Denn seit Langem gab es keine Angelegenheit mit weltweiter Beachtung, die sich so gut dafür geeignet hätte, die ewige Verschwörungserzählung von den missverstandenen und zu Unrecht bestraften Serben neu aufzutischen. Vucic, andere Regierungspolitiker und Djokovics Familie in Belgrad wurden nicht müde, den Australiern vorzuwerfen, dass sie den Tennisstar quälen und schikanieren würden, weil er ein Serbe ist. Und weil Serbien stets gegen das global Böse und für die Unterdrückten dieser Welt kämpfe.
Impfgegner-Ikone Djokovic
Praktisch die gleiche Verschwörungserzählung unterfütterte die Kriege im ehemaligen Jugoslawien in den 1990er Jahren. Sie waren von Serbien ausgegangen, weil der damalige Machthaber Slobodan Milosevic beim Zerfall Jugoslawiens weite Teile Kroatiens und Bosnien-Herzegowinas einem neuen „Groß-Serbien“ einverleiben wollte. In Serbien selbst war man aber nur das Opfer.
Vucic war als Jungpolitiker Informationsminister der Milosevic-Regierung und berüchtigt für die Unterdrückung kritischer Medien. Heute gibt er sich als pragmatisch gewandelter National-Konservativer. Kritiker werfen ihm vor, unter veränderten Bedingungen weiterhin die Ziele der Milosevic-Ära zu verfolgen.
Djokovic ist ihm im eigenen Land durchaus nicht von Nutzen. Aus staatspolitischer Räson und unter dem Druck der serbischen Gesundheitsexperten verfolgt seine Regierung eine klare Linie zugunsten der Impfung gegen Corona. Trotzdem sind nur 47 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Insofern Djokovic von Impfgegnern als Ikone betrachtet wird, hält sich die Begeisterung der Belgrader Führung für ihn in Grenzen.