Am liebsten wäre ihm gewesen, Film wäre ein Spiel aus Licht geblieben. Der Tonfilm, meinte Charlie Chaplin, zerstöre "die älteste Kunst der Welt, das schöne, große Schweigen". Allerdings entzog er sich dem unausweichlichen Umbruch nicht. Zum letzten Mal verweigerte Chaplin dem Kino die Worte 1936 in "Moderne Zeiten", der hochkomischen Horrorvorstellung eines zur Fließbandtätigkeit verkümmerten Lebens. Als Mechaniker fällt er darin allumfassender Mechanisierung zum Opfer und kehrt der durchindustrialisierten Welt am Ende mit einem Waisenmädchen den Rücken. Solch einen Unbehausten, den "Tramp", gab er im Grunde stets: Mit Melone und Stöckchen machte er sich unverkennbar - nicht zuletzt mit seinem Bärtchen. Das Prioritätsrecht daran reklamierte der Spaßmacher in Zeitungsannoncen für sich: Der um vier Tage jüngere "Führer" des "Dritten Reichs", Adolf Hitler, habe ihm den Schnauzer geklaut. Drastischer ging Chaplin mit seinem teuflischen Pendant im "Großen Diktator", seinem ersten Tonfilm, ins Gericht. In der Satire, die heute vor 75 Jahren in die Lichtspielhäuser kam, spielt er als machtbesessener Despot Hynkel traumverloren mit einer ballonleichten Erdkugel, bis sie ihm zwischen den Fingern zerplatzt. 1952 bezog sich Chaplin in seinem schwer sentimentalen, bildkünstlerisch indes beachtlichen Spätwerk "Rampenlicht" als alternder, todnaher Spaßmacher Calvero auf sich selbst: In dem Rührstück steckt verfremdet viel von ihm. Noch mehr, und nur Konkretes, verrät jetzt das "Charlie Chaplin Archiv" des Taschen-Verlags mit seinen 560 Seiten voller Texte und 900 Fotos. 34 mal 47 mal 8 Zentimeter: 150 Euro kostet der Foliant. Mithin wäre er für einen Besitzverweigerer wie Mohandas Karamchand Ghandi nicht infrage gekommen; allerdings hätte das Buch ihm erschöpfend geantwortet, als der Schauspieler ehrerbietig um ein Treffen mit dem Mahatma bat und der lächelnd fragte: "Sagen Sie mir erst: Wer ist Mister Chaplin?"
Meinungen Licht mit Ton
Von Michael Thumser 15.10.2015 - 00:00 Uhr