Bayreuth - Mickisch schreibt auf seiner Seite in dem sozialen Netzwerk: „„Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique‚ regieren‘ zu lassen.“ Hans Scholl 27. Juni 1942.

„Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique ‚regieren‘ zu lassen.“ Stefan Mickisch 27. Juni 2020.“

Mickisch zieht damit eine Parallele zwischen dem einstigen Nazi-Regime und der heutigen Bundesregierung.

Zum Hintergrund: Hans Scholl hatte sich im Jahre 1942 während des Nazi-Regimes gemeinsam mit seiner Schwester Sophie Scholl und weiteren Studenten in München zur Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ zusammengeschlossen. Unter anderem mit Flugblättern versuchten sie, die Bevölkerung über das Unrecht und die Gefahr aufzuklären, die von den Nationalsozialisten ausging und riefen zum Widerstand auf. Sie mussten dabei im Geheimen vorgehen. Und riskierten dabei ihr Leben, da sich Deutschland in einer Diktatur befand und Kritik an der Regierung mit dem Tod bestraft wurde.

Widerwärtig

Die von Stefan Mickisch dargestellte vermeintliche Parallele zog eine Vielzahl von sich distanzierenden Kommentare im Netz nach sich. Einer, der auf Mickischs Vergleich reagiert hat, ist Sven Friedrich, der Direktor des Richard-Wagner-Museums in Bayreuth. Friedrich, der Mickisch seit Jahrzehnten kennt, spricht den Oberpfälzer direkt an: „Was in aller Welt ist Ihnen bloß zu Kopfe gestiegen?“, schreibt Friedrich auf seiner eigenen Facebook-Seite. Und weiter: „Der zitierte Vergleich ist nun nicht einmal mehr geschmacklos, sondern widerwärtig! Indem Sie die Worte Hans Scholls im gegenwärtigen Zusammenhang der Corona-Pandemie zu Ihren eigenen machen, schänden Sie nicht nur das Andenken eines der wenigen Zeitgenossen im 20. Jahrhundert, auf die wir stolz sein können, sondern missbrauchen ihn auch noch als vermeintlichen Zeugen für den geistigen Abschaum der Gegenwart, mit dem Sie sich so gemein machen und in eine Reihe stellen. Und Sie stellen damit unsere Regierung auf eine Stufe mit dem NS-Regime.“ Eine solche Gleichschaltung sei unzulässig und in Friedrichs Augen auch strafbar.

Im Weiteren entzieht Friedrich seinem langjährigen Bekannten das vertraulich „Du“ und erklärt Mickisch zur persona nun grata im Haus Wahnfried. Ob man Mickisch dadurch, dass man auf seinen Post reagiert, nicht unnötigerweise aufwertet?

Dem Schwachsinn etwas entgegen halten

Auch der Bayreuther Museums-Direktor hat über diese Frage nachgedacht. Um sich dann klar zu positionieren: „Wenn die Vernünftigen immer die Klappe halten und sagen: lass die mal reden, dann darf man sich nicht wundern, dass zumindest der Eindruck entsteht, dass die Vollidioten die Deutungshoheit übernommen haben. Ich gehöre zu denen, die sagen: Man muss dem organisierten Schwachsinn auch etwas entgegenhalten dürfen.“ Friedrich räumt ein, dass er Mickisch für das, was er gemacht hat, lange Zeit sehr geschätzt habe. Doch sein aktueller Post „war eine Umdrehung zu viel“.

Mikisch hatte in der Vergangenheit, jenseits seiner Einführungsvorträge, immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Im Sommer 2013 war er von Polizisten abgeführt worden, weil er an der Oberfrankenhalle einem Sicherheitsmann eine Ohrfeige gegeben hatte. Später hatte Mickisch mit einem Aufsatz über Wagners Antisemitismus für Wirbel gesorgt und insbesondere in der Fachwelt heftige Kritik geerntet.

Noch in der Zeit des langjährigen und inzwischen verstorbenen Vorsitzenden des Bayreuther Wagner-Verbands, Paul Götz, hatte Mickisch sehr erfolgreich die Vorträge in der Festspielzeit gehalten. Doch es kam zum Zerwürfnis. Fortan organisierte der Pianist seine Veranstaltungen in Eigenregie. Unter anderem im evangelischen Gemeindehaus.

Zunächst eine enge Bindung und dann die Trennung - dies ereignete sich auch in München. Beim dortigen Wagner-Verband hatte Mickisch Vorträge und Gesprächskonzerte zu Wagner-Opern gehalten. Sogar im Prinzregenten-Theater. Der Wagner-Kenner wurde zum Ehrenmitglied ernannt. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Wie der Vorsitzende Karl Russwurm im Gespräch mit dem Kurier sagt, hat Mickisch selbst die Ehrenmitgliedschaft aufgekündigt. Veranstaltungen mit Mickisch werde es in München nicht mehr geben. Den aktuellen Post des Oberpfälzers bezeichnet Russwurm als „völlig aus der Welt“. Solche Vergleiche seien ungeheuerlich, dafür könne man kein Verständnis aufbringen.

Deplatzierter Vergleich

Eine weitere Wirkungsstätte des Pianisten und Wagner-Kenners ist Dresden. Dort hat Mickisch auf Einladung der Gesellschaft der Freunde der Staatskapelle Dresden Veranstaltungen zu Wagners „Ring des Nibelungen“ gehalten. In der Staatskapelle spielen viele Musiker, die auch Teil des Bayreuther Festspielorchesters sind. Ihre Heimstatt ist die Semperoper. Deren Intendant Peter Theiler zeigt sich entsetzt „über diesen Facebook-Post und den geschmacklosen Versuch eines erneuten deplatzierten Vergleichs mit den Geschwistern Scholl im Zusammenhang mit der Corona-Situation“. Und weiter: „Die Semperoper distanziert sich ausdrücklich massiv von jeglicher Art solcher Äußerungen und der damit implizierten Haltung.“

Mickisch selbst teilte auf Kurier-Anfrage nur mit, dass er derzeit mit einem Beethoven-Clip beschäftigt sei. Inzwischen ist dieser im Netz zu sehen.

Unterdessen hat sein Online-Post viele, teils entsetzte, Reaktionen hervorgerufen. Darunter auch von einstigen Festspielsängern. Arnold Bezuyen schreibt: „Den ganzen Tag habe ich über den überheblichen, schlichtweg dummen ‚Beitrag’ vom Herrn Mickisch nachgedacht. Seit vielen Jahren bin ich ihm mit Respekt und Anerkennung gefolgt ohne leider anfangs seinen Größenwahn wahrzunehmen.“ Roland Wagenführer kommentiert die Sache so: „Widerlich. Punkt.“