Fotograf Michael Wesely Das Gefühl von Entschleunigung

Roman Kocholl

Er hält den Auslöser länger gedrückt als andere. Eines der Markenzeichen von Michael Wesely ist die Langzeitbelichtung. In der Ausstellungshalle im Neuen Rathaus sind nun Arbeiten des in Berlin lebenden Fotografen zu sehen.

Der Berliner Fotograf Michael Wesely vor seiner jahrelang belichteten Arbeit aus der Neuen Nationalgalerie Berlin. Foto: Ralf Münch

Bayreuth - Ein Foto über mehrere Jahre belichten? Wie kann das funktionieren?

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Michael Wesely hat es getan. Bei der Renovierung der Neuen Nationalgalerie in Berlin war er dabei. Seine Kameras waren in der großen Halle montiert. Sie hingen in der Mitte des Raums und fotografierten in vier Richtungen. Knapp fünf Jahre hat dieser Prozess laut Wesely gedauert, wobei man jeweils die Nachtzeiträume abziehen muss. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wurde fotografiert. In der Dunkelheit durfte sich der Auslöser erholen.

Wer nun glaubt, dass dabei ein ziemlich verwaschenes Bild herauskommen würde, irrt. Der Blick durch die Fenster des Museums ist erstaunlich klar. Hingegen überlagern sich im Inneren des Raums mehrere Schichten, was die Sache etwas Spukhaft erscheinen lässt. Man könnte auch sagen: Die Langzeitbelichtung sammelt die Momente der Gegenwart und die Schichten der Vergangenheit und fügt diese zu einer künstlichen Realität zusammen, in der beide Ebenen zusammen existieren.

Zeiträume belichten

In der Ausstellungshalle im Neuen Rathaus ist die großflächige Fotografie aus der Neuen Nationalgalerie zu sehen. Sie dürfte wohl viele Besucher in ihren Bann ziehen.

„Das Interesse am entscheidenden Augenblick habe ich angezweifelt“, sagt der Künstler, der zur Vernissage nach Bayreuth gekommen war. Ihm gehe es nicht darum, Momente zu definieren, sondern Zeiträume zu belichten. Seine Fotografien beinhalten Aktionen. Sie erzeugen das Gefühl von Entschleunigung.

Schüler einer Klasse fotografiert

Michael Wesely ist für diese Ausstellung des Kunstvereins Bayreuth nicht zum ersten Mal in die Stadt gekommen. Im Jahr 2015 realisierte er am Markgräfin Wilhelmine Gymnasium ein außergewöhnliches Projekt. Er fotografierte die Schüler einer Klasse, allerdings nicht so, wie man das kennt. Würden die Gymnasiasten von damals nun die Ausstellung besuchen, würde sie sich nicht wieder erkennen. Was daran liegt, dass Michael Wesely alle Porträts übereinander geblendet hat. „Eine Klasse zeigt sich als Individuum“, sagt der Fotograf. Jeder ist Teil des Ganzen.

Vielleicht unbeabsichtigt liefert der Künstler damit auch einen Beitrag zu Gender-Diskussion, denn in den Fotografien verschmelzen männliche und weiblich Gesichtsmerkmale.

Großformatige Bilder

Erneut ist dem Kunstverein Bayreuth eine äußerst sehenswerte Ausstellung gelungen. Michael Weselys großformatige Bilder hängen nicht nur in den wichtigsten Sammlungen Deutschlands, auch international findet sein Werk große Anerkennung. So etwa 2004 bei der Einzelausstellung „open shutter“ im New Yorker Museum of Modern Art, oder im vergangenen Jahr in der Columns Gallery in Singapore und im Mies van der Rohe Pavillon in Barcelona. Neben seinen Langzeitbelichtungen aus der Neuen Nationalgalerie in Berlin sorgten auch seine jeweils mehrere Jahre dauernden Fotografien des Baus des Humboldtforums für Aufmerksamkeit.

In der Ausstellungshalle im Neuen Rathaus in Bayreuth zeigt Michael Wesely einen Querschnitt durch sein Werk. Der Besuch lohnt sich.