Im Nationalsozialismus fand der Mutterkult dann seinen vorläufigen Höhepunkt: Mutterschaft wurde zu einer umfassend erfüllenden Tätigkeit erklärt, die traditionelle Familie sollte sich um diese aufopferungsvolle Mutter herum formieren.
In der feministischen Bewegung des 20. Jahrhunderts wurde die Idee erstmals kritisch hinterfragt. Frauen forderten das Recht auf Arbeit und Unabhängigkeit, und die traditionelle Rolle der Mutter als Betreuerin wurde als Unterdrückung und Einschränkung der weiblichen Freiheit betrachtet.
Die französische Philosophin und Feministin Élisabeth Badinter argumentiert in ihrem Buch „Die Mutterliebe“, dass ebendiese Mutterliebe eine moderne Erfindung sei und Frauen dadurch in eine Rolle gedrängt würden, die ihrer Freiheit und Unabhängigkeit entgegenstünden.
Anlässlich einer neunfachen Kindstötung, die im Jahr 2006 vor einem Gericht in Frankfurt an der Oder verhandelt wurde, schrieb auch der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer in einem Aufsatz, der Mutterinstinkt sei eine Illusion unserer individualisierten Gesellschaft.
Die Psychologin Helga Krüger-Kirn spricht in einer TV-Dokumentation gar vom Mutterinstinkt als „männliches Phantasma“. Die Mutter, wie wir sie kennen, sei demnach eine komplett konstruierte Figur. Krüger-Kirn: „Die Mutter kann stillen, das Kind sättigen, das heißt aber noch lange nicht, dass die Mutter das Kind besser herumtragen oder beruhigen kann.“
Können Männer auch gute Mütter sein?
Tatsächlich legen neurobiologische Studien nahe, dass Frauen per se keinesfalls besser geeignet sind für die Fürsorge von Kindern als Männer. Das Bedürfnis, sich um den Nachwuchs kümmern zu wollen, entstehe vielmehr aus Erfahrung und Bindung. Diese wiederum nehme Einfluss auf die Hormonproduktion.
So haben Untersuchungen ergeben, dass Väter, die sofort nach der Geburt die Pflege und Fürsorge der Babys übernehmen, einen höheren Spiegel des sogenannten Kuschelhormons Oxytocin aufweisen als Väter, die das nicht tun. Mütterliche Gefühle können also auch Väter oder andere Bezugspersonen entwickeln.
Dennoch arbeiten sich Mütter weiterhin an der Vorstellung vom natürlichen Mutterinstinkt und der perfekten Mutter ab. Die sozialen Medien unterstützen diesen Zwang zur Perfektion, indem Bilder von inszenierten, gefilterten Momenten des Lebens mit Kindern gezeigt werden.
Dabei bleibt ein eher konservatives Rollenverständnis erhalten, alternative Familienmodelle und andere Bezugspersonen in der Erziehung und Bindung zu den Kindern werden vernachlässigt.
Die heillose Überfrachtung der Mutterrolle führt zwangsläufig zu Schuldgefühlen bei vielen Frauen, die dem Idealbild nicht entsprechen können oder wollen. Die amerikanische Soziologin Amy Blackstone plädiert daher: „Den Mythos des Mutterinstinkts aufrechtzuerhalten, schadet allen Frauen. Egal, ob sie Kinder haben oder nicht.“