Am Montag spielen Sie im Markgräflichen Opernhaus, einem für den Jazz eher untypischen Ort – erfasst einen da ob der Historie eine gewisse Ehrfurcht?

Michael Wollny: Für mich haben Orte sehr viel Einfluss auf die Energie eines Konzerte, die Ideen, die den Spielverlauf prägen – und das hängt zusammen mit Akustik, Atmosphäre, Architektur und dem Publikum. Insofern würde ich es nicht Ehrfurcht nennen – denn das klingt für mich nach Blockade –, sondern eher Respekt und Demut, dass wir unsere Musik vor dieser einzigartigen Kulisse erfinden dürfen. 

"Die historische DNA des Opernhauses"

Wie wirkt sich das auf Ihr Spiel aus?

Wollny: Zunächst rechne ich mit einer sehr speziellen Akustik und glaube, dass die historische DNA des Hauses unsere Energien hier und da lenkt. Vielleicht kann man das am ehesten an bestimmten Proportionen merken – wie lange etwa Ideen in einer solchen Umgebung tragen oder wann sie sich verwandeln wollen. Doch möchte darüber im Vorfeld gar nicht zu sehr nachdenken...

Gut, dann lassen Sie uns über etwas anderes nachsinnen – was zeichnet einen Star aus?

Wollny (lacht): Was ist ein Star… ich glaube, ein heimischer Vogel.

"Ich bin über die Aufmerksamkeit sehr glücklich"

Nun sind Sie zwar kein heimischer Vogel, aber sind Sie ein Star?

Wollny: Ja, man liest so etwas immer wieder und wundert sich… Ich bin über die Aufmerksamkeit, die mir in den letzten Jahren gewachsen entgegenschlägt, sehr glücklich. Wir haben in den letzten 15 Jahren schrittweise immer mehr Leute erreicht, und das ist eine wahnsinnig komfortable und tolle Situation, für die ich sehr dankbar bin. Aber zu sagen, ich fühle mich jetzt als Star, das würde mir nicht über die Lippen kommen.

Michael Wollny Trio, "Klangspuren". Quelle: Youtube

Das klingt sehr bescheiden und sympathisch, aber wie heißt es so schön: Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommst du ohne ihr…

Wollny (lacht): Ich glaube das Gegenteil ist wahr. Früher oder später lernt man – gerade in einem Metier, das so unmittelbar über die Improvisation funktioniert wie die Jazzmusik – dass Äußerlichkeiten eigentlich eher stören und auch destruktive Kräfte entwickeln können. Wenn ich auf die Bühne gehe, interessiert mich die Interaktion mit den Elementen vor Ort: mit den Musikern, den Zuhörern, den Instrumenten und der Akustik.

Das klingt, als würde Ihnen das Rampenlicht wenig bedeuten.

Wollny: Ich schätze die mir zugewandte Aufmerksamkeit – dafür bin ich wirklich dankbar, denn das ist überhaupt nicht selbstverständlich, zumal mit der Musik, die wir spielen. Zu erleben, dass man wirklich jeden Abend Neuland suchend frei und offen musizieren kann, und dass dies vor 800 oder 1000 Leuten funktioniert, die hinterher alle berührt sind: Das ist schon ein Privileg.

"Was ist ein Star, was ist Pop?"

Weniger freundliche Zeitgenossen merken an, Ihr Erfolg resultiere aus dem Umstand, dass Sie der Popstar des Jazz seien – sind Sie ein solcher?

Wollny: Über den Star haben wir ja schon gesprochen… (lacht). Zweifellos machen das Label und der Verlag eine sehr gute Öffentlichkeitsarbeit und haben es immer gut verstanden, unserer Arbeit eine gewisse Aufmerksamkeit zu bescheren – und dafür bin ich enorm dankbar. Den Begriff ‚Popstar des Jazz‘ müsste man aber erst mal definieren: Was ist ein Star, was ist Pop? Was ist ein Popstar, was ist Jazz?

Und wie fällt Ihre Definition aus?

Wollny: Das sind jeweils sehr weite Begriffe – und wer nun meint, Pop sei etwas, das populär ist: Ja, angesichts der Musik, die wir machen, ist es in der Tat ein unheimlich großer Kreis, der zuhört. Doch ich glaube nicht, dass die der einzige Grund ist, sondern dass immer mehrere Sachen zusammenspielen müssen.

Sie selbst haben also nie Berührungsängste gegenüber den anderen Genres gehabt?

Wollny: Nein, gar nicht. Wir sind heute von einer großen Gleichzeitigkeit umgeben, wo vieles nebeneinander stattfindet und sich alles auch irgendwo beeinflusst – und zwar unter dem Filter der persönlichen Ästhetik, des eigenen Geschmacks und der eigenen Wahrnehmung. Und da liegen spätromantisches Motivgut und eine Freejazz-Improvisation auf einmal gar nicht mehr so weit auseinander, sondern das kann schon miteinander resonieren.

"Ich hatte das Glück, dass meine Schwester Musikerin ist"

Angefangen hat all das bei Ihnen schon sehr früh. Gemeinhin interessieren sich Kinder und Jugendliche für Pop oder Klassik – Ihre Vorliebe indes galt bereits in jungen Jahren dem Jazz und der Improvisation…

Wollny: …vor allem der Improvisation – dass Jazz damit etwas zu tun hat, habe ich erst sehr viel später verstanden. Ich hatte das Glück, dass meine Schwester auch Musikerin ist und mir zuhause am Klavier schon vor meinen ersten Unterrichtsstunden ein paar Sachen gezeigt hatte – und insofern war mein erster Zugang zum Klavier, Stücke zu spielen und auch Stücke nachzuspielen, die ich gehört hatte.

Anregungen unterschiedlichster Art, die Sie bis heute schätzen, spielen Sie doch nicht nur im Trio, sondern interpretieren am Klavier „Das Modell“ von Kraftwerk oder improvisieren im Kino live zum Stummfilm „Nosferatu“ – was reizt Sie an diesen Grenzüberschreitungen?

Wollny: Ich mag es einfach, Situationen vorzufinden, in denen ich mich auch erst einmal neu orientieren muss. Jeder, der improvisiert, weiß: Eine der größten Gefahren ist, Dinge zu wiederholen, die schon mal funktioniert haben – insofern ist es auch ein Mittel gegen künstlerischen Stillstand, bewusst nach einer Situation zu suchen, die ich so vorher auf der Bühne noch nicht erlebt habe.

"In der Nacht funktioniert vieles anders"

Haben Sie niemals befürchtet, dass Ihnen durch den Tanz auf so vielen verschiedenen Hochzeiten ein Image der Beliebigkeit angeheftet werden könnte?

Wollny: Nein – denn von vornherein Sachen auszuschließen, nur weil sie etwas Falsches kommunizieren könnten, das ist kein sehr fruchtbarer Weg und mir auch eher fremd. Das Einheit-stiftende Moment ist die improvisierte Musik, die im Augenblick entsteht; denn ich nehme mir ja nicht für ein Konzert Klassisches, im nächsten Synthesizer-Klänge und dann traditionelles Liedgut vor, sondern reagiere im Moment auf meine Umgebung – und im besten Falle entsteht das Ureigenste, wenn man es sich nicht vornimmt.

Und bei Ihnen offenbar vor allem in der Nacht, wie wir spätestens seit Ihrem Album „Nachtfahrten“ wissen – sind Sie ein Geschöpf der Nacht?

Wollny: Ich befürchte ja (lacht)… In der Nacht funktioniert vieles anders, und wenn ich nachts Sachen schreibe oder spiele, dann sind die Dunkelheit und die Nacht eine ideale Umgebung – einfach weil so viel Raum vorhanden und Konzentration möglich ist. Überhaupt hat mich die Nacht immer interessiert, in allen Genres: ob Literatur, Film oder Musik – das fing als Fünfjähriger mit „Der kleine Vampir“ an und hört bei David Cronenberg auf (lacht).

Das klingt, als zöge Sie die schwarze Romantik mit all ihren Abgründen geradezu an.

Wollny: Ja – und wenn man länger darüber nachdenkt, finden sich da auch durchaus Parallelen zur Musik. Angefangen von den Grenzüberschreitungen über das Improvisieren als Spiel am Abgrund, wo man jederzeit abstürzen kann bis hin zur Suche nach dem Unbekannten. Oder auch Zustände wie Fieber, Ekstase, sich aus dem Bewussten herauszubewegen und das Unbewusste zu suchen: All das findet sich ja in beiden Genres.

INFO: Das Michael Wollny Trio ist bei der Musica am 4. Juni in Bayreuth im Markgräflichen Opernhaus zu erleben, 19.30 Uhr, Restkarten an der Abendkasse