt.

Und wie begegnen Ihnen die Leute auf der Straße?
Schober: Total offen. Mich hat einer auf der Straße aufgesammelt und gesagt, wir fahren jetzt zum Essen. Meine Frau kocht. Ein anderer zeigte mir seinen Garten, in dem er alles schick geschreinert hat. Und selbst wann man nur zu Leuten hingeht und fragt, ob man sein Wasser auffüllen darf, dann schauen sie erstmal komisch, und dann öffnen sie sich total.

Was wollen Sie für sich mit der Walz erreichen?
Schober: Ich will etwas dazulernen. In den einzelnen Regionen gibt es wahnsinnig gute Ideen, wie man Sachen machen kann. Hier beim Kurier hat mir die Serie „Der grüne Faden“ sehr gut gefallen. Ich glaube, dass ich in den einzelnen Lokalredaktionen viel mitnehmen kann. Das ist ein Zugewinn an Ideen, die ich zu Hause an meinem Schreibtisch nicht habe. Ich will noch viel mehr lernen, wie man Lokaljournalismus heute machen kann. Was ich auch spannend finde: Man lernt sehr viele Traditionen kennen. Vom Flindern wusste ich vorher nichts. Ich weiß jetzt ganz viel über die Kerwa, und dass ein Bier hier Seidla heißt.

Irgendwann ist jede Reise vorbei. Graut es Ihnen schon davor, wieder in den Alltag zurückzukehren?
Schober: Jetzt bin ich ja erst zwei Wochen unterwegs. Unter Wandergesellen gibt es das Motto: Nur zurückkommen ist schwieriger als losgehen. Gerade genieße ich erstmal meine Freiheit. Gedanklich bin ich noch gar nicht am Ende meiner Reise. Mir hilft auch das Bloggen sehr viel. Und wenn ich im tristen November wieder in München sitze, schaue ich mein Blog an und erinnere mich an die netten Leute, die mich eingeladen und bewirtet haben.