Um diese „Walküre“ in ihrer ganzen Wirkung zu verstehen, reicht es nicht, das nachzuerzählen und zu erklären, was zwischen dem Sturm im Vorspiel und dem Feuerzauber am Ende auf der Bühne passiert. Auch deshalb nicht, weil das schnell erzählt wäre – es passiert gar nicht so viel, und davon ist sehr vieles Gewöhnlich und schon dagewesen. Castorfs Coup: Anders als das „Rheingold“ ist seine „Walküre“ auf den ersten Blick als „Walküre“ zu erkennen, Hunding trägt Zylinder, das Schwert Nothung steckt in einem Stamm, Brünnhilde fällt bei Wotan in Ungnade, am Ende küsst er die Gottheit von ihr und klopft mit dem Speer auf den Boden, aufdass ein Feuermeer seine Tochter umflute.
Wer wollte schon damit rechnen, dass Castorf, wenn er die „Walküre“ inszenieren soll, auch tatsächlich die Walküre zeigt? Unter geänderten Vorzeichen natürlich. Aber wahrscheinlich ist Castorf der einzige, dem eine Überraschung auch dann gelingt, wenn er einfach nur erfüllt, was alle erwarten. Der Trick: Man muss die Zuschauer nur dazu bringen, mit der Nicht-Erfüllung zu rechnen.
Castorf erzählt die „Walküre“ als kommunistische Sozialromanze in Aserbaidschan, Schauplatz ist eine Ölbohrinsel, eine gewaltige Holzkonstruktion, die eine Mischung aus Scheune, Bohrturm, Kirche und Festung ist und vom ersten Moment an stark sehr viel Schlingensief hat. Hier wird gleich die russische Revolution ausbrechen, Hunding ist rein optisch der Zwillingsbruder Stalins, und Wotan trägt im zweiten Aufzug einen so beeindruckenden Fusselbart, wie ihn nur russische Revolutionäre tragen. Es geht um die Sache, wer sie verrät, ist ein Verräter, so einfach sind die Wahrheiten an diesem Abend.
Und das ist gar nicht so gestrig, wie es auf den ersten Blick wirkt. Weil die abenteuerliche Aufgabenstellung für einen „Ring“-Regisseur ja lautet, erstens: Diese eine, große Geschichte über drei Tage und einen Vorabend so zu erzählen, als sei sie noch nie erzählt worden, und mindestens einen noch nicht ausgeleuchteten Winkel zu finden und zu ergründen. Zweitens, doch bitte die Geschichte nicht einfach nur irgendwie spannend zu erzählen, sondern unter Einbezug der so genannten Wirklichkeit, und zwar bitte auf dem schmalen Grat zwischen Plattheit und Belanglosigkeit. Und drittens, nicht nur die Welt auf die Bühne zu holen, sondern sie auch gleich zu deuten und zu erklären, als großen Kommentar zur Zeit, als Handreichung zur Wirklichkeit. Und wenn's nur – wie diesmal – über die Frage ist, wie lange die Vergangenheit dauert – und wann sie vorbei ist.
Die Bühne dreht sich, es geht Castorf wieder um die veränderten Blickwinkel, die Aufhebung der Heimlichkeit. Zum ersten Mal bei den Bayreuther Festspielen kann man in Hundings Schlafzimmer gucken, und, noch viel besser: Auch das Duell zwischen Siegmund und Hunding ist nur auf der Leinwand zu sehen, und zwar so, dass ungelöst bleibt, wie die beiden Kämpfenden nun genau zu Tode kommen. Viel mehr Film ist nicht in dieser „Walküre“, das soll heißen: Hier liegt noch vieles im Dunkeln.
Um den Abend wirklich zu begreifen, muss man aber darüber hinaus gehen. Und ihn zum Beispiel vom Vormittag des Premierentags aus betrachten, als sich – neben dem Festspielhaus, bei Steigenberger – die Gesellschaft der Freunde zu ihrer Mitgliederversammlung trifft. Castorf ist da, um zum zweiten Mal seine Grundsatzrede zu halten, es gibt ein paar Beschwerden wegen der Videoprojektionen im „Rheingold“, die Mäzene fühlen sich erschlagen und überfordert von der schieren Wucht der Bilder, und Castorf entgegnet: Nein, das werde er nicht ändern, die Überforderung habe er genau so einkalkuliert, und es sei ja schließlich auch auf bestimmte Art paradox, sich selbst dabei zu ertappen, dass man das abgefilmte Bild eines singenden Sängers intuitiv spannender findet als den singenden Sänger selbst, den man ja auch angucken könnte. Der Mensch will betrogen werden, das zeigt Castorf, indem er ihn betrügt. Und noch einmal: Er halte nichts davon, die „Ring“-Symbolik wortgetreu zu übersetzen, all die Speere, Schwerter, Welteschen, Augenklappen. Er wolle einen sinnlichen Eindruck erzeugen. Er will mit dem Bauch verstanden werden.
Das also war der Vormittag, das war der Anspruch Castorf an sich selbst, und spätestens im zweiten Aufzug wird klar, dass er sich diesmal vielleicht selbst nicht zugehört hat. Denn auch wenn diese „Walküre“ beinahe ächzt unter der Gewichtigkeit der Gedanken, die über ihr hängen – szenisch geht das alles gar nicht auf. Siegmund steht und singt, Wotan steht und singt, Brünnhilde steht und singt. Und irgendwann in Wotans Welterzählung bringt Brünnhilde Wotan einen Stuhl, damit er nicht immerzu stehen muss. Man kann hier der Zeit beim Vergehen zusehen, und die Zeit vergeht langsam.
So viele Worte sind nötig, um dieser „Walküre“ einen Sinn abzuringen. Man kann aber genausogut wenige Worte machen. Die Musik: unfassbar großartig. Und die Szene: gut gedacht, aber leider – nur gut gedacht.
Fotos: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath